Einzelbild herunterladen

*

dung gefehlt hat. Denn nur, wo der Einzelne bejaht, wo seine Person, sein Schicksal, seine Not und seine Schuld einen Sinn haben, kann Gemeinschaft entstehen. Alle Gemeinschaft lebt von dem heimlichen Widerstand, der um ihretwillen überwunden wird. Ihre Kraft ruht darin, daß sie eine Spannung umgreift, und ist um so größer, je selbständiger die Menschen sind, die sich in ihr einem gemeinsamen Willen unterwerfen. Nur Personen, nur Einzelne können eine Gemeinschaft bilden. Eine Herde 2. B. ist das Gegenteil einer Gemeinschaft.

Alle Formen wirklicher Mystik zeigen das gleiche religions- soziologische Ergebnis. Da sie das Ich auslöschen, sind sie zu wahrer Gemeinschaftsbildung unfähig. Aus diesem Grunde er- zeugen sie einen bindungslosen Subjektivismus. Die Einzelnen verlieren sich an ihre einmaligen, ihnen allein eigentümlichen Erlebnisse, die sie mit niemandem teilen können wie einen Glau- ben oder ein Wissen. Dadurch zerfallen die volkbildenden und volkbindenden Kräfte der Religion. Darum gehören die mysti- schen Bewegungen zu den mächtigsten Wegbereitern des moder- nen Individualismus.

Aber noch aus einem zweiten Grunde ist der Mystik die große, gemeinschaftsbildende Kraft versagt. Sie ist eigentümlich unsicher gegenüber dem Leben. Sie schwankt zwischen Erfüllung und Entsagung. Die deutsche Mystik des Mittelalters spricht wun- dervoll lebendig und frei, und doch wieder seltsam gehemmt von der Liebe, deren Stärke für sie im Mitleid liegt. Sie geht kräftig gegen die äußerliche Werkfrömmigkeit vor und tut die ersten Schritte, um der weltlichen Arbeit gleiche Ehre zu geben wie der mönchischen Beschauung und dem Handeln des Klerikers. Und doch hebt sie den Vorrang des Mönchtums, des Standes der Werkfrömmigkeit und der Entsagung schlechthin, niemals in Wirklichkeit auf. Auch in der Geschichte des Protestantismus wiederholen sich immer wieder zwei große Formen der mysti- schen Lebenshaltung. Einerseits eine starre Gesetzlichkeit, ängst- liche Gebundenheit an äußere Formen und Vorschriften, Kleider- und Speisengebote und symbolhafte Riten; andererseits eine Ge- setzlichkeit, die sich rühmt, in der mystischen Eingebung sicherere Weisung zu empfangen als in den alle verpflichtenden Geboten der Bibel. Beide Formen liegen immer in der gleichen Schicht mystischer Gedankenbildung nebeneinander: im Täufertum und Spiritualismus der Reformationszeit, in den Sekten des 17. Jahr-