eine heimliche Unruhe, verborgene Leidenschaften und unbeob- achtete Triebe immer wieder in ihm aufbegehren. Und wo von der Mystik nichts anderes übrig geblieben ist als das Selbstbe- wußtsein der adligen Menschenseele, da zeigt der nüchterne Blick, dasb der Adelsschild nicht so unbefleckt erhalten ist, daß der Mensch sich hinter ihm wirklich geborgen wissen könnte.
Das weiß natürlich auch der Mystiker. Aber er streift alle vergangenen Bindungen, auch die Schuld, als etwas Wesenloses ab. Sie berühren das innerste Sein des Menschen nicht. Er darf, ja muß sie wie alles Eigenleben entschlossen abwerfen und sich dem allein Seienden, der Einheit in Gott zuwenden. Er vertraut sich der sehnsüchtigen Kraft an, mit der der göttliche Funke in ihm in das Feuer, das ihn aussprühte, zurückstrebt. Was diesen Funken überschattet, läßt er als wesenlos und unwichtig dahinten. Damit scheidet die Mystik einen Teil des Menschen als unbedeutend und unwirklich aus, den Luther als bedeutend und wirklich nimmt. Ihm ist der Mensch ein Ganzes, das fort und fort geprägt wird. Nichts, was er getan und gesagt hat, kann ungeschehen gemacht werden. Jede Tat, jedes Wort meißelt sein Wesen aus. Seine Natur und sein Handeln sind untrennbar mit- einander verwoben. Schuld ist in dem, der sie begeht, ebenso wenig ungeschehen zu machen wie bei dem, an dem sie begangen wird. Wer sie meint auslöschen zu können, kann das nur, wenn er zugleich das Ich des Menschen überhaupt auslöscht. Denn das Ich des Menschen ruht nicht nur auf einer Anlage, sondern wächst in dem Geschehen, das ein Mensch in seinem Leben handelnd er- lebt und aus dem nichts wieder gestrichen werden kann.
Das Ich überhaupt auszulöschen ist in der Tat der tiefste Sinn der Mystik. Liebe und Leid, Neigungen und Bindungen, Schuld und Hoffnung fallen wie Hüllen von dem wahren Mystiker ab. Sein Ich sinkt hinunter in das Allgemeine und Eine im Seelen- grund oder im Weltall, wo alles Persönliche unwesentlich wird und das gleiche Namenlose alle umfängt. In der Schau Meister Eckharts, in der Liebesglut des mystischen Pietismus oder in der romantischen Auflösung im Universum wird das persönliche Schicksal aufgehoben. Der Mensch als Einzelner wird verschlungen von dem überindividuellen Einen, das in allen als Funke lebt, und die, die sich ihm zuwenden, als Flamme verzehrt.
Die Entpersönlichung offenbart zugleich den Grund, warum der Mystik aller Zeiten die Kraft wirklicher Gemeinschaftsbil-


