.
mationszeit hielten sie auch Luther vor, der sie aber schroff ab- wies:„Es ist im Grunde eine gemachte Tugend und erdichtete Stärke, die Gott nicht hat geschaffen, ihm auch gar nicht ge- kället.“ Nicht in der blutleeren Gelassenheit des Mystikers, der durch Schönheit und Schrecken des Lebens kaum bewegt hin- durchwandelt, sondern in Lebendigkeit und Ernst muß das Leben erfahren und erlitten werden. Gegenüber der Unempfindlichkeit der Mystik schließt der lutherische Glaube eine tiefe, geöffnete Menschlichkeit des Empfindens in sich. Vor allem aber ist es eines der schwersten Mißverständnisse der deutschen Mystik, wenn man wie etwa Alfred Rosenberg die gedämpfte, abgeklärte Gelassenheit Meister Eckharts als kämpferische Religion deutet. Vielmehr ruft die Mystik den Menschen heraus aus dem Streit in eine stille Welt, die unverworren ist von dem Kampf und Leid des Lebens. f
Unverworren ist diese Welt auch von dem Kampf in der eigenen Brust des Menschen. Auch der Kampf mit der eigenen Leidenschaft, der jedes Menschen Schicksal ist, wird in der Mystik nur auf dem Vorfelde des wirklichen Seins ausgefochten. Bewußt und zielgerade muß der Mensch seinen Willen von den Dingen der Welt abwenden und sich einsenken in verborgene Tiefen des Herzens. Dann erfährt er, daß aller Kampf nur Schein ist gegen- über dem wahren, unwandelbaren Leben, das ihn mit unnenn- barer Gewalt überströmt. Wie in den Tiefen der Natur wird der Mystiker auf dem Grunde der eigenen Seele über alles Aussag- bare hinaus des Gottes gewiß, der ihn im Innersten wie draußen das All durchwirkt. Von der glühendsten Schilderung der my- stischen Einung bis hin zum bläßlichsten Glauben an den Gott in der eigenen Brust, bezaubert die Seelenmystik wie die Natur- mystik durch die Unmittelbarkeit ihrer Gotteserfahrung und Ge- wisheit.
Wieder lautet das Urteil Luthers und des lutherischen Glau- bens, daß diese Gewißheit Trug ist. Denn im eigenen Seelen- grund bleibt der Mensch ewig bei sich selbst. Wer dort seine Geborgenheit sucht, ist verraten. Wer hier in Not und Anfech- tung Zuflucht finden will, wird in neue Ungewißheit hinaus- getrieben. Wenn der Mensch dem Bilde seines eigenen Selbst wirklich standhält, dann vergeht ihm die Einbildung von der auf dem Grunde seiner Seele verborgenen Ruhe und Ebenmäßigkeit. Gerade der nach außen zuchtvoll gebändigte Mensch weiß, wie


