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Kirche. Er ballt sich in Wendezeiten zu einem vielstimmigen Chor zusammen: in den Täufern und Spiritualisten der Reformations- jahre, in dem gewaltigen Einbruch der neuen Bildungswelt in der Pansophie und Mystik des beginnenden 17. Jahrhunderts, in dem stolzen Bewufstsein, mit den Waffen der aufgeklärten Vernunft die Rätsel des Daseins endgültig zu bezwingen, in der strehlenden Entfaltung des deutschen Geistes in der klassischen Dichtung und idealistischen Philosophie. Von Thomas Müntzer und Sebastian Franck über Jakob Böhme und Gottfried Arnold, Lessing und Fichte bis hin selbst zu Alfred Rosenberg und Wil- helm Hauer gibt es keinen Verkünder einer neuen deutschen Frömmigkeit, der sich nicht als Vollender der Reformation ge- wubßt hätte. Was in den Reformversuchen all der Jahrhunderte echte Religiosität und nicht flacher Rationalismus oder politische Ersatzreligion war, lebte aus der Wurzel der Mystik. So bedrängt uns heute wieder die Frage: Ist in der Mystik nicht die lebens- notwendige Fortbildung des Protestantismus gewiesen? Ist Wider- stand dagegen nicht angstvolles Sichklammern an eine über- wundene Stufe der Religion?
Die Frage wird verstärkt durch die geschichtliche Erwägung, dab doch die Reformation vielleicht selbst aus dem Boden der mittelalterlichen deutschen Mystik entsprungen sei. Müßte es nicht so sein, daß ihr eigenes Blut stürmisch nach der Vollendung drängt, die sie zugleich wieder zu ihrem Anfang heimbringt? Für diese Betrachtung bekommt die lange Reihe von Verkündern der zweiten Reformation aus dem Geiste der Mystik einen noch tieferen Sinn. Sie möchten sich ausweisen als die Träger des echten Ringes, den der Protestantismus in seiner kirchlichen Form verloren hat.
Der Historiker muß ihnen freilich diesen Ring vom Finger streiken und das geschichtliche Bild— das ist unsere erste Auf- gabe— auf den richtigen Grund stellen. Auch wenn man es seit Jahrzehnten, heute wenigstens in 90 von 100 Darstellungen der deutschen Geistesgeschichte so lesen kann, so ist es doch grund- Falsch, daß die Reformation eine Frucht der deutschen Mystik gewesen sei. Es trifft weder für Luther zu noch für das deutsche Volk. Der Straßburger Dominikanerprediger Tauler oder das edle Büchlein des Frankfurter Deutschordenshberrn, das Luther als„Ein Deutsch Theologia“ zum erstenmale im Druck bekannt machte, sind nicht Quellen, sondern nachträgliche Bestätigungen


