Willen bindet. Dann wissen wir uns zusammengeschlossen durch diesen vergangen- gegenwärtigen Willen, dann sind wir vor den Toten— Volk, deutsches Volk. Hier stehen wir in der Tat vor jener Beziehung zu dem Erinnerten, in welcher Erinnerung Bindung des Gegenwärtigen durch das Vergangene ist. Dann läßt die Erinnerung an vergangenes Ge- schehen uns in der Gegenwart Volk sein, Volkeinheit erfahren, wenn in dieser Erinnerung vergangener Wille als Volksgemein- schaftswillen unseren Willen trifft, bindet, beansprucht. Die Erinnerung, in welcher wir als Geforderte stehen und diese Forderung vernehmen und anerkennen, läßt uns geschichtliche Gemeinschaft, läßt uns Volk werden.
„Geschichtliche“ Gemeinschaft— denn eben diese Beziehung zu vergangenem Handeln, die gegenwärtige Gemein- schaft kräftigt, diese Beziehung ist es, welche das begründet, Was wir im spezifischen Sinne„Geschichte“ nennen. Es leuchtet ja ohne weiteres ein, daß Gegenstand der Geschichte(als Ge- schichtschreibung) niemals die nackten vergangenen Tatsäch- lichkeiten sind; denn sofern sie rein als solche betrachtet wer- den, sind sie einfach Naturereignisse in einem kausalen Natur- zusammenhang und als solche eben gerade nicht„geschicht- liche“ Tatsachen. Solche werden sie erst dadurch, daß sie als einbezogen betrachtet werden in ein Netz von Willens- beziehungen. Dadurch erst wird aus einem Geschehnis Tat und Handlung und damit eben ein Objekt der Geschichte. Nur als Tat und Handlung oder Tat und Handlung Bestimmendes wird vergangenes Geschehen Gegenstand von Geschichte. Dies kann aber in doppelter Weise geschehen. Entweder: der Blick des Forschers richtet sich auf die allgemeinen Wesenszüge, welche an verschiedenem historischen Geschehen und Handeln sicht- bar werden. Dann zielt die Arbeit darauf, diese allgemeinen Wesenszüge an dem Geschehen der Vergangenheit herau- zubeben. Diese Wesenszüge sind aber Wesenszüge des in der Geschichte handelnden Menschen. Die Gesamtheit der Wesens— züge aber, welche in einer bestimmten Epoche am Handeln einer bestimmten Einheit von Menschen sichtbar werden, nennen wir die Kultur dieses Menschentypus zu dieser Zeit. Die Ge— schichte, welche sich bei solcher Einstellung des Blickes ergibt, ist Kulturgeschichte. Kulturgeschichte aber ist ein Zweig der Anthropologie), denn sie fragt nach bestimmten Möglichkeiten


