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druck ‚Geschichte' verstanden ist. Erst von der Antwort auf diese Frage aus kann völlig deutlich werden, was wir bis- her über das Werden von Volk gesagt haben. Ehe wir uns an den Versuch dieser Antwort machen, sei aber noch das zweite geschichtliche Beispiel angeführt, an welchem besonders deut- lich werden kann, wie stark das Bewahren gemeinsamer„ge- schichtlicher“ Erinnerung das Bestehen einer Volkseinheit sichern kann, auch wenn sie jahrhundertelang der Stütze durch einen ihr eignenden Staat entbehrt. Es ist ein Beispiel, das dem Theologen besonders nahe liegt, und so mag es ihm denn er- laubt sein, es zu gebrauchen, obwohl in Vergangenheit und Gegenwart sich immer wieder politische Leidenschaften an ihm entzündet haben. Alle politische Leidenschaft aber muß, wenn sie fruchtbar und aufbauend wirken soll, auf alle Fälle geleitet sein von einem sachlichen Verständnis der geschicht- lichen Wirklichkeit. Einem solchen sollen die kurzen Aus- führungen dienen, mit denen ich auf die höchst eigentümliche Erscheinung des jüdischen Volkes hinweisen möchte. Das was uns hier interessiert, ist dieses: Schon das allttestament- liche Volk Israel hat mit außergewöhnlicher Bewußtheit sein Dasein als Volk und seine Volkeinheit gegründet auf das Ge- dächtnis großer Ereignisse, in denen sich nach seiner Uber- zeugung seine Geschichte gestaltete: die kampfreiche Einigung im Königtum Sauls und Davids, die Gesetzgebung am Sinai, der Auszug aus Agypten, die Bundesschlüsse zwischen Jahve und den Stammvätern— all das war, ob in unserem heute gewöhnlichen Sinne„geschichtlich“ oder nicht, hier verstanden als volkbegründende Geschichte. Vorzüglich, ja so gut wie ausschließlich ist es religiöses Geschehen, Geschehen zwischen Jahve und denen, in welchen er sich„sein Volk“ auswählt, das hier das Sein dieses Volkes begründet. Im Bewahren dieses Geschehens besteht es als Volk. Wo es dies treue und dankbare Bewahren dessen, was Jahve an ihm getan hat, von sich wirft, da ist das Volk als Volk gefährdet, dem Untergang geweiht, und gerettet werden kann das Volk als Volk nicht durch irgendwelche politischen Mittel, sondern nur dadurch, daß irgendwo und irgendwie das Gedächinis an die groben Taten Jahves bewahrt wird, und wäre es auch nur in einem „Rest“, in welchem die Volksexisten weiterbesteht. Und darin gründel es in der Tat schließlich auch, wenn wir heute noch


