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geboren. Es kann gewiß während der Studienzeit gepflegt wer- den, wer es aber hat, wird es nie verlieren. So, wie ein Mensch, der Tiere lieb hat, nie in seinem Leben ein roher Tierquäler wird, so wird ein Arzt, der von Natur aus, so wie es sein soll, von Mitgefühl für seine Mitmenschen beseelt ist, nie im Sinne Liecks ein Mediziner; umgekehrt wird ein Arzt, der Mitgefühl nicht kennt, nie ein guter Arzt. Selbstverständlich wird der Lehrer, der dieses Mitgefühl seinen Schülern besonders zeigen kann, günstig in diesem Sinne wirken. Ich denke dabei mit besonderer Verehrung und Liebe an meinen einstigen Lehrer Leube. Leube war Direktor der Medizinischen Klinik in Würzburg. Auf uns Studenten wirkte dieser große Diagnostiker gerade durch seine menschlichen Eigenschaften als liebevoller Freund und Helfer seiner Kranken.
Wir müssen uns darüber klar sein, daß der Kranke seiner Uingebung gegenüber eine Sonderstellung einnimmt. Er ist ihr gegenüber anders eingestellt, als der Gesunde und umge- kehrt. Siegerist hat in einem interessanten Aufsatz:„Uber die Sonderstellung des Kranken“(Kyklos, Jahrbuch des In- slituts für Geschichte der Medizin an der Universität Leipzig, Bd. 2) darauf hingewiesen, daß Kranksein zunächst eine Störung des Lebensrhythmus bedeutet. Wir alle leben in einem be— stimmten Rhythmus, der von Natur, Kultur und Sitte beeinflußt ist. Wachen und Schlafen, Arbeit und Ruhe wechselt in gleich- mäßigem Rhythmus mit Tag und Nacht. Ungestörter Rhythmus bedeutet Gesundheit. Krankheit stört diesen Rhythmus und greift unter Umständen brutal in dieses Gefüge ein. Der kranke Mensch lebt also anders als der Gesunde. Krankheit isoliert, dabei ist der Kranke oft hilflos und auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. Diese Sonderstellung des Kran- ken tritt am deutlichsten hervor bei langdauernden, vielleicht ansteckenden oder unheilbaren Leiden. Es kommt hinzu, daß die meisten Krankheiten mit starken Unlustgefühlen für den Kranken einhergehen. Schmerzen, Angst, ja Todesangst quälen ihn oft.„Jede Krankheit, jede ernstere Krankheit ist ein Memento mori“ sagt Siegerist.„Krankheit unterbricht den Rhythmus des Lebens und setzt eine Fermate in das Getriebe des Daseins... Krankheit wirft Schicksal in unser Leben. Sie setzt den Geist in Bewegung; sie richtet unseren Blick auf das Unendliche.“


