—
„
Das Hochgefühl, in diese Gemeinschaft hineingestellt zu sein, durchzieht in der gedämpften Form bekenntnismäßiger Ge— staltung auch die ganze Augustana. Ihre und ihrer Bekenner Stimmung war keine andere als in dem Jubelwort Luchers, von dem sie gelernt hatte, was wahre Kirche ist:„Ecclesia (die Kirche) soll mein Burg, mein Schloß, mein Kammer sein 1). i
Noch ein Letztes: In dem neuen schöpferischen Zusammen- hang ist der protestantische Mensch zugleich hineingestellt in die völlige Freiheit, eine Freiheit, die nicht mehr miß- verstanden und mibbraucht werden kann, da sie der vollendeten Beugung unter Gott entspringt. Man Könnte vielleicht aucli hier wünschen, daß die Auguslana dem noch einmal in einem besonderen Artikel Ausdruck gegeben hätte. Sie hat es nicht getan aus mancherlei Gründen. Einer war auch, daß Melan- chthon den anstößigen Begriff der christlichen Freiheit mög- lichst vermied). Aber sie spricht als Ganzes aus der sach- lichen Haltung des protestantischen Menschen heraus. Sie weiß, dab sie dem Menschen nicht mehr mit dem Gesetz kommen darf, daß vielmehr der neue Mensch nicht mehr schülerhaft nach äußerer Anleitung, sondern reif nach innerer Sicherheit handelt. Wie ich schon einmal andeutete: aus dem Handeln nach Anleitung des Gesetzes wird das Handeln der Zuversicht. Diese instinktsichere Ethik, diese Verwandlung der sittlichen Forderung in die Natürlichkeit des neuen Menschen ist der Sinn der reformatorischen Freiheitslehre, so wie Luther ihn unübertrefflich in seiner klassischen Ethik, dem„Sermon von den guten Werken“ ausgesprochen hat:„Wenn ein Mann oder Weib sich zum andern versieht Lieb und Wohlgefallens und dasselb fest gläubt, wer lehret denselben, was er tun, lassen, sagen, schweigen, denken soll? Die einige Zuversicht lehret ihn das alles und mehr denn not ist... Also ein Christenmensch, der in dieser Zuversicht gegen Gott lebt, weiß alle Ding, ver- mag alle Ding, vermisset sich aller Ding, was zu tun ist, und tuts alles fröhlich und frei“! s).
1) Genesisvorlesung, Weim. Ausg., Bd. 4d, S. 71
2) Er hat den Begriff an den drei Stellen, wo er vorkam(S. 128, 34. 130, 23. 131, 13) in der deutschen Erstausgabe sogar noch gestrichen! Vgl. meine Ausgabe S. 133 Anm. I.
3) Weim. Ausg., Bd. 6, S. 207.


