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Dieses Bild des ganz gefesselten und durch das schöp- kerische Handeln Gottes ganz befreiten Menschen ist das Bild des protestantischen Menschen nach dem Verständnis des Augsburgischen Bekenntnisses. Es sieht ihn hineingestellt in die groben Zusammenhänge seines Seins und Handelns: Schuld. Nalur und Neuschöpfung in der Erlösung. Wie Ringe sind diese Zusammenhänge gegeneinander abgeschlossen. Die Leiden- schaft des Protestantismus liegt darin, diese Ausschließblichkeit rein und unverfälscht zu wahren. Er darf diese Erkenntnis auch nicht darum aufgeben, weil sie bitter und anstößig ist. Sie ist nach dem Urteil von außen seine Einseitigkeit, nach seinem eigenen Wissen seine Wahrheit. Freilich keine Wahrheit, die in einem veralteten Gefäß schal und faul werden dürfte, auch nicht in dem Gefäß eines Bekenntnisses. Und so darf weder die heutige Feier noch überhaupt die Feier der evangelischen Kirche in diesen Tagen nur ein Bekenntnis zu ihrem alten Be- kenntnis sein; oder wenn, dann jedenfalls nur zu der gemeinten Sache, nicht zur gedanklichen und wortlichen Prägung. Die Augustana hat das auch selbst nie in Anspruch genommen. Melanchthon hat noch Jahre hindurch nach bestem Wissen an ihr gebessert und geändert, sie z. T. völlig umgestaltet. Wenn das in manchen Epochen der evangelischen Kirche anders gewesen ist, so haben diese Zeiten damit nicht nur gegen den Geist reformatorischer Lehre, sondern auch gegen den Sinn der Augustana selbst gesündigt. Die evangelische Kirche darf sich niemals mit ihrem Bekenntnis in die Sicherheit stellen wollen. Sie hat nicht und darf nicht haben wie die katholische Kirche eine Lehre von der Tradition. Sondern sie hat sich immer er- neut zu stellen in die Unsicherheit, in das Wagnis, weil sie weiß, dab anders Menschen vor Gott nicht stehen können, daß sie alle Sicherungsversuche bekämpfen muß als Vermessenheit. Sie hat sich offen zu halten für alle Fragen, alle Denkwand- lungen der Zeit und ihnen immer aufs neue ihre Wahrheit ab- zuringen. So wird sie, dankbar für ihr altes Bekenntnis, doch jederzeit ausschauen nach neuem Zeugnis und Bekenntnis, in dem der protestantische Mensch seine Eigenart neu zu erfassen und auszusprechen lernt. Tut das die evangelische Kirche. so wird sie bleiben eine lebendige Kirche, ihr Bekenntnis ein lebendiges Bekenntnis, ihre Theologie eine lebendige Theologie.