Einzelbild herunterladen

15

kreilich kaum ein Gegensatz. Denn auch die Augustana sieht den Menschen durch den Geist in die unablässige innere Be- wegung hineingestellt, in der er von Grund auf umgeschaffen wird.

Dieser neue, wahrhaft schöpferische Zusammenhang wird für den Menschen greifbar in der Gemeinschaft, in die der Glaubende hineingestellt wird. Wenn die Augustana von Kirche redeti), so erscheint auf den ersten Blick diese neue Umwelt des protestantischen Menschen als das, was sich gegen- über dem katholischen System am meisten verändert hat. Keine durch göttliche Stiftung gesicherte Hierarchie, kein scharf ab- getrennter Klerus, auf dessen bindendes und lösendes Wort und Führung die Laienschaft sich blindlings zu verlassen hat, kein Gnadenschatz und Ablaßwesen, das von der Kirche ver- waltet dem einzelnen unerschöpfliche Erlösungsmöglichkeit dar- bietet, kein Strom sakramentaler Kräfte, der den Menschen umspült und mit selbsttätiger Wirkung in den Heilszusammen- hang der Kirche hineinzieht. Die Kirche des protestantischen Menschen ist anderer Art. Sie ist eine eigentümliche Ver- bindung von Vereinzelung und Gemeinschaft. Ganz in sich geschlossene, ganz allein auf ihren Glauben gestellte einzelne, die doch, wenn sie bis in den Wurzelgrund ihres neuen Seins hinabstoßen, in der Tiefe durch das göttliche Handeln unlés- lich verbunden sind. Sie wird geschaffen nicht durch Vereins- bildung, sondern allein durch das göttliche Wort, durch das der Mensch seine Lage vor Gott erkennen lernt. Kirche ist nach der evangelischen Lehre der Augustana nicht das gemein- same Kirchengebäude, nicht die Organisation, die Pfarrer und Synoden, sondern wie sie es Luthers Lehre am nächstem aus- drückt: congregatio sanctorum, Versammlung der Heiligen, das heißt der Gläubigen(Art. VII). Der von Menschen nicht greif- bare, nur Gott allein bekannte Leib des Christus, die heimliche, wahre Braut Christi, eine Gemeinschaft, die nicht in äußeren Mauern zusammengehalten, nicht in Statistiken erfaßt werden kann: das und das allein ist Kirche. Und doch ist sie eine wahre Einheit, keine aufgelöste Schar. So wie im magnetischen Kraftfelde die Linien durch eine einzige, unsichtbare Kraft zusammengehalten werden, so wird die Schar der Gläubigen . meinen Aufsatz: Die Kirche in der Augustana. Monats- schrift für Pastoraltheologie 1930, Heft 7, S. 191 ff.