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der nicht zur Ruhe kommt; o Schlund, der sich nicht füllt“). Das ist also noch nichts wesentlich Christliches. Im Verständ- nis des Menschen von der Schuld her klingt zusammen das Wehe des alttestamentlichen Propheten:„Wehe mir, ich vergehe, denn ich bin unreiner Lippen“:) mit dem„Kyrie eleison“ der griechischen Kirche, dem„Mea culpa, mea maxima culpa“ der römischen, dem:„Aus tiefer Not schrei ich zu dir... wer kann Herr vor dir bleiben?“ im Liede Luthers. Freilich gerade weil sich hier der Weg ins Herz des Christen- lums öffnet, fallen sofort auch die ersten großen Entscheidungen über die verschiedenen Menschenbilder der einzelnen christ- lichen Konfessionen.
Vom Menschen reden, heißt ihn in seine Zusammenhänge einordnen. Es ist einer der tiefsten Unterschiede zwischen Protestantismus und Katholizismus, daß beide das in verschie- denem Sinne tun. Der Katholizismus redet von Natur, wo nach protestantischer Auffassung Sünde ist, und von Sünde oder wenigstens Unvollkommenheit, wo nach protestantischer Auf- fassung Natur ist.
In den Zusammenhang von Schuld und Sünde stellt die Augustana den Menschen zunächst hinein. Sie sieht ihn gefesselt in einem eisernen Ring ohne Sprünge und Nähte. Alle sind von Mutterleib an voll böser Lust und Neigung und können von Natur keine wahre Gottesfurcht, keinen wahren Glauben an Gott haben(Art. II). Das sind sehr runde, sehr unzweideutige Aussagen. Mit ungeheurer Leidenschaft haben sich die Reformatoren schon an diesem Punkte in den Kampf geworfen. Sie verlegen dem Menschen jeden Ausweg. Sie be- drängen ihn von allen Seiten, damit er nicht beginnt, das harte Gefängnis seines Willens in eine ganz behagliche Wohnung umzuträumen. Der Kampf des Augsburger Bekenntnisses mit dem scholastischen Gegner dreht sich dabei um ganz scharf bestimmte Fragen. Zwei eng verbundene Stellungen kann auch nach der strengsten scholastischen Anschauung— von der vulgären Theologie des Spätmittelalters mag hier im Augenblick geschwiegen werden, obwohl sie im Spätmittelalter und der Re- formation die weitaus lebendigere Macht war als etwa die Theo-
1) Hugo v. St. Viktor, De vanitate mundi herausg. v. K. Müller (Kleine Texte 123) S. 36, 16 ff. 2) Jes. 6, 5.


