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Es erschiene mir der feierlichen Stunde wenig angemessen, nur das Bild des geschichtlichen Vorgangs vor Ihnen zu ent- rollen oder eine historische Einzeluntersuchung dazu vorzu- tragen. Lassen Sie mich vielmehr den Versuch machen, von einem Einzelpunkte aus, wie in einem Spiegel den Gehalt dieser grundlegenden Urkunde des Protestantismus zusammenzufassen. Nicht der Bekenntnistat, sondern dem Bekenntnis selbst soll der Versuch deutender Vergegenwärtigung gelten. In diesem Sinne möchte ich sprechen über
den protestantischen Menschen nach dem
Augsburgischen Bekenntnis.
Ich betrachte das als eine durchaus historische, keineswegs als eine spekulative Aufgabe. Ja, es gehört zu den größten Aufgaben des Historikers, solche deutende Vergegenwärtigung geschichtlicher Gehalte versuchen zu dürfen und zu müssen.
Es ist der Religion nicht allein eigentümlich, den Ort des Menschen bestimmen zu wollen. Jede philosophische Anschau- ung vom Dasein, jede soziologische, naturwissenschaftliche, ja jede mechanistische Lebenstheorie kreist im Grunde darum, dem Menschen seinen Ort in der Welt anzuweisen. Religion wird dieses Bemühen erst, wenn es geboren ist aus einer Gottes- anschauung, nicht einer Weltanschauung. Eine Betrachtung unter der Herrschaft des Gottesbewußtseins kann zunächst nicht anders, als den Menschen unter dem Verhängnis zu sehen, dem Verhängnis über ihm und dem Verhängnis in ihm, dem Ver- hängnis, das sein Sein fesselt in der Vergänglichkeit, und dem, das sein Handeln fesselt in der Schuld. In der Betrachtung des Menschen vom Tode her berühren sich alle Religionen der Erde, berührt sich der mittelalterliche Mystiker mit dem Frommen Indiens, der Barockdichter mit dem Griechen, der Romantiker mit dem modernen Menschen. Ein gemeinsames Grauen umfaßt den natürlichen Menschen in all diesen Ver- kleidungen, ein Grauen, dem etwa der mittelalterliche Mystiker Ausdruck verliehen hat:„O mächtiger Strom, wohin fließest du?... Du läufst und wächst, schwillst ab und wirst ver- schlungen. Du läufst, aber abwärts; du wächst, doch zum Untergang; du kommst und eilst vorüber, aber du strömst dich
O 0 aus, du wirst verschlungen. O Ader, die nicht leer wird; o Lauf,


