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Schreibfehler emendiert, wie man heutzutage Druckfehler corrigierl. Kritik sei gleichsam nur die Blume, die aus umfassender Kenntnis der ganzen Altertums wissenschaft hervorgehe... Als ich dagegen stritt mit Ruhnkens Criticus non fit, sed naseitur, sagte Wolf lächelnd: das ver- stehe sich freilich von selbst, wie zu jeder Wissenschaft, ja zur ge- meinsten Kunst, wer in ihr etwas leisten solle, geboren werde, so krei- lich auch zur Philologie, und insbesondere zur(Wort-) Kritik.“
Ahnlich, aber in der Wertschätzung bis zur Komik übersliegen äußert sich Morgenstern selbst(1804) bei Süß, S. 258:
„So wie Konjekturalkritik als die Blüte philologischer Kenntnisse von selbst hervorgeht im wohlorganisierten Kopfe, so in einem wahr- haft weiblichen Gemüt, auch wo das Weib kalt scheint, die Liebe. Jene ist kein besonderes Talent des wahrhaft philologischen Koples, diese kein besonderes Talent des wahrhaft weiblichen Herzens. Eins wie das andere gehört zum vollständigen Ganzen, quillt unausbleib- lich zu seiner Zeit.“
Einen weiteren Ausspruch Wolfs, der ein Kernprobleu der Philo- logie wie anderer Wissenschaften berührt, hat Morgenstern bei Süß S. 79 aufgezeichnet:
„Das Ilauptprinzip des Lehrers, gute Köpfe zu bilden, müßte dies sein, sie von zu grober Achtung vor Autoritäten abzugewöhnen, sie zum Selbstdenken zu gewöhnen. Oft habe er(absichtlich) vor seinen Schülern das widerrufen, was er den vorigen Tag gesagt, mit dem Zu- satze: ich habe es nun besser kennen gelernt: deshalb und deslialb. Ganz anders der Schulmann, der conslantide caussd itzt ist, wie vor 20 Jahren.“
Das iuiare in verba magistri, das Wolf seinen Schülern abgewöhnen will, zeigt sich besonders häufig und wirkt sich gefährlich aus bei Ihesen genialer Meister, die aus deren besonders starken Gabe der In- buition entsprungen sind. Wenn wir Intuition als einen auf präsenten Wissen beruhenden verkürzten Erkenntnisprozeßb auffassen, so Folgt daraus die Notwendigkeit, ihr Ergebnis nachträglich durch logische Deduktion zu unterbauen, da es vielleicht durch negative Instanzen, die bei der verkürzten Erfassung nicht im Bewußtsein vorhanden waren, modifiziert(wie z. B. beim Benzolring, den Kekulé im Traum gefunden haben soll) oder als unrichtig erwiesen werden könnte. Es gehört zu den größten Freuden des Forschers, wenn sich dabei die Richtigkeit des Geschauten Schritt für Schritt erweist. Ich habe sie erlebt, als sicli mir die Lösung eines kleinen jahrhundertealten Rätsels der Altertums- wissenschaft in einer guten Stunde einstellte und in raschem Lauf der Deduktion zur Erhellung eines dunkeln Gebiets der Wirtschaftsgeschichte kührte.(Aus der Geschichte des Bankwesens im Altertum. Tesserae nummulariae. Abhandlungen der Gießener Hochschulgesellschaft I. Gießen 1919).— Ein genialer Forscher besitzt oft nicht die Eigenschaft der zersetzenden Selbstkritik, seine Schule aber nimmt das Ergebnis seiner Intuition, besonders wenn es revolutionär ist, begeistert und un- besehen als neue Grundlage zum Weiterbauen. In der Altertumswissen-


