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literarischen Werke eine nachdichtende Einfühlung in den Geist des Schriftstellers, seines Werkes und seiner Sprache. Wenn bei den Urkunden restlose Wiederherstellungen auch stark verstümmelter Stücke oft gelingen, so bleibt natürlich bei Dichtwerken der Versuch meist hinter dem Original er- heblich zurück, und es gehört die Zusammenarbeit vieler Ge- lehrten dazu, um ihm näher zu kommen. Aber gerade dieser Weltbewerb hat unendlich viel neues Leben in die philolo- gische Forschung gebracht. Freilich für Schülerarbeiten liegt hier die gleiche Gefahr wie bei den Konjekturen 18).

Der konservative Geist hat auch in die sogenannte höhere Kritik seinen Einzug gehalten. Hatte die Philologie seit Bentley in Echtheitsfragen oft mit Recht, manchmal mit unzureichenden Gründen Verdikte ausgesprochen, weil ein Schriftwerk des Namens, unter dem es überliefert war, nicht würdig zu sein schien 1), so mehren sich jetzt die Versuche der Rettung. Ich nenne nur aus neuester Zeit die unter Demosthenes' Namen erhaltene Leichenrede für die Gefallenen von Chaeronea, die lange für ein schlechtes Machwerk der Rhetorenschule erklärt wurde, bis ihr jetzt aus sorgfältiger Beobachtung Verteidiger entstanden sind s). Das subjek- tive Element ist in der höheren Kritik wie in der niederen noch immer zu stark, hier können wir z. B. von der Kunst- geschichte lernen, die Echtheitsfragen am sichersten durch äußere Merkmale entscheidet 6). Dieselbe Unsicherheit der sub- jektiven Methode zeigt sich in der Frage, ob ein antikes Werk uns in originaler oder umgearbeiteter Form vorliegt. Von Vergils Georgica wissen wir, daß er das vierte Buch um- arbeiten mußte, und finden auch noch Spuren der ersten Aus gabe darin, aber diese herzustellen haben wir nicht die Mittel. Man hat nun auch in anderen Werken, selbst ohne daß die Uberlieferung davon etwas weiß, Spuren von Umarbeitungen oder gar späteren Zudichtungen zu finden geglaubt wie in Aeschylos' Sieben gegen Theben, Sophokles Antigone, Thuky- dides und anderen. Oft ist die Beobachtung an sich richtig, aber der Versuch, die Schichten zu trennen, muß daran schei- lern, daß wir dabei mit zu vielen Unbekannten rechnen müssen. Man vergleiche einmal von Werken neuerer Literatur ver- lorene und wiedergefundene erste Fassungen mit den fertigen wie den Ur-Faust und Ur-Meister, und man wird sehen, wie