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leicht die Vermutung über die Urform in die Irre gehen konnte). Auch die Geschichte der homerischen Frage, die fast jedes Jahr einen neuen Versuch bringt, das Gewebe einer Arbeit von Dichter- und Rhapsodengenerationen aufzu- lösen, sollte uns die wichtige ars nesciendi lehren, die von Philologen mehr gepredigt als geübt wird. Wir können sie auch um so eher üben, als die Geschenke des antiken Bodens uns in vielen Fragen erlauben zu sagen: ignoramus, sed non ignorabimus. Vom Lebenswerk des Kallimachos z. B. werden wir sicher ein immer klareres und runderes Bild gewinnen, wenn wir warten können.

Wenn die neuen Funde auch in der Hauptsache der griechischen Literatur zugute gekommen sind, so ist doch auch die lateinische an Papyrusfunden nicht leer aus- gegangen, und auch sie haben für die Textkritik dasselbe er- geben. Grob aber ist der indirekte Gewinn durch die genauere Kenntnis hellenistischer Originalwerke, die von den Römern nachgeahmt worden sind. Zu Catulls Ubersetzung der Locke der Berenike haben wir jetzt einen Teil des kallimacheischen Originals und können daran seine Ubertragungskunst messen. Noch viel gröber wird der Gewinn sein, wenn uns das Glück ein Stück der neuen Komödie beschert, das uns in der Be arbeitung des Plautus oder Terenz erhalten ist. So lücken- haft und verstümmelt auch noch die Neufunde sind, so lassen sie doch ein viel festeres Gerüst der Literaturgeschichte auf- bauen und erweisen oft die Wiederherstellungen der früheren quellen forschenden Arbeit als falsch.

Wenn in der philologischen Methode die nüchterne ob- jektivierte Kritik immer mehr Boden gewinnt, so erhält sie ihre Waffen dazu durch die gewaltigen Sammelarbeiten der letzten Jahrzehnte, vor allem durch die lexikalische, von denen ich nur den YHesaurus Lingude Latinde, das Papyrus- wörterbuch von Preisigke, die Grammatiken der Sprache der Inschriften und Papyri, die vielen Speziallexika zu einzelnen Schriftstellern nenne 1s).

Die subjektive Kritik soll deshalb nicht verkümmert wer- den, ihre Werturteile dürfen nur nicht die Entscheidung in Fragen des Textes, der Interpolation, der Echtheit, der Chrono- logie geben, da sich in ihnen die Verschiedenheit des mensch- lichen Geschmacks in schärfster Form zeigt und zu unschönen