steller vernachlässigte, überspannte den Bogen so, daß gegen das Ende des Jahrhunderts eine Krise in der Geltung der Philologie eintrat. Sie war scharfen Angriffen von außen ausgesetzt, denen sich im Jahr 1890 eine Kritik von innen an die Seite stellte in der Rektoratsrede des Gießener Philologen Philippi 0). Er zog aus seinem herben Urteil die Konsequenz, indem er zur Kunstgeschichte überging. Wenn seine Kritik auch zu negativ eingestellt und in vielem über- trieben war, so legte er doch den Finger auf manche Wunden. Den empfindlichsten Punkt berührten andere Kritiker, die Herrschaft der Konjekturalkritik in Forschung und Unterricht. Die großen Philologen meisterten in selbstsicherem Machtspruch die Texte der griechischen und lateinischen Schrift- steller, die meist nur durch mittelalterliche Handschriften über- liefert waren, so daß der mindestens ein Jahrtausend lange Weg vom Schriftsteller zu ihnen allen Verderbnissen durch ungebildete und lässige Abschreiber Einlaß zu gewähren schien. Sie erzielten dabei durch ihre Beherrschung der Sprache, logische Methode und geniale Intuition bewunderte Erfolge, vergaßen aber, daß dieses Handwerk zwar den Jüngern der Wissenschaft als gutes Erziehungsmittel bei der Erklärung der Schriftsteller vorgeführt Nutzen bringen konnte, aber für Ge- sellenstücke viel zu schwer war, und zu müßigen lusus ingenii verleitete, über denen die inhaltliche Durchdringung der an- tiken Literatur zu kurz kam 1). Ebenso gefährlich war die Quellen forschung, wenn sie sich vermaß, aus wenigen erhaltenen Zitaten nicht nur die Fragmente, sondern den ganzen Inhalt und die geistige Haltung verlorener Schriftwerke her- zustellen 12).
Aber gerade in diesen Punkten brachten dieselben Jahre die Lösung der inneren Krise und einen ungeahnten Auf- schwung der Philologie. Ihre neue Kraft gewann sie aus dem Boden der antiken Erde, der schon seit einem Jahrhundert Baudenkmäler, Kunstschätze und Inschriften zur Belebung der Altertums wissenschaft gespendet hatte. Nun kamen dazu aus dem Sande Agyptens immer neue Schätze antiker Literatur, zumeist griechischer. Im Jahr 1890 erschien Aristoteles' Staat der Athener, ein Werk, das die attische Geschichte auf neue Grundlagen stellte, 1891 die Mimen des Herondas, die eine ganz neue, stark realistische Seite der hellenistischen


