„„
den, die vom kranken Organismus auf einen gesunden unmittel- bar oder durch Vermittlung von Zwischenträgern, an denen sie sich unverändert erhalten hatten, übergingen. An Stelle der mias- matisch-infektiösen Krankheiten setzte Pettenkofer die ektoge- nen, an Stelle der kontagiösen die endogenen.
Damit blieb aber immer noch die Frage offen, welcher Natur denn der Ansteckungsstoff der Menschen- und Tier- seuchen, welcher Natur das Miasma und das Kontagium seien, worauf im letzten Grunde die ektogene, worauf die endogeno Infektion beruhe. Handelt es sich bei der Ursache der Seuchen um ein Gift, um ein Ferment oder um ein belebtes Wesen? Diese Fragestellung drängte sich in den Vordergrund. Schließlich ge- wann mehr und mehr die Anschauung die Oberhand, daß belebte Krankheitserreger bei dem Zustandekommen der Infektions- krankheiten im Spiele sein müssen. Die Entdeckung der Räude- milben als Ursache der Räude des Schafes durch Walz im Jahre 180g, die Wiederentdeckung von Milben als Ursache einer kontagiösen Hautkrankheit des Menschen, nämlich der Krätze durch Renucci im Jahre 1834, der Nachweis eines Pilzes bei der Muskardine, der Starrsucht oder Kalksucht, einer für mias- matisch-kontagiös gehaltenen Krankheit der Seidenraupen durch Bassi im Jahre 1837, die Erkennung der im gärenden Wein und Bier vertretenen Hefen als lebende Wesen durch Schwann und Cagniard-Latour im gleichen Jahre, die Entdeckung von Pilzen als Erreger von Hautkrankheiten des Menschen(des Favus und der Glatzflechte), diese und andere Forschungsergeb- nisse waren es, die für das„Kontagium vivum“ entscheidenden Ausschlag gegeben hatten.
Eine vollgültige Beweiskraft hatten allerdings jene Befunde nicht, denn allseitig geschlossen war die Beweiskette für die ätiologische Bedeutung jener Lebewesen nicht. Noch waren im besonderen für die Infektionskrankheiten die Forderungen nicht erfüllt, die der Göttinger Anatom Jakob Henle in ätiologi- scher Hinsicht im Jahre 1840 in streng gefaßter Logik aufge- stellt hatte und deren Erfüllung später im Laufe der weiteren Forschungen als unfehlbarer Schutz vor Trugschlüssen immer und immer wieder sich erproben sollte. Noch fehlte der Nach- weis des ständigen Vorkommens des Erregers in allen Krankheits- källen gleicher Art, noch war seine Reinzüchtung nicht gelungen und noch nicht die Ubertragung des reingezüchteten Erregers


