Ein neues deutsches Evangelienbruchstück des vierzehnten Jahrhunderts. 35
Vermutung, das Bruchstück gehöre in den Anfang des 14. Jahrhs.,
auf Grund des Lautstandes nicht widersprochen zu werden braucht. Da außerdem die Formen und besonders Wortschatz und Satz- bau vielfach altertümlicher sind als Beheims Evangelienbuch, dieses auf das Jahr 1343 festgelegt ist, so kommen wir ebenfalls auf die angegebene Zeit.
Hatten wir hier keine unmittelbar abgrenzenden Einzelheiten anzuführen, so ist das für die örtliche Festlegung etwas anderes. Schon beim Vergleich mit Beheim hatten wir auf örtliche Unter- schiede hingedeutet. Es liegt nahe, an Hessen, insbesondere an Lorsch zu denken, von wo aus das Fragment sehr leicht nach Bensheim: geraten konnte, und eine Reihe der eben aufgezählten Erscheinungen passen zu diesem Gebiete.
Zunächst müssen wir ein Gebiet suchen, das anl. p- nicht verschoben hat: Lorsch liegt westl. der p-Ah-Linieò; es liegt ferner in einem Gebiet, das eine Fortsetzung der Kurzform han im Ge- brauch hat. Auch die angeführte Flexionsform des Ind. praes. 1. Sg. auf en dürfte heute noch in der Gegend von Lorsch Geltung haben: Die Erhaltung des auslautenden in ich glaube, meine erklärt sich in unserem Gebiet nur dadurch, daß dieses früher durch- gedeckt war. Wie weit diese Form heute nach Süden reicht, weib ich nicht; in der Nähe Frankfurts und auch in Rhein— hessen habe ich sie gehört. Die 2. plur. des Imperativs lautet heute im größten Teil Kheinhessens und teilweise auch im rechts- rheinisch angrenzenden Gebiet nemen, geben. Zufällig steht mir für das Lorsch eng benachbarte Biblis eine nicht veröffentlichte Arbeit über die Formen- und Wortbildung zur Verfügung!: Die 2. pers. plur. lautet tatsächlich auch hier geben, nemen! Aus der noch nicht vollzogenen, oder sagen wir besser noch nicht in unserer Hs. wiedergegebenen Diphthongierung dürfen wir wohl keinen Schluß auf die Heimat des Bruchstücks ziehen.
Einiges sagt uns noch der Wortschatz. Dem Unterschied zwischen gagen und Sprechen, der uns zwischen F. und M. B. auffiel,
1 W. Walther stellt S. 504 fest, daß die Vorlage für Beheims Evangelien- buch etwa 1335 entstanden sei; dann käme unser Fragment in die nächste. Nähe dieser Zeitangabe.
2 Auch Prof. Henkelmann vermutet das.
e phenning zeigt zwar 5%, d. h. wohl pf; aber im besten Fall können wir dann ein Mischgebiet ansetzen: pellel zeigt 7—.
Dem Verfasser, Herrn Studienrat Mischler, Gießen, danke ich auch hier bestens.
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