Einzelbild herunterladen

,

War auf diesem Wege die Relativität der sittlichen Normen erwiesen, so wurde diese Anschauung durch die Ergebnisse der naturphilosophischen Spekulation vertieft. So mannigfaltig die Lehren der Philosophen waren, so beherrschte sie doch alle die Vorstellung von einer in der Natur herrschenden Gesetzmässig- keit. Es begreift sich leicht, dass diese natürliche Gesetzmässig- keit bei einem Vergleich vor der schwankenden Sitte die höhere Wertung erfuhr, und dass man umgekehrt daraus das Recht ableitete, die Minderwertigkeit der staatlich-sittlichen Normen zu behaupten. In einem vor etwa 8 Jahren gefundenen Buche des um 400 lebenden Sophisten Antiphon über dieWahrheit? wird Natur und Gesetz in scharfen Gegensatz zueinander gerückt; das Gesetz beruht nur auf Vereinbarung und darum darf man das Gesetz ruhig umgehen, wenn es nur diejenigen nicht merken, welche das Gesetz vereinbart haben. Die Natur hingegen wirkt sich immer gleichmässig aus, ob es jemand merkt oder nicht, und straft denjenigen, welcher sie über sein Können zu ver gewaltigen versucht. Aus solcher Lehre konnte man allerdings die verschiedensten Schlüsse ziehen: die Natur zeigte 2. B. in der Tierwelt die Macht des Stärkeren, also konnte man auch für den Menschen auf Grund der Natur das Recht des Stärkeren fordern. Man konnte aber nicht minder den Menschen aus den sozialen Bindungen herausnehmen und ihn gewissermassen iso liert der Natur gegenüberstellen, der er sich ganz hingeben kann. Ob man nun aber mit Alkibiades, mit Kallikles das Recht des Stärkeren verfocht, oder ob man sich im Einklang mit philoso- phischen Richtungen aus dem Staatsverbande löst, man wirkte in gleicher Weise an der Zertrümmerung des Staates mit. Und daher begreift es sich leicht, dass die Begründer dieser Auf klärungsphilosophie wiederum die Sophisten waren, die allüberall in Griechenland ihre Heimat hatten und darum von keiner Tra dition eingeengt waren.

Ilm weitesten Sinne gehört auch Sokrates in diese Reihe; indem er das sittliche Handeln von der richtigen Erkenntnis ab hängig macht, verkündet er den Primat der Vernunft gegenüber der lebendigen Tradition. Darum hat Friedrich Nietzsche? den entscheidenden Wendepunkt in der griechischen Entwicklung richtig erfasst, wenn er persönlich erfüllt von den Ideen einer Lebensphilosophie, die er in der vorsokratischen Epoche ver körpert fand in des Sokrates Dialektik ein Symptom der

2