Ausgabe 
3.8.1914
 
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Nr. 61. Son-er-Ausgabe. Montag, den 3 . August 1914 . rei. »d°n?-«. 26 . Iadro.

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Deutschland besetzt Lnxenrbuvg.

Berlin, 2. Augst. (Amtlich.) Luxemburg ist zum Schutze der dort befindlichen deutschen Eisenbahn von Truppenteile« des achten Armeekorps besetzt worden.

Die Aufnahme der Entscheidung in der KeichshauMadt.

Berlin, 1. August. Die Menschenmassen, die Unter den Linden versammelt sind, und die Stimmung ! dieser Massen übertrifft alles, was in der vergangenen I Woche zu beobachten war. Vor dem Kgl. Schlotz und dem Kronprinzlichen Schlotz stauen sich unübersehbare und undurchdringliche Menschenmassen. Selbst die Rüm­pen und selbst die Laternen aus der Rampe des Kron- prinzen-Palais waren besetzt und die von Zeit zu Zeit sich zeigenden Kinder des Kronprinzenpaares wurden vcn der Menge jubelnd begrüht. Ein Automobil, das die Linden und die Friedrfchstratze entlangfuhr und in dem sich ein deutscher und ein österreichischer Offizier in voller Uniform befanden, wurde mit donnernden Hoch­rufen begrüht. Die Kunde von der Mobilmachung hatte sich blitzschnell verbreitet, noch ehe die ersten Ertrablätter erschienen. Die Ertrablätter wurden von Automobilen aüs in grotzen Hausen unter das Volk geworfen, aus­gegriffen uNd gelesen, worauf jedesmal ein Hoch auf den Kaiser erscholl undDie Wacht am Rhein" und Deutschland, Deutschland über alles" gesungen rvuyde.

Um 8 Uhr abends wachsen die Menschenmassen noch immer an. Die Stimmung ist vdrtrefflich. Keiner­lei Ausschreitungen, keine Feindseligkeiten gegen irgend - jemand. Hunderte Mal hört man im Vorbeigehen die Worte:Ich mutz auch mit" oderMein Bruder mutz auch mit". Man sieht auch Gruppen von Ausländern, die teils staunend, teils verängstigt das Riesenschauspiel ' dieser Hunderttausende betrachten, die aus den änheren Stadtteilen nach den Linden und dem Königlichen Schlotz Zuströmen. Sehr viele Leute sieht man zu Wagen uUd zu Fuh bereits mit Koffern den Bahnhöfen zueilen.

Zu dem K r i e g s g o t t e s d i e n ft, der heute abend im D o m stattfand, war die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt. Bis auf die Treppen hinaus stand die Menge. Zn der Hosioge wohnten der feierlichen Handlung der Erbprinz von Sachsen-Meiningen und Prinz Friedrich Leopold von Preutzen mit Gemahlin bei. Die Kaiserin, die ihren Besuch angemeldet hatte, war nicht erschienen, weil kurz vorher ihre Tochter, die Herzogin von Braunschweig, im Kgl. Schlotz eingetrös- sen war. Auch der Kaiser lieh im letzten Augenblick ab- sagen. Das LiedAus tieser Not schrei ich zu dir", von der Gemeinde gesungen, leitete die Feier ein, dann nahm Hospredigcr Dryander das Wort zu seiner Predigt.

Ein« spontane Huldigung wurde dem jetzigen Ober­befehlshaber in den Marken, Generaloberst von Kessel, dargebracht.

Vor dem Lustgarten stand die Plenge Kops an Kopf gedrängt, und unaufhörlich ertönten rauschende Hurrarufe und patriotische Lieder. Gegen 7% Uhr öff­neten sich die Türen des bekannten Balkons, in dem 1. Stockwerk über dem Kaiserportal, und heraus trat der Kaiser, in der Uniform der Eardeschützen, am Arm l die Kaiserin. Der Jubel, der sich beim Erscheinen > des Kasierpaares erhob, war unbeschreiblich. Immer ! wieder erbrausten Hurras und Hochrufe, bis endlich der ! Kaiser die Hand erhob, zum Zeichen, datz er sprechen 1 wolle.

Eine Ansprache des Kaisers.

Nun wurde es still und der Kaiser sagte:

Aus tiefstem Herzen danke ich Euch sür den Ausdruck der Liebe und Treue. Zn dem jetzt bevor­stehendem Kampse kenne ich nur mein Volk, keine Parln me'' es gibt unter uns nur noch Deutsche.

(brausender Jubel), und welche von den Parteien auch im Lause des Meinungskampfes sich gegen mich gewendet haben sollte, ich verzeihe ihnen alles. Es handelt sich jetzt nur darum, däh wir als Brü­der zusammenstehen, und dann wird dem deutschen Schwert auch Gott zum Siege verhelfen."

Ergriffen lauschten die Tausende den Worten des Kaisers,, und dann sang die Menge, während der Kai­ser salutierend sich nach allen Seiten verbeugte,Heil dir im Siegerkranz" undDeutschland, Deutschland über alles". Nachdem der letzte Vers verklungen war, trat das Kaiserpaar vom Balkon zurück, und langsam zer­streute sich die Menge.

Berlin, 1. Aug. Durch kaiserliche Verordnung ist der Reichstag zum 4. August «inberufen worden.

Das Gerücht von einem Attentat auf den deut­schen Kronprinzen ist erfunden und unzutref­fend.

Achtung!

Amtlich wird ersucht, kein un­gekochtes Wasser zn trinken.

Französische Flieger als Bo«benwerfer.

Berlin, 2. AUg. Soeben läuft die militärische Meldung ein, datz heute vormittag französische Flieger in der Umgebung von Nürnberg Bomben ge­worfen haben. Da eine Kriegserklärung zwischen Frank­reich und Deutschland bisher nicht erfolgt ist, so liegt ein Bruch des Völkerrechts vor.

Abbruch der Diplomatischen Beziehungen mit Petersburg.

Wien, 2. Aug. Die direkten diplomatischen Ver­handlungen zwischen Berlin und Petersburg, sowie zwischen Wien und Petersburg, die bisher noch eine Lokalisierung des Krieges anstrebten, haben a u f g e h ö r 1.

Zur Haltung der Sozialdemokratie.

München, 2. Aug. Das hiesige Organ der bay­rischen Sozialdemokraten, dieMünchener Post", schreibt: Eine Niederlage wäre gleichbedeutend mit Zusammen­bruch, Vernichtung und namenlosem Elend für uns alle. Unser aller Gedanken bäumen sich gegen diese Möglich­keit auf. Dievaterlandslosen Gesellen" werden ihre Pflicht erfüllen und sich darin von den Pattiotett in keiner Weise überlreffen lassen."

Die sozialdemokratische, in K ö l n erscheinende Rhei­nische Ztg. schreibt:

In diesem Augenblick können wir nur noch ein­mal sehnlich wünschen, datz die Gefahr im letzten Mo­ment gebannt werde; wenn aber keine Rettung au« der Not mehr möglich und der furchtbare Krieg unver­meidlich ist, dann haben auch die Sozialdemokraten kei­nen Anlatz, unserem Lande eine Niederlage zu wün­schen; dann werden vielmehr auch unsere Freunde, die sich in den nächsten Tagen von ihren Lieben blutenden Herzens losreitzen müssen, als Soldaten ihre Pflicht er­füllen."

Die österreichische Gesamtmobilisierung.

Die Amtsblätter in Wien und Budapest werden morgen folgendes mitteilen: Nach der amtlichen Mit - teilung vom 31. Juli hat der Kaiser die allgemeine Mo­bilisierung des Heeres und der Kriegsmarine sowie der beiden Landwehren, ferner die Aufbietung und Einbe­rufung des Landsturmes anbefchlen. Diese Verfügung ist veranlatzt worden durch die von RUHland angeord- nete Mobilisierung.

Szabadka (Ungarn), 31. Juli. Die Militär­züge sind mit Zweigen und Blumen reich geschmückt. Die Soldaten, meist Ungarn, sind trefflich ausgerüstet und machen einen vorzüglichen Eindruck. Neutzedichtete Ktiegsfieder werden gesungen. An den Stationen zei­gen sich in grotzer Zahl die zurückgebliebenen Frauen und Mädchen, die den Durchfahrenden Blumen bringen, Eljenruse und RufeNieder mit den Königsmördern" ertönen. Die Begeisterung bedeutet ein Aufatmen nach den Aufregungen der vielen Mobilisierungen der letzten Jahre, die ein« schwere Last waren.

Aus B u k a r e st werden demSecolo" Aeuherun- gen des Prinzen Peter von Montenegro berichtet, datz Montenegro Serbien beitreten rperde und datz die Union zwischen beiden Staaten beschlos­sene Sache sei.

Dänemark erklärt seine Neutralität.

Koppenhagen, 1. August. Das Ministerium des Auswärtigen teilt mit: Da zwischen Oesterreich-Un­garn und Serbien der Krieg ausgebrochen ist, hat die Regierung beschlossen, für Dänemark während dieses Krieges vollständige Neutralität zu be­obachten, hinsichtlich deren auf die kgl. Verordnung vom 20. Dezember 1912 verwiesen wird.

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Eisenbahn und Mobilisierung.

Schnelligkeit ist einer der hauptsächlichsten Grund - sätze sür die Mobilisierung. Jedes Land mutz bestrebt sein, den Krieg in das gegnerische Land hinüberzufpie- len. Die Eisenbahn bietet das Mittel, grohe Massen über weite Strecken in kürzester Zeit zu besördern. Von der Organisation des Eisenbahndienstes für den Mobi­lisierungsplan, von dem richtigen Funktionieren des Be­triebes "hängt heutzutage der Ersolg der ersten Kämpfe ab, die ihrerseits meist das Schicksal des" ganzen Krie­ges entscheiden.

Im Ernstfall wird die ganze Eisenbahn wenigstens in den ersten Tagen autzschlietzlich sür den Militärirans­port bestimmt. Den Grund dieser für das Wirtschafts­leben nachteiligen Matzregel versteht man erst, wenn man sich die ungeheuerlichen Massen vergegenwärtigt, welche die Eisenbahn im Ernstfall bewältigen muh.

Ein kriegsmähig ausgestattetes Armeekorps bean­sprucht sür sich allein nicht weniger als 117 Züge, von denen jeder sich aus 45 bis 50 Eisenbahnwagen zu­sammensetzt. Im ganzen sind das mehr als 5000 Ei­senbahnwagen.