Ausgabe 
29.7.1914
 
Einzelbild herunterladen

In Podgoritza kam ein höherer serbischer Ge- neralslabsoffizicr an. Er halte mit dem montene­grinischen Kriegsminister eine Besprechung.

In der Gegend von Prjepolje steht eine monte­negrinische Brigade mit Gebirgsartillerie. Ue- ber weitere Truppenbewegungen Montenegros ist nichts Authentisches bekannt.

* * *

Lokalisierungs-Verhandlungen.

Ueber einen Depeschenwechsel zwischen dem Kaiser und dem Zaren, dem man große Wichtigkeit beimißt, ist bereits gemeldet worden. Heute liegt allerdings nicht verbürgt die Nachricht vor, daß auch der Kai­ser und König Georg in einen Briefwechsel getreten sind.

Gestern Nachmittag sand eine zweistündige Unter­redung des russischen Botschafters Schebeko mit dem Grafen Berchtold stall. Schebeko verlangte eine temporäre Sistierung der Feindselig­keit e n, jedoch isi die Unterreoung yesuttatlos verlaufen.

Die Verhandlungen, die zwischen den Kabinetten aller europäischen Mächte eifrig betrieben werden, verfolgen, wie an Wiener amtlicher Stelle verhaltet, den Zweck einer Lokalisierung des Konfliktes. Sowohl in Wiener politischen Kreisen als auch in den Kreisen der auswärtigen Diplomatie wird der Erwartung Ausdruck gegeben, daß diese Be­mühungen von Erfolg begleitet sein werden.

In Oesterreichs Antwort an England ist zu lesen, daß Oesterreich fest entschlossen sei, wie dies auch seine Kriegserklärung beweise, für immer in seinen ge­spannten Beziehungen mit Serbien nun endgültige Ordnung zu bringen. Was aber die Lokali­sierung des Konflikts betreffe, so sei Oesterreich - Un­garn mit England eines Sinnes, nämlich durch diese Lokalisierung des Krieges mit Serbien einen europä­ischen Zusammenstoß zu vernrciden. <

* # * * i»

Aus Deutschland.

* Im Deutsche uR eiche herrscht überall, im Süden wie im Norden, im Osten wie im Westen, eine gehobene Stimmung. Ueber Sympathiekundgebun­gen für Oesterreich laufen Meldungen fast aus jeder größeren Stadt ein.

Deutschland hat die Vorschläge Sir Edward Ereys a b g e l e h n t. Es geht aus der Antwort her­vor, dag Deutschland auf keinen Fall Oesterreich daran hindern wollte, diejenigen Schritte gegen Serbien zU un­ternehmen, die die verbündete Monarchie im Interesse ihres Ansehens für notwendig befindet. Andererseits will Deutschland an der Vermeidung eines Ucbergrei- fens des serbisch-österreichischen Konflikts auf unoeteiligte Mächte gern Mitarbeiten.

Man handelt in Berlin durchaus logisch, indem man die englische Vermittlungsaktion ablehnt, wünscht aber ganz begreislicherweise dieserAblehnung jede Schärfe gegen England zu nehmen. In den Berliner leitenden Kreisen glaubt man, daß der Sache des Friedens bes­ser gedient würde, wenn die bereits mit bestem Erfolg begonnene V e rmittelUngsaktion von Slot binet zu Kabinet fortgesetzt würde.

In diesem Sinne hat man den englischen Vorschlag beantwortet. Insbesondere wird hierbei auch die Tat­sache hervorzuheben sein, daß bis zur Stunde die di­rekten diplomatischen Unterhandlungen zwischen Wien und Petersburg fortgesetzt werden. Man würde also vielleicht schneller zum Ziele kommen, wenn die Mächte, sei es gemeinsam, sei es einzeln, ihre ganzen Bemühungen an denjenigen Stellen einsetzen wollten, die hierfür vielleicht in erster Linie in Betracht kommen würden: in Petersburg und in N i s ch. Deutsch­land ist jedenfalls entschlossen, mit allen Kabinetten im Gedankenaustausch zu bleiben, um dieses Ziel zu er­reichen.

Berlin, 27. Juli. Die Ankunft des Kaisers auf der Station Wildpark bei Potsdam erfolgt heute nach­mittag 3 Uhr.

Berlin, 27. Juli. Der Kaiser hatte heute nach seiner Rückkehr nach Potsdam Besprechungen mit dem Reichs­kanzler, dem Staatssekretär des Reichsmarineamts v. Tirpitz und dem Kriegsminister v. Falkenhayn.

Potsdam, 27. Juli. Die Kaiserin ist um 7 Uhr 33 Minuten von Wilhelmshöhe in Wildpark angekommen und begab sich ins Neue Palais.

* Gestern nachmittag hatte sich, wie man denL. N. N." meidet, vor dem Fürstenbahnhos Wildpark bei Potsdam eine ungeheure Menschenmenge angesammelt, um den Kaiser zu begrüßen, der in ernster Stunde seine Nordlandreise unterbrach, um die Geschäfte der Reichs - leitung wieder in die Hand zu nehmen. Der, Kaiser wurde um 3.10 Uhr erwartet. Ein starkes Polizeiauf­gebot sperrte den Platz vor dem Bahnhof ab. Kurz vor 3 Uhr trafen die Herren des Hauptquartiers und Ge- neralstabsöffiziere mit dicken Mappen unter dem Arm auf dem Bahnhof ein. Um 3 Uhr fuhr die Kaiserin im Automobil vor und begab sich ebenfalls auf den Perron, wo sie die anwesenden Heryen begrüßte und ins Ge­spräch zog. Punkt 3 Uhr 10 Minuten rollte der Son­derzug in die Halle. Der Kaiser in Admiralsuniform entstieg ihm zuerst. Er schritt auf die Kaiserin zu und überreichte ihr mit einem Handkuß einen großen Rosen­strauß, dann ging er auf die Herren des Gefolges zu, die er einzeln mit Handdruck begrüßte. Hierauf wandte er sich dem Reichskanzler zu. Die ernste Miene dies Kanzlers siel allgemein auf. Dagegen trugen die Her­yen der Generalität ein munteres Wesen zur Schau. Als

der Kaiser, der sehr frisch , und sonnenverbrannt aussah, das Bahnhofsgebäude verlieh, bereitete ihm die Menge die begeistertsten Huldigungen. Brausende Hurra- und Hochrufe ertönten die Straße bis zum Palais entlang. Selten hat Potsdam so stürmische Ovationen gesehen. Der Kaiser dankte mit ernstem Kopfnicken für die Hul­digung des Publikums. In Equipagen und Autos folg­ten die Herren der Umgebung zum Neuen Palais nach.

' Der deutscheKronprinz trifft heute Mitt­woch früh in Potsdam ein und nimmt im Mar - morpalais Wohnung.

Die deutscheHochseeflotte ist heimbeordert worden.

Hamburg, 27. Juli. Die in Hamburg auf Urlaub befindlichen Angehörigen der Marine haben telegraphisch Anweisung erhalten, sofort in ihre Garnisonen zurückzu­kehren.

*

Auf der Pariser Börse sand gestern ein geradezu ungewöhnlicher Küysstürz statt. Die Be­deutung dieses Vorgehens erhellt daraus, daß Berliner maßgebende Finanzkreise von dieser Tatsache nicht nuy überrascht, sondern über sie aufs höchste bestürzt sind. Man fragt sich hier, welche unbekannte Ursache dieses Ereignis herbeigeführt hat und ob dieses nicht in mi­litärischen Vorkehrungen Frankreichs zu suchen ist. Diese und andeye Tatsachen ließen in Ber­lin die Stimmung höchst pessimisttsch erscheinen.

*

Aus Rußland.

Petersburg, 28. Juli. Folgende amtliche rus­sische Mitteilung wird veröffentlicht: Zahlreiche patrioti­sche Kundgebungen der letzten Tage in der Residenz und in anderen Städten des Reiches beweisen, daß die feste und ruhige Politik in den breiten Schichten der Bevöl­kerung sympathischen Widerhall gefunden hat. Die Re­gierung hofft jedoch, daß der Ausdruck der Volksgefühle durchaus nicht die Färbung vonMißgunst gegen Mächte einnehmen werden, mit denen Rußland sich im Frie­den befindet und unveränderlich sich im Frieden zu> be­finden wünscht. Indem die Regierung aus dem Auf­schwung des Volksgeistes Kraft schöpft und ihre Unter­tanen auffordert, Zurückhaltung und Ruhe zu bewahren, verharrt sie auf der Wacht für die Würde und die Interessen Rußlands.

Petersburg, 26. Juli. Der allgemeine Eindruck ist nach einer Unterredung des Ministers des Äußeren, Sasonow, mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter Grafen Szapary günstig, wenn auch die Lage kritisch bleibt.

Rußland hat im Prinzip dem englischen Kon- serenzvorschlag zugestimmt. Gleichzeitig wünscht Rußland den direkten Meinungsaustausch mit Wien foyt- zusetzan.

Petersburg, 28. Juli. Hier ist eine Meldung cerbreitet, daß der König von England einen persön­lichen Brief an seinen Vetter, den deutschen Kai- s e r, gerichtet habe, in dem er diesen bittet, für die Er­haltung des Friedens sich cinzusetzen.

Russische TrUppen besetzten denEyenzbahn- bahnhof Wirr ballen und zwar Pioniere, Kaval­lerie, Artillerie und zwei Regimenter Jnfanteyie. Außer­dem haben die Russen alle ihre Erenzwege besetzt. Eine Schwadyon Ulanen ist deutscherseits aus Stal- lupönen nach- dem Grenzbahtthof Eydtkuhnen abgegan­gen.

Längs der ganzen deutsch-russischen Grenze hat der Grenzverkehr auf die letzten Nachrichten hin eine große Stockung erlitten. Um 11 Uhr vormittags wurde aus Rußland bekannt, daß keine Pässe mehr nach Deutschland ausgegeben werden. Die Nebenstelle der russischen Reichsbank hat Anweisung er­halten, alles verfügbare Metallgeld unver­züglich nach Petersburg zu senden.

S k a l m i e r e z y c z e, 28. Juli. Das r u> s s i - s ch e Infanterie-Regiment, das vor zwei Monaten von Kalisch nach Lodz entsandt war, ist heute plötzlich utt- erwartet hier angekommen. Der Oberst des Regiments gab Befehl, sich marschbereit zU halten. Die Mühle bei Kalisch, die auf einer Anhöhe liegt, wird militärische Be­satzung erhalten.

»:

Ans Frankreich.

Frankreich hat nicht die Absicht, sich für Ser­bien zu exponieren, allerdings, wenn Rußland ange - griffen werden sollte, müßte der, Bündnisfall eintteten und Frankreich seine Bundesp'flicht erfüllen. Frankreich bemüht sich, die Lokalisierung des Konflikts herbeizu- fühyen und hoffe, daß Deutschland das gleiche tue.

Aus England.

* London, 28. Juli. Prinz Heinrich v. Preu­ßen stattete gestern nachmittag dem König einen län­geren Besuch ab. Der deutsche Botschafter spyach gestern nachmittag im Auswärtigen Amt vor und wurde von Sir Arthur Nicolson, dem ständigen Sekretär, empfan­gen. Der deutsche Botschafter blieb über eine Stunde im Auswärtigen Amt. Vorher hatte Sir Arthur Nicol­son dem österreichischen und dem russischen Botschafter Besuche abgestattet.

Die englische Unterseebootsflottille hat den Ha­sen verlassen. Die Torpedobootszerstörerflotte liegt un­ter Befehl, sich zum sofortigen Auslaufen bereit zU hal­ten, im Hasen. Die erste Schlachtstotte hat bei Portland Anker geworfen und ist zum Auslaufen bereit.

Aus Italien.

Die italienische Regierung ließ der öster­reichisch-ungarischen Regierung eine Erklärung zukommen, daß in einem eventuellen bewaffneten Konflikte zwischen Oesterreich und Serbien sie eine freundschaftliche und dem Bündnisverhältnis entsprechende! Haltung einnehmen wird. Diese spontane Erklärung reiht sich würdig der von der ganzen Monarchie begeistert begrüßten glän­zenden Bekundung der Bundestreue des Deutschen Rei­ches an und ist in Wien als Erwiderung der bewähr­ten Gesinnung Oesterreich-Ungarns mit dem Ausdruck der Befriedigung und des Dankes entgegengenommen worden.

* * »

Sensationelle Verhaftung in Ungarn.

* Der BudapesterHirlap" meldet, daß der Mul­timillionär Lazar Dungyorszki in Rrseskcrek verhaftet worden ist. Der Verhaftete, der ungarischer Staatsbürger und serbischer Nationalität ist, ist 80 Jahr alt. Bei der Haussuchung wurde der Beweis geführt, daß er an der Spitze einer umfangreichen Verschwörung gestanden hat und Mitglied der Narodna Obrana ge­wesen ist, der er bedeutende Beträge zugewandt hat. In dem Keller seines Hauses wurden Bomben gefun­den. Von seiner, Familie wird -erklärt. daß sie bisher noch nichts von der Verhaftung des Genannten wisse.

* * *

* Brüssel, 27. Juli. Der Ministerpräsident Brogueville, der das Kyiegsportefcuille innehat, hielt gestern im Kriegsministerium eine Konferenz mit den Generalen ab. Es handelte sich darum, die gebotenen Vorsichtsmaßregeln für den Kriegsfall zu treffen. Es wurde Befehl erlassen, daß sämtliche beurlaubten Mann­schaften und Offiziere zu ihren Truppenteilen zurückge­rufen und alle Vorbereitungen getroffen werden, um die Jahrgänge 1910»1912 der Reserve einzuberufen.

* S o f i a, 27. Juli. Der bulgarische Major Atanasow beabsichtigt, ein bulgarisches Freiwil­ligenkorps gegen Serbien zu bilden. Die maze- dänischen Kreise sind kriegerisch gestimmt.

Ji«$ aller Welt

* Paris, 28. Juli. Frau Eaillaur ist frei­gesprochen worden. Bei der Verkündigung des Wahr­spruches brach ein Teil des Auditoriums in lauten Bei­fall, ein anderer Teil in sttirmische Proteftrufe aus.

$ M\ Ü&d to;d.

Gießen. Die dem Roten Kreuz schon vor der Er­öffnung der Gewerbe-Ausstellung gegebene Zusage wegen Abhaltung eines Roten-Kreuz-Tages fand am Sams­tag seine 'Verwirklichung. Trotzdem das Wetter unHünstig war, hatten sich viele auswärtige Besucher in der Aus­stellung eingefunden, so daß die hiesige Ortsgruppe des Roten Kreuzes eine ihr zu gönnende schöne Einnahme erzielte.

n Gießen. Der langersehnte und dem Vorsitz­enden der Ausstellungsleituny zugesagte Besuch Seiner König!. Hoheit des Gyoßherzogs erfolgte letzten Sams­tag nachmittag um 5 Uhr. Allgemein erhöht wurde die Freude dadurch, daß auch Ihre Kgl. Hoheit die Groß- herzogin ihren hohen Gemahl bcglcttete. Am Portal wurden die hohen Herrschaften durch den Ehrenvorsitz­enden des Ausstellungsvorstandes, Oberbürgermeister Keller und dem Vorsitzenden der Ausstellung, Prof. Dr. K r a u s m ü l l e r, empfangeri. Mit stürmischer Be­geisterung begrüßte das, trotz des wenig günstigen Wet­ters überaus zahlreich erschienene Publikum die hohen Gäste. Am Eingang zum Hauptgebäude übeyreichte Frl. Elisabeth Krausmüller mit einigen Motten der Groß - Herzogin ein Nclkenbuketl. Sodann wurden durch den Vorsitzenden die Mitglieder des Gefchastsführenden Aus­schusses den hohen Herrschaften vorgesirllt. Hieraus er­folgte der Rundgang durch die einzelnen Ausstellungs­räume unter, Führung der beiden Vorsitzenden und den Herren des Geschäflssührenden Ausschusses. Die aller­höchsten Herrschaften besichtigten eingehend die ausge - stellten Arbeiten und gaben wiederholt ihrer Freude über die Reichhaltigkeit und Gediegenheit derÄusstellung Ans­druck. Insbesondere bekundeten sie lebhaftes Interesse für die verschiedenen Arbeiten des Kleinhandweckes im Vogehsfterg. Nach dem Rund gang im Hauptgebäude nahmen die hohen Gäste in dem zum ersten Preis an­gekauften Speisezimmer des Hoflieferanten Brück den Tee ein. Die Tafel war prachtvoll geschmückt mit Blu­men der Firma Dietz, mit Porzellan und Kristall der Firma Mettenheimer und mit ^ilbergerä! der Firma Brück Nachf. (Inh.: Hammcrmann). Die Getränke und Speisen reichte der Ausstellungswitt Kemper und fand allseitige Anerkennung. An dem Tee nahmen außer den Kgl. Hoheiten nebst Gefolge die Herren Oberbürgermei­ster Keller, Prof. Dr. Kyausmüller, Stadtver­ordneter L. Petri und Herr Geh. Kommerzienrat Dr. Gail teil. Trotzdem die vorgeschrittene Zeit weit über­schritten war, ließen es sich die Allerhöchsten Herrschaf­ten nicht nehmen, auch durch verschiedene andeye Aus­stellungsräume außerhalb des Gebäudes noch zu gehen, wobei sie der AbteilungAlthandwrrk" reges Interesse cntgegenbrachten. Leider warmes ganz ittrmöglich, alle Aussteller aufzusuchen, da die hohen Gäste zu der Aus­führung der Freilichtbühne kurz vor 7 Uhr abfuhrcn. Beim Verlassen der Ausstellung brachte rnan wieder den Königlichen Hoheiten begeisterte Ovationen dar. ^hre Anerkennung für die schönen Lcistimgen des Handrvcrks verliehen die Allerhöchsten Herrschaften rwch dadurch Aus-