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Dir. 56 »
Telep hon: 9h:. 362.
Mittwoch, den 15. Juli 1914.
Telephon 4ir. 362.
26. Jahrc,.
Sozialdemokratie und flrbeiierimereffe.
Man schreibt uns:
Die Sozialdemokratie sucht nicht nur den von den Arbeitgebern zum Besten der Arbeiter und ihrer! Familien geschaffenen Wohlfahrtseinrichtungen Hindernisse in den Weg zu legen, sondern sie bekämpft auch alle aus Arbeiterkreisen selbst hervorgehenden Bestrebungen zur Verbesserung ihrer Lebenshaltung. Ein deutlicher Beweis hierfür ist ihre Stellungnahme zu der für den Arbeiter so überaus wichtigen Frage der Kleintierzucht, die namentlich im rheinisch-westfälischen Jndustriebezirk in den letzten Jahren eine auherordentlich weite Verbreitung gefunden hat. Die Bemühungen der Werks-Verwaltungen, die Belegschaften immer mehr für die Kleintierzucht zu iiüeressieren und die Hinweise in der Presse auf die Nützlichkeit der Kleintierhaliung haben in der sozialdemokratischen Presse einen Widerhall gesunden. Jüngst brachte das „93 o d) u nt e r V o l k s b l a t t" in Nr. 124 einen Artikel unter der Ueberschrist: „Das Kar- nikel als WMsahrtsplage", in dem es den Bergleuten klar zu machen sucht, dass der „verständige" Bergmann solchen „Wohlsahrtsmachinationen" misstrauisch gegen- übersteheii müsse. Der Bergarbeiter möge sich von der „Spielerei der Kleinlietzucht" sernhalten, denn für ihn sei es viel wichtiger, sich der sozialdemokratischen Or - ganisation zu widmen. Leider finden sich immer noch Arbeiter, die derartigen Ratschlägen folgen. So wäre vor einigen Jahren der in einem westfälischen Jndu- striestädtchen bestehende Ziegenzuchtverein infolge der sozialdemokratischen Wühlarbeit beinahe der Auslösung verfallen. Mehrere Vereinsmitglieder hatten, aufgehetzt von Mitgliedern des sozialdemokratischen Verbandes, die Auslösung beaMragt, weil der Bergmann so viel verdienen müsse, das; er keine Ziegen zu halten brauche: Die Leute sind allerdings mit dieser eigenartigen Auffassung nicht durchgedru-ngen, sondern der Verein hat nach dem 9lUsscheiden der unzufriedenen .Elemente an Mitgliedern zugencmmen und besteht heute noch.
Gegenüber solchen Anschauungen, wie sie von den sozialdemokratischen 9lqitatoren verbreitet werden, sei nur auf eine von fachmännischer, Seite unlängst vorgenommene Berechnung der Erträge aus den verschiedenen Zuchten hingewiesen. (Siehe Artikel in Nr. 54 der „Gie- hener Zeitung": „Die wirtschaftliche Bedeutung der Kleintierzucht".) Nach dieser Berechnung ergibt z. 93. die Aufzucht von 2 Ziegen einen jährlichen Ileberschuh von 100
Mark, die Zucht von 2 Schweinen 190 Mk., die Schweinemast (2 mal 2 Schweine) etwa 200 Mk., die Kaninchenhaltung (etwa 25 Tiere), 130 Mk. usw. Dabei wird ausdrücklich betont, daß die angegebenen Erträge sehr niedrig bemessen sind. Im übrigen ist die günstige Entwickelung der Kleintierzucht im Industriegebiet — der Verband der Kleintierzüchter in Dortmund hat allein im Jahre 1913 um rund 5000 Mitglieder zutze- nommen, er zählt heute etwa 21 000 Mitglieder — der beste Beweis dafür, dass die Arbeiter die wirtschaftlichen Vorteile der Kleintierhaltuüg wohl zu schätzen wissen.
Es zeigt sich auch hier wieder, wie es mit der angeblichen Arbeitersreundlichkeit der, sog. Arbeiterpartei bestellt ist. Die Sozialdemokratie sagt sich ganz richtig, dass ein Arbeiter, der sich bemüht, in der Gegenwart festen Futz zu fassen und sein Geld für die Hebung seiner Familie anzulegen, an der Betätigung für das sozialdemokratische Parieileben keinen Gefallen finden kann. Deshalb muh der Arbeiter auch gegen alle derartigen Bestiebungen aufgestachelt werden, denn das Parteiin- teresse ist den sozialdemokratischen Agitatoren wichtiger als das Wohl der 9lrbeiter und ihrer Familie.
Polififcbe RundFcbau
Deutschland.
* Staatssekretär v. Iagcw empfing Montag nachmittag den aus Petersburg eingetrossenen albanischen Ministerpräsidenten T u r k h a n Pascha.
* Berlin, 14. Juli. Der deutsche Gesandte in Ehina, v. Harthausen, ist hier in Berlin gestorben.
* 30 Jahre Kamerun. Der, 14. Juli ist für das deutsche Volk ein Tag freudiger Erinnerung insofern, als vor nunmehr 30 Jahren das Reich die Schuhherrfchaft über Kamerun übernahm.
* Bei der R e i ch s t a g s st i ch w a h l in K o - bürg werden nach einem Beschlüsse des nationalliberalen Parteivorstandes des unterlegenen Nationalliberalen für den fortschrittlichen Kandidaten Arnold stimmen; es ist daher zu erwarten, dah die Fortschrittler über die Sozialdemokraten siegen werden.
Frankreich.
* Der Jnspektionsarzt der sranzösischenAr- m e e Troussaint berichtete auf dem Lyoner Kongreh für
allgemeine Hygiene, dah 65 Prozent der unter die Fahne berufenen jungen Leute in höherem oder geringerem Grade tuberkulös seien. Im Jahre 1910 seien von 5214 zurückgestellten Dienstpflichtigen 4314 tuberkulös gewesen. Der Arzt Tyoussaint schlägt vor, die für diensttauglich erklärten Leute, bei denen Tuberkulose in den Ansangssladien konstatiert sei, von anstrengenden Dienstleistungen zu befreien. Auch möge man, da die finanziellen Schwierigkeiten die Errichtung eigener Militärsanatorien nicht ermöglichten, mit Zivil- sanatcrien 9lbmachungen treffen. Das Sanitätswesen verfüge über die ganz unzureichende Jahressutnme von 15 Millionen Franks.
Serbien.
* Unter den Mitgliedern der österreichisch- ungarischen Kolonie in Belgrad verbreitete sich am Sonntag das Gerücht, dah gegen die in Belgrad lebenden Oesterreicher und Ungarn von serbischer Seite ein 9l t t e n t a t geplant werde. Infolgedessen sandten viele Oesterreicher, und Ungarn ihre Familien nach S e m l i n, um sie dort übernachten zu lassen. Ungefähr 40 Frauen und Kinder suchten in der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft und im Konsulat Zuflucht und verbrachten dort die Nacht. Die ganze Nach! verlies übrigens vollständig ruhig. Kein österreich- ungarischer Untertan wurde bedroht oder belästigt und es kam auch zu keinen Ansammlungen in der Nähe der Gesandtschaft. Nach Ansicht der Belgrader Stadtpräsek- tur dürste es sich um eine blinde Panik unter einem Teile der österreichisch-ungarischen Kolonie handeln, die eine Folge der erregten A e U h e r ün g e n der serbischen Presse sein dürfte.
* Des russischen Gesandten Hartwig plötzlicher Tod hat in Serbien Nalionaltrauer erregt. Keiner hat ja auch so sehr die serbischen Pläne gefördert, als dieser Panslawist mit dem deutschen Namen. Es konnte darum auch nicht ausbleiben, dah den ver- slüchten „Schwobski" der- Tod des Zarenvertreters in die Schuhe geschoben wird. Baron Giesl, so heiht es in Belgrad, soll den russischen Kollegen zu einer Tasse Tee eingeladen haben, der Tee sei aber in Wahrheit ein tätlicher Gisttrank gewesen. Dieser Blödsinn findet auch Glauben.
Eine erfolgreiche Konsultation.
Humoreske von Adolf Thiele.
(Schluh.)
„Zu dienen, gnädige Frau! Der Herr Eeheimrat wird sich die Ehre geben, noch heute Vormittag vorzusprechen. Es ist jetzt 12 Uhr; er kann jeden Augenblick kommen."
Kaum hatte die Patientin erfahren, dah der berühmte Mann sich auf heute bei ihr angemeldet, als sie sichtlich matter und geknickter wurde. Nach Verlaus von zehn Minuten hatte sich chr Zustand bereits derart verschlimmert, dah ein Uneingeweihter,, der etwa dabei gewesen wäre, die Wahrscheinlichkeit vorausgesehen hätte, nach weiteren zehn Minuten einer, Leiche gegenüber zu ' sitzen.
Glücklicherweise kam es nicht dahin: es fuhr ein Wagen vor und gleich daraus wurde der berühmte 9lrzt gemeldet.
Die Frau Eeheimrätin ging ihm entgegen. Er führte sie zum Sopha und nahm an ihrer Seite Platz.
Seinen festen Blick auf sie richtend, sprach er in verbindlichem, ja galantem Tone mit ihr vcn ihrem Leiden. Wurde sie zu weitläufig, so schnitt er ihr in seiner, doch sehr bestimmter Weise die Rede ab. Mit qröhter Sicherheit nannte er dann verschiedene Symptome, die sie haben müsse und die sie auch wicklich hatte. •
Freilich sagte sich Rulf, der unbeachtet daneben sah, dah der jüngste Student diese Symptome ebenfalls ganz bestimmt vorausgesetzt hätte und dah bei all dieser ener- s gisch galanten Behandlung nicht das Mindeste zum
- Vorschein kam, was er nicht selbst schon längst gewuht
hätte.
t* Indessen verfehlte das Vorgehen des berühmten
l Arztes seinen Zweck nicht: es imponiert! der Frau Geheimrätin ganz ungemein.
0 „Ich bin orientiert", sagte die 9Iutorität und erhob
( sich. „Gnädige Frau gestatten, dah ich mich mit meinem Herrn Kollegen zu einem Konsilium zurückziehe."
Die gnädige Frau lieh es sich nicht nehmen, die Herren selbst zu dem nebenliegenden Salon zu geleiten.
Der galante Geheimrat pachte eine Verbeugung und sagte dann, als sich die schwere Türe hinter ihnen geschlossen: „Die Gans weih nicht, was sie will. Die alte Geschichte: kleines Leiden, grohe Einbildung! Was haben Sie verordnet, lieber Herr Kollege?"
Rülf beantwortete diese Frage eingehend.
„Recht gut; da kann ich auch nichts Besseres tun", sagte der Geheimrat. „Somit ist die Sache erledigt. — Sagen Sie lieber Kollege", fragte der Herr Eeheimrat in bester Laune, „wie legen Sie Ihr Geld an?"
„In preuhischen Konsols", enlgegnete Rülf.
„Hm, habe ich auch, sind ganz gut. .Unter uns, lieber Herr Kollege, ich habe Lose" — er nannte den Namen — „diese Lose sind sicher, tragen Zinsen und werden ausserdem ausgespielt, sodah der Inhaber einen Gewinn machen kann. Wenn ich Ihnen einen freundschaftlichen Rat geben darf, so erkundigen Sie sich näher darüber!"
Rülf dankte dem Geheimrat und versprach, seiner Weisung zu folgen. Es leuchtete ihm ein, dah der reiche Kollege nicht das mindeste Interesse dabei habe, sondern einzig aus Gutmütigkeit die Gelegenheit benutzte, ihm einen wahrscheinlichen Vorteil zuzuwenden.
Noch ein Weilchen unterhielten sich die beiden Aerzte über Tagesneuigkeiten, dann sagte der Eeheimrat, nach der Uhr sehend: „Nun können wir unser Konsilium beenden."
Jn's Wohnzimmer zurückqekehrt, ecklärte er, _ nach eingehender Untersuchung sei er mit Rülss Kur einverstanden und habe sich mit ihm über das zukünftige Verhalten verständigt.
Wieder imponierte er der Eeheimrätin durch seinen feiten Blick, sein bestimmtes Wesen und seine weltmännische Gewandhest.
Hierauf verabschiedeten sich die beiden Kollegen.
Vor. dem Hause trennten sie sich mit einem Händedruck. Der, berühmte Kollege bestieg seine mit zwei feu
rigen Rappen bespannte Kutsche, der unberühmte vertraute sich ebenfalls zwei Rappen an, die vor jenen den Vorteil hatten, dah sie ihn auch die Treppen hinaufbeförderten.
Und er hatte viele Truppen zu steigen, der gute, gewissenhafte Dr. Rülf. — —
Ein Jahr war nun vorübergegangen. Doktor Ruffs Praris hatte sehr zugenommen, freilich zumeist nur in jenen Kreisen, die nicht viel Zeit zum Kranksein haben. Bei der Frau Eeheimrätin ging er schon längst nicht mehr aus und ein; seine Stelle war durch einen gewandteren 9 lrzl eingenommen, und auch dieser war bald durch einen Homöopathen verdrängt worden.
9lber wo' blieb der Erfolg jener Konsultation?
Nur Geduld, der Erfolg hatte nicht auf sich warten lassen!
Eines Tages eilte Dr. Rulf in seinem gewohnten Eeschwindschritl durch eine belebte Strasse, als er plötzlich dicht vor sich den Eeheimrat aus seinem Wagen steigen sah. —
Obgleich die alles ausgleichende Natur Leuten von Stand und Würden ein schwaches Personengedächt - nis zu verleiben pflegt, so erkannte der berühmte 9lrzt dennoch den ehemaligen Berattmgsgenossen.
Der Herr Eeheimrat hatte soeben gut gesrübstückt.
„Wie geht es, Herr Kollege?" rief er daher freundlich und streckte Rülf die Hand entgegen.
„Nochmals besten Dank, Herr Eeheimrat", sagte Rülf, „für Ihren guten Rat!"
„Welchen guten Rat?"
„Nun, Tie rieten mir doch, mein Geld in gewissen Losen anzulegen."
„Allerdings, ich entsinne mich."
„Ich tat es, und habe vor kurzem einen Treffer von zehntausend Mark gemacht."
„Potz Blitz! Da gratuliere ich", rief der Geheim- rat. „Sehen Sie, lieber Herr Doktor", fügte er lächelnd hinzu, „es ist immer gut, wenn man einen älteren Kollegen zu Rate zieht."


