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Mittwoch, den 8. Juli 1914. relevbon Vr. E 20. Jahrg.
Nr. 54 Del cp Kon t S!r. 362.
vie Uerfcbwöruna von Zerajrwo.
Bvn den B e r s ch w ö r e r n, die mit Bomben u. Revolvern ausgerüstet in den Straßen von Seros.«- w o Aufsieliung genommen hatten und auf die Vorbei- sahrt des Tf>ronsolgerpaares lauerten, wurde in Semlin der s e ch st e in der Person des Serajewoer Gymnasiasten Svetozar Popocwitsch, der vcn dort Mchtete und über SeiUlin nach Belgrad zu gelangen trachtete, verhaftet und nach Serajcwo zurückgebracht. Unter den verhafteten Serben, deren Zahl 150 beträgt, befindet sich auch ein reicher Kaufmann aus Tusla namens I o w a si o w i t s ch, in dessen Wohnung angeblich Munition und Bomben gesunden wurden!
S e r a j e w o. Alle kroatischen und moslemischen Advokaten haben beschlossen, die B e r t e i d i g u n g der Attentäter abzulehnen, auch wenn sie hierzu von Amlswegrn delegiert würden. Sie wollten eventuell lieber die auf sie entfallende Strase bezahlen.
Belgrad. Wie das Blatt „Der Balkan" meldet, macht sich unter der serbischen Kaufmannschaft eine SIrömuug bemerkbar, auf die Verfolgung der Serben in Bosnien mit einem Boykott der ö st e r r e i ch - i s ch e n Waren zu erwidern. Das serbische Publikum hat bereits begonnen, die österreichischen Schiffstinter - nehmungen in aller Stille zu boykottieren.
• Na cd einer Meldung aus Belgrad batten zwei Armeekorps vorgestern Abend den Befehl erhalten, sich in Mitrowitza und den benachbarten Dörfern zu ! versammeln. Die Truppenkonzcntrierungen seien ledig - | lich als Vorsichtsmaßnahmen gegen die Rückwirkung an- j geordnet worden, die ein etwaiger Aufstand, der durch die jüngsten Verfolgungen und Gewalttätigkeiten ans- gcreizten serbo-krootischen Bevölkerung Oeslerreich-Un - garns in Serbien zur Folge haben könnten.
serbische Frechheiten.
Das Wiener Lorrespondenzburcau meldet aus Belgrad: Dem „Mali Journal" zufolge hat die serbische Polizei Nachforschungen nach dem Komitat- schi Liganovic angestelll, gegen den der Verdacht laut wurde, daß er an dem Attentat gegen den Erz - Herzog Franz Ferdinand beteiligt war. Die serbische Polizei habe aber bisher von Liganovic keine Spur finden können. Das Blatt „Odzek" verzeichnet ferner das' Gerücht, daß die serbische Regierung zugestimmt habe, die Untersuchung über das Attentat von einem österreichischen Polizeikommissar führen zu lassen. Das Blatt erklärt dazu, es könne nicht daran glauben, daß Belgrad den Skandal und die Schande erleben sollte, einem österreichischen Kommissar untergeordnet zu werden. Das Blatt „Balkan" erklärt, daß das erwähnte Gerücht um so unsinniger sei, als gerade Oesterreich - Ungarn wegen Verfolgung Unschuldiger unter internationale Kontrolle gestellt werden müsse. Für österreichische Beamte und Soldaten gebe cs in Serbien nur «inen Empfang: die Spitzen der Bajonette.
Politifcoe Rundfcbiäu
Deutschland.
* Der Kaiser hat seine diesjährige Nordland- reise angetreten; sie wird sichtlich aus eine ernste Note gestimmt sein und dadurch in fühlbarem Gegensatz zu den bisherigen Nordlaudfahrlen stehen.
* Prinz Heinrich v o-n Preußen ist mit seiner Gemahlin und seinen zwei Söhnen heute nachmittag in St. Moritz zum Kuraufenthalt eingetrosten.
* Im Ministerium der östentlichen Arbeiten fand, wie aus Berlin gemeldet wird, eine Besprechung zur Vorbereitung der wirtschaftlichen Untersuchungen und Projektierungsarbeiten für die K a n a l v e r b i n d - ung vom Rhein zur deutschen Nordsee statt. Ms Sachverständige nahmen Vertreter der großen Seereedereien, verschiedener Handelskammern und der Küsten- und Binnenstädte an der Sitzung teil.
* Oberstleutnant v. Winterfeld 1 verließ Sonnabend in Begleitung seiner Gemahlin Erisol- Ies und begab sich nach A U c o m v i l l e bei Toulouse, wo er seine völlige Genesung abwarten will. Bor der Abreise sprach Frau von Winterseldt dem Bürgermeister ihren Dank sür die liebenswürdige Aufnahme seitens der Bevölkerung aus.
Oesterreich.
* Kaiser FranzJosef ist gestern früh nach Bad Ischl abgereist.
* Kaiser Franz Joses ist Dienstag mittag in Bad Ischl wieder eingetroffen. Er hat vor seiner Abreise von Wien, wie nach einer Wiener Meldung der „Post" aus bcstunterrichtcler Quelle verlautet, den Generalftabschef Conrad v. Hötzendorf in stündiger Audienz empfangen. Für Dienstag vormittag war auch noch der Kricgsminister Crobatin zum Kaiser befohlen. Auch der Erzherzog Friedrich wurde am Montag vom Kaiser in einstündigcr Audienz empfangen. Am 15. Juli erfolgt die offizielle Verlautbarung der Ernennung des Erzherzogs zum Eeneralinspektor der Ar,mee. Das General- inspektorat der Marine übernimmt der Marinekomman- danl Haus. Erzherzog Friedrich wird bereits die Ober- leitutrg über die diesjährigen großen Manöver führen und sich vermutlich noch vorher nach Deutschland begeben, um sich Kaiser Wilhelm in seiner neuen Eigenschaft vorzustellen.
' Kaiser Franz Josef empfing den Grafen B e r ch t o l d in 1% stündiger Audienz und daran anschließend den gemeinsamen Finanzminister v o n B i- l i n s k i.
Kaiser Franz Josef empfing am Sonntag den neu- crnannten Botscbafter fiir Berlin, den Prinzen Hohen- lohe-Schillingsfürst, in längerer besonderer Audienz.
* Der Kaiser bat die Kinder des verstorbenen Erzherzogs Franz Ferdinand in einer 20 Minuten dauernden Audienz empfangen. Längs des We-
Eine erfolgreiche Kosrsulta rou.
Humoreske von Adolf Thiele.
„Wie lange dauert denn heute wieder das Abständen ? Bringen Sie mir jetzt meine Medizin!"
Die Frau Eebeime Regierungsrälin erhob sich ein wenig voir dem Divan, auf dem sie ruhte und nahm einen Löffel der Medizin ein, die ihr die Zose gebracht!
„Sie schmeckt zu fade", jagte jic darauf, „ich glaube Dr. Rüils versteht nichts. Geben Sie mir mein Buch!" >auchte sie dann und las einige Teilen in dem Romane, den sie vor einer Stunde begonnen. lieber, das erste Kapitel war. die Frau Geheimrätin allerdings nichts hinausgekommen. Mußte sie ihre Lektüre doch allzuost unterbrechen, um ihr Stubenmädchen zu — verbessern. Nach einer Viertelstunde warf sic das Buch — es war das neueste Meisterwerk eines unserer größten Rcman- schriftstcller — zu Boden und füllte das gediegene Ur- >eil: „O Gott, wie langweilig! Dieser veraltete Idealismus ! Und nicht eine einzige Toilette beschrieben! Lächerlich!"
„Bringen Sie mir die Zeitungen !" herrschte si« sodann.
Sophie 3. gehorchte.
Sophie war wirklich erst die drille ihres Namens, welche die angenehme Stellung eines Stubemnüdibcns bei der Frau Geheimrätin bekleidelek Sie folgte auf Maie 4. und deren Vorgängerin war Anna 6. gewesen.
Sophie, eines der lammsrommsten Mädchen ihres Zeitalters, war überdies bereits 3 Wochen bei der „gnädigen Frau" und glaubte in hoffnungsverblendeten Augenblicken, es wirklich noch die gleiche Zeit aushallen zu können.
Nach einigem Hin- und Herblättern bemerkte die I Frau Geheiinrätin, eine Bäckerin der Potsdamcrftraßc j mache frischen Psannenkuchen bekannt.
„Sagen Sie der Ksichin, sie solle mir sür 60 Psg. holen!"
„Die Köchin hat gerade den Braten über dem Feuer", berichtete Sophie zurückkehrend.
„So gehen Sie selbst!" sagte die gnädige Frau in sehr ungnädigem Tone. „Aber nicht so langsam wie gewöhnlich."
Sophie flog. Auf der Straße angelangt, hörte sie vom Fenster des ersten Stocks aus ihren Namen rufen. Die Frau Geheimrätin geruhte mit selbsteigener Stimme hinabzurufen, Sophie solle noch einnral herauskcmmen.
Sophie eilte die Treppe hinauf und erhielt den gemessenen Befehl, nicht sür sechzig, sondern für siebzig Pfennig Pslaumenkuchen zu holen.
Atemlos kehrte sie nach einiger Zeit zurück und war sehr verwundert, nicht wie sonst ausgcscholien zu werden. Vielmehr plauderte die Frau Geheimrätin, wäb- rend sie den Kuchen mit Behagen verzehrte, in der heitersten Weise.
Pfllautnenkuchcn hat, wie sich der erfahrene Leser
ges vom Bahnhof zum Schönbrunner Schloß standen zahlreiche Männer und Frauen, um die Waisen zu begrüßen.
Wie verlautet, hat der Kaiser den drei Kindern des Erzherzogs Franz Ferdinand eine jährliche Apanage von 400 000 Kronen angewiesen. Der älteste Prinz soll den Titel Herzog von Hohenberg erhalten.
Wien, 6. Juli. In einer Versammlung des Katholischen Volksbundes hielt Erbgraf v. Traut- mannsdorff eine aussehenerregende Trauerrede anläßlich der Ermordung des Thvonfolgerpaares, deren Spitze sich gegen den Obersthosmeisler Fürsten Monte- nuovo richtete, dem kleinliche Engherzigkeit bei dem Arrangement der Traüerseierlichkeiten vorgeworfen wurde. Schließlich wuhdcn Huldigungsdepeschen an'den Kaiser und den jetzigen Thronfolger Karl Franz Josef abgesendet.
Im österreichischen Hcchadel macht sich eine starke Bewegung gegen den 1. Oberhosmeister, Fürsten Mon- tenuovo, geltend, den man unzulänglicher Vvricnrun- gen für das prunklose Zeremoniell der Leichenfeier beschuldigt Der Hpchadel hat gegen diese Prunklosiigkeit protestiert, indem er, dem Zeremoniell entgegen, 120 Angehörige an dem Zuge zur Westbahn teilnehmen ließ.
A g r a m. Im kroatischen Landtage zu Agram kam es zu neuen serbenfeindlichen Tumulten, sodaß die Sitzung stundenlang rmterbrochen werden mußte. In Laibach vemnftaltete die slowenische Volkspartei eine große Kundgebung gegen die großserbische Propaganda. Etwa 400 Personen beteiligten sich daran. Auch in R a g u s a kam es zu einer großen kroatischen Demonstration, wobei serbische Läden de- mcliert und eine serbische Fahne zerrissen wurde. Militär muhte einschreiten und die Demonstranten zerstreuen.
Rußland.
* Die Waffenübungen der einberufenen 650 000 russischen Landwehrmänner, und Reservisten sind bis zum 1. Oktober verlängert. Die „Reichspcst" erblickt darin eine russische Rückendeckung sür Serbien, um im Falle eines bewaffneten Einschreitens Oesterreichs gegen Serbien Oesterreich in den Rücken zu fallen.
England.
* London. Etwa 8000 Arbeiter der größten englischen Heeres- und Marincwerkstätle, des Arsenals von Woolwich, traten in den Ausstand. Die englische Regierung erkannte die Forderungen der Arbeiter nicht an, wollte auch Herr im eigenen Hause sein und schloß sämtliche Werkstätten des Arsenals.
* Aus B e l f a st wird gemeldet, daß Sonnabend zum ersten Male ein Regiment von Ulster-
entsinnt, die bemerkenswerte Eigenschaft, überaus glatt und fltott über den Gaumen hinabzugleiten, dann aber eine rührende Anhänglichkeit an den Magen zu zeigen.
Kein Wunder war es daher, daß die gnädige Frau einen ihrer lustigsten Scherze mit dem Bemerken unter - brach, sie habe wieder ihre Migräne.
Mii den Armen wild hcrnmfahrend, ging sie schnell im Zimmer auf und ab.
„Soll ich vielleicht einen kalten Umschlag machen?" wagte Sophie in sanftem Tone zu fragen.
Die Gnädige antwortete nicht.
„Oder wollen gnä' Frau nicht etwas ruhen, wie es der Herr Doktor geraten?"
„Ach was, mit Ihrem Herrn Doktor! Wenn ich ruhen und Umschläge macben will, brauche ich keinen Her.rn Doktor. Ich will leben, wie es mir paßt."
Einige Pillen, ein Gläscben Likör und ein paar Nervenplätzchen, die jetzt verschluckt wurden, bcitte» den Erfolg, daß die Kranke noch ungeberdigcr wurde. Dann probierte sie einen Löffel ihrer Medizin, sprudelte diese jedoch mit einer höchst originellen Gesichtsverzerrung wieder heraus.
„Dieser Doktor versteht doch gar nichts", ries sie zornig. „Das ist nnu schon der zweite Löffel, den ich heute nehme, und es hilft nicht das Geringste. Sophie, sofort gießen sie die Medizin weg!"
(Fortsetzung folgt.)


