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Nr. 4L. r.lcphon: Nr. 382. Samstag. Den 6. Juni 1914.
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Telephon '.,!r. Sß:>. 26.
Englische meiber-$cbandta?en.
London, 5. Juni. Der König hat seinen täglichen Morgenritt im Hydepark aufgegeben, da er Suf- sragetten-Mtentate befürchtet.
Die Polizei wird, wie gemeldet wird, von jetzt ab in jedem Falle, bei dem von den Stimmrechtlerinnen öffentliches Eigentum zerstört wird, beim Z i v i l g e - r, i d) t aus Schadenersatz klagen. Das Ministerium des Innern hat sich jetzt dazu entschlossen, die reichen Fonds der Stimmrcchtlerinnen, die nicht wenig zur Weiterführ- uim ihrer Agitation mithelfen, anzugreisen.
England wird mit chnen nicht fertig, dieses Land, wo doch die Brutalität mit zu den Tugenden gerechnet wird; wo man zimr Slau/nen aller anderen Länder mit dem Zuthältertum rasch und gründlich reine Wirtschaft gemacht hat. Mit den Suffragetten aber wird es nicht fertig. Nicht einen Augenblick nur haben sie sich bis jetzt einschüchtern lassen. Im Gegenteil. „Vorwärts!" lautet ihr Schlachtruf. Die Taktik geändert! Nicht nrehr bei der Sache wollen sie bleiben, aus den Mann wird jetzt gegangen! Keine gemalte Venus wird jetzt mehr mit dem Schlachtbeile zertyümmert, sondern alles, was männlich ist und sich gegen das Wahlrecht der Frauen erklärt, wird geprügelt, gehauen und gestochen. Der Redakteur, der Gesängnisarzt, der Polizist, der Minister und, wenn's sein muff, auch der — König.
Ihre neuesten Taten bezeugen es. Der „Voffischen Ztg." meldet man über oie neueste Taktik der S u s- sra gelten aus London folgendes:
Die Wahtweiber wüteten wieder einmal mit Reitpeitsche mrd Brandbombe. Sie haben aber ihre Taktik geändert, und statt wie bisher ihre Wut an leblosen Dingen auszulassen, eröffneten sie heute den „Kamps gegen den Mann". In B e l f a st statteten zwei elegant gekleidete Damen den E h e f r e d a k t e u r c n der beiden führenden Illsterblätter einen unwillkommenen Be- iich ab. Zuerst lieffen sie sich bei Mr. Steward, denr Herausgeber des „Belfast Telegraph", anmelden. Die üne der Besucherinnen ist eine herkulisch gebaute Amazone. Diese schlug dem Mr. Steward, der sich rls höflicher Mann beim Eintritt der beiden Damen erleben wollte, mit der Faust zwischen dieAU- !g e n. Der Angegriffene siel infolge der Wucht des un- uwartetcn Hiebes in seinen Sessel zurück und stürzte dann Mt demselben um. Währenddessen hatte die Gefährtin >er Angreiferin einen K l e i st e r t o p s ergriffen und des- cn Inhalt dem am Boaen liegenden über den Kopf
geschüttet. Niemand wagte sich auf das Hilfegeschr,ei des Mr. Steward an die wütenden Frauen heran, und so gelangten sic ungehindert zu der Redaktion der „Belfast Newsletter", wo sie den Redakteur Anderson derartig mit einer milgebrachten Reitpeitsche zurichteten, daß dieser ärztliche Hilse in Anspruch nehmen muffte. ^
In London lauerten drei Suffragetten vor dem Holowach-Gesängnis dem ihnen verhahten G e s ä n g - nisarzt Dr. Gorward auf, der die künstliche Ernährung der Wahlweiber beim Hungerstreik durchführt. „Du alles Biest!", „Menschenschinder!", „Teufel" und I ähnliche Schmeichelworte schollen ihm entgegen und ehe der erstaunte Doktor die Situätion erfäfft hatte, schlug j ihn eines der Wahlweiber mit einer H u n d e p e i t - ! s ch e Um die Ohren. Herbeieilende Polizisten nahmen j zwei der Suffragetten fest, während die dritte entfloh.
! Vor dem Polizeirichter weigerte sich der Arzt,
! Strafantrag zu stellen, und lo blieb dem Richter j nichts anderes übrig, als die Suffragetten mit dem gut j gemeinten, aber nutzlosen Wunsche zu entlassen: „Nun seid Uber in Zukunst hübsch artig."
In Deutschland begreift man das englische Suffra- gettentum nicht; und selbst die kühnste Frauenrechtlerin nriffbilligt solches Straffenamazonentum. Noch ist die deutsche Frau, selbst wenn ihr Rus nach mehr Recht noch so schrill erklingt, sich ihrer weiblichen Würde zU sehr bewußt. Sie weih, daff ihre Hauptwaffe Anstand uttd Herzensgüte ist, mit der sie auch den härtesten Mann besiegt. Und nur solche Frauen erziehen «in starkes, frohgemutes Geschlecht und Helsen den Staat mit erhal- j len; nicht aber die mit dem Schlachtbeil in der Hand, j die sich nach den lauten Kämpfen aus der Straffe und ! im Parlament sehnen.
London, 5. Juni. Die Suffragetten sangen an, so meldet der Korrespondent des „Berl. Tagebl.", sich in !Anarchisten zu verwandeln. Die Polizei hat ein Komplott gegen den dritten Sohn des Königs, den 14- jährigen Prinzen Henry, der am Unterricht im Eton- j cotllege teiinimnrt, entdeckt. Nähere Einzelheiten sind ! noch unbekannt. Mehrere Detektivs bewachen den Prin- j zen zur Sicherheit, ebenso wird Tag und Nacht das ! Halls an dem Grosvenorplatz besetzt gehalten, in das bekanntlich Miff Pankhurst gezogen ist, um den königlichen Schloßhcf übersehen zu können. Die Polizisten haben ständig ein Automobil neben sich, um die Sus- sragette gelegentlich beim Verlassen des Hauses zu erwischen und abzuführen. Die Polizei im Schloff ist jetzt 1 verdoppelt worden.
Aus Albanien.
* Der nach Abberufung des holländischen Major,s ; Sluyff zum Platzkommandanten ernannte Oberstleutnant ' Thomson hat über D u r a z z o den B e l a g e r - j ungszustand verhängt. Die Verhängung des Be- | lagerungszuftandes erfolgte auf einen Beschluß des Ministerrates, der ferner beschloff, die Malissoran sofort gegen die Aufständischen zu schicken, die Asusführung dieses Beschlusses jedoch verschob, um die Ereignisse abzu- warten und angesichts der Weigerung einiger Maliffo- ren, die Insurgenten zu bekämpfen. Die geängstigte Bevölkerung flüchtet auf die absahrenden Dampfer. Die Lage ist fortgesetzt ernst.
* Aus Rom wird gemeldet, daff D u r a z z o bereits von den Aufständischen eingenommen worden sei. Eine Bestätigung dieses Gerüchts liegt jedoch nirgends vor. — Angesichts des Abbruchs der Verhandlungen
j mit den Aufständischen hat die Regierung in Durazzo beschlossen, energisch gegenj 'die Aiusstäudischcn vorzu- giehen utttk sie von drei Seilen, nämlich von Alessio, Fieri und Elbassan, anzugreisen.
Deutschland und England haben beschlossen, je ein Schifs nach Durazzo zu entsenden. Frankreich und Ruffland wollen dasselbe tun. Jedes der vier Schiffe wird 250 Mann Landungstruppen an Bord haben. Das englische Schiff trifft bereits heute vor Durazzo ein.
Blättermeldungen zufolge ist die Situation in j DUrazzo vollkommen verzweifelt. Der Palast j des Fürsten Wilhelm wird Tag und Nacht von Artil- ! lerie bewacht. Auf den Dächern der Konsulate sind Ma- j rinesoldaten postiert, die Unaufhörlich durch Lichtsitznale ! mit dem im Hasen liegenden Geschwader in Verbindung stehen, Zwei Motorboote mit ständig laufendem Molar liegen bereit, jeden Augenblick die Familie des Fürsten nach dem Geschwader zu bringen.
va; hessische Grorshcrzogspaar in miineben.
* ZU Ehren des Eroffherzogs und der Großher- zogin von Hessen war, Donnerstag abend im Hofballsaale der Residenz Galatafel zu 150 Gedecken. In der Mitte der mit kostbaren Aufsätzen und herrlichen Blumenarrangements geschmückten hufeisenförmigen Tasel saffen der, König mit der Eroßherzogin und der Grotz- herzog mit der Königin. Die Prinzen und die Prinzessinnen des königl. Hauses nahmen ebenfalls an der Tafel teil. Im Laufe des Mahles wurden von den beiden Fürsten herzliche Trinksprüche gehalten.
Ein rettender Gedanke.
Eine Studentengeschichte von Adolf Thiele.
Nachdruck verboten.
„Und hat der Bursch kein Geld im Beutel, so pumpt r den Philister an", sang ein Student, ein hübscher, stonder, gewandter Bursche und ging flotten Schritts mrch's Zimmer.
„Jawohl, der Philister!" ließ sich eine Baßstimme «ören, die aus einer mächtigen Tabakswolke heraus- önte und einem behäbigen Bruder Studio angehörte. Wer pumpt uns denn hier in dem Neste, drei Stunden um Porsdam, Berlin genannt? Da war's in Jena ceilich anders —“.
„Ja, in Jena, lieber Daus !" ries der Blonde leb- ast. Unser gutes winkeliges Jena, das „liebe närr.'sche iest", wie es schon der alte Goethe nannte, ja dort! Ue kehrst du wieder, goldene Zeit!" sang er dann-wie- er.
„Na, freilich!" antwortete der dicke Phlegmatiker, tun sitzen wir da in der, Time, und es ist kaum der 1. Warum mutztest du leichtsinniges Huhn denn auch einen Schneider bezahlen?"
„Aber Daus, konnte ich denn anders ? Sich', geiahnt. hatte der Schneider schon mehrmals, ohne zu :uffiere.t. Nun konrmt, du weißt es ja, eines Tages n so zartes, duftendes, rosafarbenes Kuvert an, die ufschrift von Frauenhand. Entbusiasmus —“
„Bis in die Fingerspitzen", brummte der Dicke.
„Begeistert reiße ich das Brieschen aus — eine -chneiderrechnung! Aber der Spaß war zugut. mein -chneider ist Menschenkenner, kurz, ich konnte nicht wieerstehen."
„Und trugst deine letzten paar Kröten hin. Na, ff' gut sein, Bernhard", sagte der Dicke gutmütig und
hüllte sich in eine undurchdringliche Wolke, „ein feudaler Spaß findet immer seine Anerkennung. Aber was sangen wir nun an? Alles, worauf uns einer was pumpen könnte, studiert. In den Zeitungen hast du auch nichts gesunden, als du heute das Cafe besuchtest?"
„Du lieber Gott, die Zeitungen! Da wird z. B. ein kräftiger Mann als Musrührer gesucht, das wäre was für dich, Daus!"
„Ach, dummes Zeug!"
.O^deb es gäbe auch noch eine Verwendung als Mittagsbräutigam. Man hält sich 6 bis 7 Bräute, natürlich immer anständig, das heißt ohne offizielle Verlobung, nur so mehr platonisch, und ißt sich bei den Leuten satt."
„Hohohoho!", lachte Daus. „Nicht schlecht, aber läßt sich nicht so sii machen. Doch sage, Bernhard, warum hast du denn unseren besten Freund, den Marter,l, gestern, nicht angepumpt? Der Kerl hat doch immer Moos!" *
„Freilich, aber der hat elendes Pech gehabt. Hast du noch nichts davon gehört?"
„Nein, wieso?"
„Also neulich", berichtete Bernhard, „sitzt er abends in der Kneipe, und da sagt sein Nachbar, das lange Laster, zu ihm: „Du, Märtel, ich habe meine Manschetten vergessen, du könntest einmal meine Striche auf deine machen! Märtel also schreibt die acht Glas Bier des langen Lasters mit aus seine Manschette unter seine eigenen neun und denkt sich weiter gar nichts dabei. Ein paar Wochen später schreibt ihm sein Alter: Lieber Junge, beim Empfang deiner Wäsche zeigte mir deine Mutter, eine deiner Manschetten. Siebzehn Glas Bier ist doch ein bischen viel an einem Tage, du wirst es daher begreiflich finden, daß ich deinen Wechsel etwas kleiner bemeffe, zumal ich selber Zahlungen zu leisten ' habe usw."
„Na, da schlage doch einer lang hin!" ries Daus und stimmte mit rundem Baff in das Lachen seines Freundes ein. Dann erhob er sich vom Sofa und schritt aus das gemeinsame Büchergestell zu. Er hinkte etwas und man konnte bei genauer Beobachtung bemerken, daß er ein künstliches Bein benutzte. f
Beide setzten sich zur Arbeit nieder, doch bald sprang Bernhard aus.
„Ob wir noch einmal unsere Phileuse anpumpen?" ries er.
„Ach, das Weib gibt nichts mehr her", erwiderte Daus, „und dann scheint sie überhaupt nicht mit den Rothschilds verwandt zu sein!"
„Nun, ich versuche es", sagte Bernhard und verließ das Zimmer.
Bald darauf erschien er wieder.
„Na?" fragte Daus. „Schon wieder zurück?"
„Sie will gleich hereinkommen. Sie war bei ihrer gewöhnlichen Hausarbeit, sie — schwatzter"
Gleich darauf trat die so gütig Beurteilte ins Zimmer.
„Guten Tag, Frau Zimpfel", begrüßte Daus die ältliche Frau, indem er sich erhob und ihr entgegen ging.
Frau Zimpsel kämpfte zunächst mit einem Husten- anfall, den ihr der Tabalsguglm verursachte, dann aber begann sie mit verblüffender Zungenfertigkeit den Beiden auseinanderzusetzen, daß sie als „arme Witwe mit möblierten Zimmern" nichts verleihen könnte.
„Sie entschuldigen", so wandte sie sich iw Verlause ihrer Rede an Bernhard. „Sie hatten doch solch «ine hübsche Einnahme als Hauslehrer. Es geht mich ja eigentlich nichts an — Sic entschuldigen — es tut mir, selbst leid, wie mir scheint, haben Sie die Stellung nicht mehr?"
(Schluß folgt.)


