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Nr. 41.
Telep hon: Nr. 383.
Samslag. den 23. Mai 1914.
Telephon Nr. 382. 26. Jghtg.
fln$ Jflbanicn.
lieber Essad Pascha ist, wie zu erwarten war, das Urteil rasch gefällt worden: er ist des Landes verwiesen. Noch am Mittwoch Abend verbreitete die „Ag. Stesani" aus Durazzo folgende Meldung:
Der Fürst beschloh nach einer langen Konferenz, an der der italienische Geschäftsträger und der österreichisch- ungarische Gesandte teilnahmen, Essad Pascha, nachdem er eine Erklärung, ohne Erlaubnis des Fürsten nicht mehr nach Albanien zurückzukehren, unterzeichnet hatte, an Bord des italienischen Kriegsschiffes „Bengasi^ nach Brindisi bringen zu lassen. Der Dampfer verlieh Durazzo 3 Uhr nachmittags. Bon Brindisi aus, wo die Ankunft abends 11 Uhr erfolgte, ist Essad Pascha mit seiner Frau am Donnerstag nach Neapel weitergereist.
Damit ist es dem Fürsten von Albanien delungen, den Hauptverschwörer gegen den jungen Staat oder sein Oberhaupt noch im richtigen Augenblicke von sich abzu- schütteln. Im übrigen wollen wir die wichtigsten Meldungen zu der ganzen Angelegenheit selber sprechen lassen :
Durazzo, 21. Mai. Der Fürst hat die demissionierenden Minister ersucht, die Portefeuilles zu behalten. Der Minister des Hast- und Telegraphenwesens, Hassan Bei Prischtina, übernahm einstweilen zu seinem Ressort die von Essad Pascha bisher innegehab ten Ministerien des Krieges und des Innern.
Die Ausstandsbewegung der Bauern vor Durazzo ist friedlich beigelegt worden. In der Stadt herrscht vollkommene Ruhe.
Durazzo, 21. Mai. Die italienischen und österreichisch-ungarischen Matrosen besanden sich noch am Mittwoch erbend aus Wunsch an Land, um die fürstliche Familie und die auswärtigen Gesandtschaften zu schützen.
Eattaro, 21. Mai. Der kleine geschützte Kreuzer „Admiral Spaum" erhielt gestern Befehl nach Durazzo zu gehen.
' Neapel, 21. Mai. Essad Pascha und Frau sind hier eingetroffen.
PolitiFcbe Rundfcbau.
Deutschland.
* Der, Kaiser stattete dem Reichskanzler Dr. v. Bethmann Hollweg einen langen Besuch ab.
- Der bayerische König ist von seinen ungarischen Gütern nach München zurückgekehrt.
* Berlin, 21. Mai. Das „Militärwochenblatt" Reldet: Messing, Inspekteur des Militär-, Lust-, Kraft- und Fahrwesens ist zum Generalleutnant befördert worden.
England.
* Das Zweite englische Schlachtschiffgeschwader, bcftelicrtb aus vier Schlachtschiffen und drei Kreutzern, besucht Kiel vom 23. Juni bis 30. Juni, das Erste Schlachtschiffgeschwader, bestehend aus vier Schlachtkreuzern und zwei leichten Kreutzern, besucht Reval am 17. Juni, Eronstadt am 22. Juni und Riga am 30. Juni. Das Zweite Kreuzergeschwader verweilt in Trondjheim und Bergen vom 15. Juni bis 1. Juli, das Dritte Kreutzergeschwader, bestehend aus drei Schiffen, in Chri- stiania vom 15. Juni bis 23. Juni. Ein Schiff läuft Christiansund an. Alsdann besuchen, alle Schiffe Kopenhagen vom 24. Juni bis 1. Juli.
Rußland.
' Der russische Marineminister hat in der ReichsÄuma eine geheime Gesetzesvorlage betreffend die Gewährung eines Kredits von hundert Millionen Rubel zur Verstärkung der Flotte des Schwarzen Meeres eingebracht.
Schweden.
* Der König und die Königin von Schweden sind am Mittwoch abend 8 Uhr 30 Minuten über Trelleborg und Lahnitz nach Berlin abgefahren. Eine starke Volksmenge brachte den Majestäten am Bahnhose begeisterte Kundgebungen dar.
* Der König von Schweden ernannte vor seiner Abreise von Stockholm den Professor Soederblom, der an der Universität Leipzig als Professor der Theologie wirkt, zum Erzbischos von Upsala und Prokanzler der Universität Upsala.
Amerika.
* Auls Washington wird gekabelt: Der stellvertretende Marinesekretär erklärte, es werde von den Ver - einigten Staaten jede Anstrengung gemacht, Tampico sreizuhalten. Obwohl noch keinerlei Befehl erteilt worden sei, wurden doch Schritte unternommen, um, falls es notwendig ist, eine Blockade seitens der Bundestruppen oder der Konstitutionalisten zU verhindern.
' In Niagarasalls haben die Unterhandlungen in der merikanischen Frage am Mittwoch nach- inittag offiziell begonnen. Huerta stellt allerlei Ge
rüchten gegenüber entschieden in Abrede, das; er den Delegierten aus der Konferenz in Niagarasalls die Zu- > cherung gegeben habe, er werde ab.d a nken, falls es zur Lösung des Konflikts notwendig sei.
Die englischen Arbeiter in der Aelchshauptsiadt.
Die seit Dienstag in der Reichshauptstadt weilenden englischen Arbeiter und Angestellten folgten am Mitt - woch Vormittag einer Einladung der Stadt Berlin nach dem Rathause. Oberbürgermeister Dr. Mermuth bewill- kommnete die Gäste, Und wies sodann in englischer Sprache aus die Bedeutung der Adult. Schools hin, in deren Zeichen die englischen Gäste als Apostel der Arbeit gekommen seien. Am Nachmittag war der Empfang durch die Regierung in der blumengeschmückten Halle des Bundesrats im Reichstaasgebonde. Der Reichskanzler hatte zu seinem Vertreter Staatssekretär Dr. Delbrück bestellt.
Anläßlich des Besuches der englischen Arbeiter und Angestellten in Berlin fand abends sodann eine vom Empfangskomitee veranstaltete Massenkundgebung für den Frieden zwischen Deutschland und England im Saale der „Neuen Welt" in der Hasenheide statt; die weiten Räume waren Kopf an Kops gefüllt. Die Gesangvereine des deutschen Merkmeisterbundes trugen einige Lieder vor. Dann begrüßte Staatssekretär a. D. Dernhurg die Engländer in englischer Sprache und sprach im Rainen der eigentlichen Kameraden der Gäste, der deutschen werktätigen Bevölkerung und der deutschen Arbeiterschaft: Wir treten einander gegenüber als in selbstbewußter Stärke sühlende Nationen. Wir sind stolz aus unsere nationalen Institutionen und nationale Entwickelung. Wir, freuen uns des gemeinsamen Platzes an der Sonne und ver 'Prosperität der Wissenschaft und Kultur. Ich glaube deshalb Ihrer Zusttmmung sicher zu sein, wenn ich den bei loyalen Deutschen Und loyalen Engländern üblichen Ton gerade bei dieser Gelegenheit anschlage, indem ich Sie bitte, gemeinsam aus die Königshäuser der beiden großen Nationen anzustoßen. (Beisall.) Der Redner übersetzte hieraus seine Rede in die deutsche Sprache.
Dann begrüßte Eeneralsuperintendent Lahusen die englischen Gäste im Namen der evangelischen Kirche Berlins, ebenfalls in englischer und deutscher Sprache. Andere deutsche und englische Redner schlossen sich an.
Im weiteren Verlaus der Massenkundgebung schlug der Vorsitzende, Staatssekretär a. D. Dernburg, vor, den beiden Monarchen Huldigungstelegramme zü senden. Der Vorschlag wurde begeistert ausgenommen.
Frei! - Frei?
Novelle von Eugen Werner.
(Fortsetzung.)
„Wird er es überwinden, Herr Medizinalrat?"
Vor dem Bette des schwerverletzten Gatten stand Margaretha. Ihr Blick glitt von seinen mit Tüchern dicht verbundenen Kopse und den verhüllten Augen hinüber ' zu dem freundlichen Arzt.
„Das läßt sich jetzt noch nicht sagen, gnädige Frau. Aber hoffen wir das Beste."
„Seine Bewußtlosigkeit — wird sie noch lange andauern ?"
Der Arzt lächelte unmerklich.
„Gnädige Frau sragen zu viel. Ihr Mann scheint keineriei innere Verletzungen zu haben bläß die Wunden am Kopse sind bedeicklich — und dann hat er ferner, eine heftige Gehirnerschütterung davongetragen, welche vielleicht zu Besorgnissen Anlaß geben könnte. Etwas Bestimmtes läßt sich jetzt noch nicht sagen. Wir müssen vor allen Dingen abwarten, wie lange seine Bewußtlosigkeit anhält — ob nur wenige Stunden oder mehrere Tage — oder... Das einzige, was ich voraus sehe, ist, daß wir es mit Delirium zu tun bekommen, die außergewöhnlich starke Nerven erfordern. Deshalb muhte ich auch Ihrer Bitte um Transportierung des Schwerverletzten nach seiner Heimat so energisch ent- gegeMrelen. Es geschieh, ja nur zum Besten Ihres Herrn Gemahls, gnädige Frau!"
„Und lassen es die... die..." Frau Margaretha stockte.
„Nun, gnädige Frau?"
Sie raffte sich zusammen. „Ich wollte sragen, ob es anginge, daß ich meinen Mann pflegen dürfte." Nun war es heraus. Der Arzt räusperte sich. Nach einer Weile eMgegnete er zögernd: „Ich würde gern die Ver- aMwortung eines solchen Schrittes übernehmen, wenn Sie sich entschließen könnten, Ihr Aeußeres der Umgebung anzupassen."
„Wenn es sein muß, gewiß!"
„Also gut, ich werde Ihnen Schwester Hedwig senden, sie wird Ihnen gewiß gerne die nötige Garderobe abtreten."
„Ich danke Ihnen, Herr Medizinalrat!"
Der Arzt machte ihr eine Verbeugung und ging, Margaretha in dem kleinen Zimmer allein zurücklassend.
Langsam sentte sich die Nacht aul die Erde. Ihr Schleier verhüllte das Leid, das so urplötzlich sich in die Menschenseelen genistet.
Margaretha saß vor dem schneeweiß überzogenen Bette. Die Arme lagett auf der Decke in inbrünstigem Gebete verschlungen. Mit zuckenden Lippen saß sie da und heiß und zärtlich verschlangen ihre Augen den Bewußtlosen. Ihre erwachte Seele küßte ihn mit inniger Glut und ihre sehnsüchtigen Wünsche umschwebten ihn wie Eeisterhauch. Unermüdlich schaute sie aus den Mann, den sie verlassen und erstaunt fragte sie sich: „Warum nur — warum?" Was sie vor Monaten als selbstverständlich gehalten — heute war es ibr unfaßbar.
„Aus innerstem Herzen ringt sich's in stummer Qual — Wie ein Verzweiflungsschrei:
„Es war einmal!"
„Es war einmal!" Was sie einst besessen, hier lag es im Todeskamps: —
„Wer weiß, ob er noch einmal die Besinnung erlangt." So verbrachte Margaretha die erste schlaflose Nacht ihres Lebens, voll selbstanklagenden Vorwürfen und qualvollen Zweifeln. Die erste Nacht, die sie einer Pflicht opferte. Es wurde ihr schwer, furchtbar schwer, Die gewaltsam geöffneten Augen schlossen sich von Zeit zu Zeit trotz aller Anstrengung und müde sank der Kops aus ihre Brust. Aber immer wieder schreckte sie empor, starrte in das spärliche Licht der Nachtlampe und erstarkte an d'em Gefühl innerer Befriedigung, daß sie für ihn wachen, für ihn sorgen durfte.
Noch dämmerte der Tag kaum, als Schwester Hedwig in das Zimmer schwebte.
„Gnädige Frau bedürfen der Ruhe; dars ich bitten?"
Margaretba stand zögernd auf. Die Glieder waren ihr wie gelähmt und die Schwester mußte sie stützen. Doch von Rühe wollte sie nichts wissen; nur etwas Bewegung wollte sie sich machen. Am Arm der Samariterin trat sie binaus in die seuchte Morgenlust und sog die erquickende Küble in sich hinein, während Schwester Hedwig ihr das Eisenbahnunglück näher schilderte. Dann nahm sie ihren selbstgewählten Platz an dem Krankenbette wieder ein und verharrte bis zur Inspektion des Arztes, der mit der Schwester gleichzeitig das Zimmer betrat.
Nach kurzer Untersuchung wechselte er mit ihr einen schnellen, bedeutungsvollen Blick und sagte, zu Frau Margaretba gewandt: „beschleunigter Puls, Fieber! In einigen Stunden! werden die Phantasien ausbrechen. Sollten sie sich zu ungeahnter Macht steigern, dann lassen Sie mich sofort rufen."
(Schluß folgt.)


