Ausgabe 
25.3.1914
 
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Zwei Arten höhrer Güter schuf Nature Die einen: schön zu denken und zu handeln; Die andern: voll Empfänglichkeit der Spur Des wahren und des Schönen nachzuwandeln.

Daß Weisheit nach der Anmut strebt, Kat man auf Erden oft erlebt,

Doch dah die Anmut gern ihr Ghr Der Weisheit leiht kommt selten vor.

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14, tt

Modetorheiten

einst und jetzt.

Die Mode im Wandel der Zeiten vec- anschaulichen unsere Abbildungen, die uns, wenn auch in kleinem Matzstabe, die Veränderlichkeit der launischen Dame Mode recht deutlich zum Bewußtsein bringen, und uns beweisen, daß cs wohl zu alle» Zeiten Auswüchse in Modcsachcn gegeben hat.

Mancher wird vielleicht der Ansicht sein, das aus dem Jahre 1810 dargestcllte Kleid sei von der heutigen Mode gar nicht so sehr verschieden, sehen wir doch bei vielen Damen, die sich nicht nach der Tagesmode richten, sondern ihrem persön­lichen Geschmack folgen, ähnliches. Einige, unter dem NamenKünstlerkleidcr" vor- gcführtcn Gewänder stimmen in der Sorni bis zur ersten kälfte des Nockes auch wohl nüt unserer Vorlage überein, aber vergleichen wir die zweite Rockhälfte des zeitgemäßen und des aus dem Jahre 1810 stammenden Kleides, so bemerken wir den Nntcrschied. Das heutige Künstlerkleid ist unten in runder Länge geschnitten und mäßig weit. während man die Kleider zuin Anfang des vorigen Jahr- Hunderts bedeutend weiter, und vorn so lang trug, daß man sic beständig auf. heben mußte, wollte man nicht darüber falle».

welch anderes Bild bietet uns dagegen die dcn> Jahre 186(3 entnommene Vorlage! Dieser unmäßig iveite Krinolincnrock aus schwerer Seide, die buchstäblich stehen konnte, dazu die schwarze Sauitjackc nnt dem verunstaltenden Besatz und den äußerst schmal geschnittenen Schultcrtcilen bilden das direkte Gegenteil zu unseren Tages- nioden.

Einige von poiret lancierten Vorlagen bringen uns allerdings auch wieder weite Eapes und Jacken, Sie in ihrer Glocken­form oben eng geschnitten sind und nach unten immer weiter ausfallen. Unter einem solchen Kleidungsstück kommt dann eine bedeutend engere Tunika hervor und unter dieser Tunika ein sehr enger, kaum 1,20 m weiter Rock. Die Sorm ist also unten am allerengsten die Reihenfolge wäre: weit, enger, am engsten, während unser Modell von 18öS einen viele Ellen weit geschnittenen Rock zeigt. . Einige Modelle haben jedoch auch bei den ge­schilderte» Jacken einen so engen Rock lohne Tunika), daß er einem koscnbein gleichkommt und cs unbegreiflich er­scheint, wie ein sterbliches Wesen über­haupt darin gehen kann. (Siehe Abb. 2.)

Echt pariserisch präsentiert stch uns das Modell, Abb. 1, das mit seiner Lampenschirmtunika, dem weiten Aus- schnitt und ganz kurzem Mieder zum Glück in Deutschland kaum Aufnahme ge- funden ha!. Diese Vorlage gibt uns aber so recht ein Beispiel, wie weit sichSrau Mode" oft von dem guten Geschmack ent- fernen kann. Man munkelt allerdings in Fachkreisen manches von dem Wieder­aufleben der Mode aus den 80 er Jahren des vorigen Jahrhunderts, immerhin aber dürfen ivir von dem Kunstsinn der heutigen Modeschöpfer erwarten, daß unS'kcineKarikaturen" geboten werden, die denen aus dem Jahre 1884 gleichkommcn; sie hätten kein Glück damit, denn der größte Teil der Damenwelt ist jetzt doch schon etwas kritischer veranlagt und folgt nicht immer unbedingt in allen Moücsachen, namentlich in Deutschland nicht! folglich haben wir kaum zu befürchten, dak die Tournüre a la Abb. 3 ibiedererstehi 'onnte. Unsere Darstellung ist noch in bescheidene» Grenzen

gehalten, aber manche Bilder aus bekannte» Ivitzblättern der 80 er Jahre des vorigen Jahrhunderts geben uns ein Beispiel, bis zu welchen Verirrungen sich die Mode versteigen konnte. Auf den durch di«

Tournüre entstandenen Hin­teren Auswüchsen sah man oft ein kündchen, Kätzchen oder sonstige Wesen aus dem Tierreich sitzen, die cs sich auf ihrem Ruheplatz unterhalb des eingepreßtcn Taillenschluffes der Damen recht bequem machten."

Spotllustige Menschen mach, tcn auf diese und andere weise die Tournürenmode zur Zielscheibe manches Witzes. Und zu derartigen Scherzen sollten die aufge­klärten Srauen des 20 . Jahr­hunderts wieder Veran­lassung geben? Das scheint schier unglaublich! Doch abwarten, heißt cs auch hier, behauptet man ja, daß auf dem Gebiete der Mode kein Ding unmöglich fei; und die licuestcn pariser Modelle, unter denen auch wieder eine ,,supe oulotte" lkosenrock) hcrumspulit. die foubrcttcnartig gcjch ürzten Kleider und manche anderen, jetzt hcrausgcbrachtcn Mode- schöxfungen niachcn dem gute» Geschmack ebenfalls wenig Ehre. 2llso, nous Abb. 3. verrons!

Mode van iss4. Helene Grube.

Abb. 1.

Modernes Dleid mit Lampenschirmtunlka.

Anschauungsunterricht in der freien Natur.

Das Leben in der Natur ist ganz be­sonders dazu geeignet, die Kinder spielend zu belehren. Die hohe Bedeutung des .An­schauungsunterrichtes" ist jetzt allgemein an­erkannt. Seine Prinzipien werden im Schul- unterricht verwirklicht, feter ist aber auch das Gebiet, auf dem die Eltern die Schule außerordentlich wirksam unterstützen können. Ls sollten alle Eltern, ja alle, die in einem kaufe leben, in dem Kinder find, einen aus­gedehnteren Gebrauch davon machen, die Sinne des Kindes im Srcien zu schärfen, leider geht man aber selbst, hauptsächlich (N den Großstädten, häufig genug blind an der Natur vorüber.

Man begeht den Hehler, sein wissen lieber aus gedruckten Büchern zu schöpfen, die selbst bei der größten Klarheit doch niemals die Wirklichkeit ganz wiedcrgcben können.

So kommt es vor, daß Menschen, die verschiedene Sprachen beherrschen und in der Geschichte der alten Welt sehr bewandert sind, bei dcnr Anblick eines Kartoffelfeldes über dieeigenartigen Blumen" in Erstaunen geraten, da ihnen das leben und weben in der Natur fremd blieb.

Stadtkinder haben vor den Landkindern manche geistigen Genüsse voraus, dafür stehen den Landkindern aber die Schönheiten der Natur in unmittelbarer Anschauung zur Verfügung. Allerdings können aber auch hier die Kinder nur lernen, wenn man ihnen die Augen öffnet. Darum sollte man jeden Spaziergang zum bildcudc» Anschauungs­unterricht machen. Nalurstudie» sind von weitgehender Bedeutung für die Kindcrwclt. Nicht allein, daß die Kinder lernen, die Natur zu verstehen, daß ihr Blick geschärft und ihr Nachdenken angeregt wird, cs wird auch die Liebe zu der Pflanzen- und Tierwelt in ihnen großgezogen. Sie ahnen von frühester Jugend an das walten eines allmächtigen Gottes. Kein Knabe, der dem weben der Natur lauschen und die Wichtigkeit eines jeden, auch »och so unscheinbaren Lebewesens kennen lernte, wird mutwillig ein un- schuldiges Tier quälen, den Vögeln die Nester zerstören und die darin liegenden Eier rauben, oder Sie Blumen aus Uebermut und Lust am Zerstören abreißen! Jedes Kind wird voll Interesse beobachten, wie sich die Nachtkerze abends öffnet und andere Blumen sich schließen; wie die Biene König sammelnd in die Blutenkelche fliegt usw.

Auch soll man den Kindern die Bauart der Wohnungen der verschiedenen Tiere zeigen, die hübsch gebaute» Nester der Vögel, die geregelte Tätigkeit in einem Bienenstöcke. Tausend Beispiele beweisen, wie viel Lehr­reiches den Kindern auf leichte, anschauliche weise eingeprägt werden kann. Leider wird kleinen Mädchen fast niemals das harntlose Studium gestattet, Raupen zur Beobachtung der Verpuppung mit nach kaufe zu nehmen. Ls heißt ja schon bei unschuldigen Käfern so häufig:wirf das häßliche Tier fort!", ohne zu bedenken, daß man dadurch viel- leicht einen Abscheu vor ganz harmlosen Tieren erweckt, der sich auch m späteren Jakren nur schwer überwinden läßt. Ivarum sollen kleine Mädchen der Tierwelt nicht das gleiche Interesse entgcgenbringen, wie die Knaben? warm und eindringlich inßtz ,edem Kinde ans kcrz gelegt werden, da^ die Tiere den Schmerz ebenso empfMden wi; die

l^enschen.

Modern» Aoltum

»nd

Abb. r.

mit gtockenlörmtger lacke engem Heck.

Abb

Mod-

und daß man auch aen kleinsten Wurm nie mutwillig quälen darf. Mail erinnere die Kinder auch im Winter der hungernden Vögel zu gedenken und lasse sie Brot- krulilen ausstreuen. Kinder, deren Gefühl auf solche Art geweckt wird, werden dajin auch ein kerz für die Mitmenschen besitzet, un^ eine hilfreiche Kand dem Elend der Welt gegenüber haben.

Die herrliche Frühlingszeit bietet so recht , die

Kinder auf die Wunder 'der Neu- erwachten Ilatur aufmerksam zu machen. Gerade jetzt nach dem Winterschlaf gibt uns die Tier- und Pflanzenwelt treffende Bei­spiele von dem Leben und weben im Wald und auf dem Seide, also sollten wir diese Zeit gut aus- nutzen, um die Jugend durch praktischen 2lnschau»ngs»nterricht im Sreien einzuführcn in die Naturwunder unseres engeren keimatlandes. Dazu bedarf es nicht immer längerer Wande­rungen; jedem, der einen kleinen Garten besitzt, bietet stch schon Gelegenheit, mit Kindern Len Anschauungsunterricht in der freien Natur zu pflegen.

w.

W

Abb. 6. Mode von IftJO»

Briefpapiere, Briefumschläge, Kerresfpondenz'icmn, Siegellacke

in allen färben und Quaiitäien empfiehl!

Jlibin Klein, Papierhandlung, gieren Scl/er weg $3