Ausgabe 
18.3.1914
 
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«erlag der »iestener Zeitung" K. m. b. H

5elter§weg 83.

Nr. 22. Telephon: Rr. 362. Mittwoch, den 18. März 1914.

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«tetzeuer Tageblatt) HI

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Telephon Nr. 882. 26. Iührls.

0nt franzöfifcbc Mlnislergatkin zur Mörderin geworden.

Paris, 17. März. Eine schon lange bestehende ftrchsehde zwischen dem Direktor desFigaro", Gasten i a 1 in c) 1 e und dem Finanzminister C a i l l a u r hat lestcrn abend zur Katastrophe geführt. Die Gattin des Ninistcrs, Frau Caillaur, hat zur Selbslhilsc gegriffen ind den dlngreiser der Ehre ihres Galten, Calmette, urch Rcvolverschüffe medergestreckt.

Calmette ist nachts kurz nach 2 l / 2 Uhr in der iartmannffchen Klinik in der Avenue Victor Hugo sei­en Verletzungen erlegen.

Ucber das Attentat wird gemeldet: Gestern ge- en 5 Uhr nachmittags lief; sich Frau Caillaur im Aut­omobil des Ministers nach dem Gebäude desFigaro" ihren, wo sie Herrn Calmette sprechen wollte. Gerade ls der Diener das Direktionszimmer betreten wollte, hielte sich Caillaur an, auszugehen. Lächelnd sagteer: Mit dieser Frau möchte ich nichts -311 tun haben." iichtsdestohocnigcr lieh er Frau Caillaur herein. Er rar gerade dabei, den Ueberzieher abzulegen, als Fr,au laillaur in höchster Erregung aus ihrem Muff einen kevülver hervorzog und nacheinander 5 Schüsse abgab. ton 4 Kugeln getroffen, stürzte Calmette blutüberströmt usammcn. Frau Caillaur wiederholte dann ein über as andere Mal:Das war für mich das einzige Mit- :I, meine Ehre und die meines Gatten zu rächen." Cal- celte geschossen, da er sie und ihren Gemahl durch die :rt herbeigerufencn Arzt verbunden. Sodann wurde er 1 eine Klinik gebracht. Frau Caillaur wurde in den läumen solange sestgehalten, bis die von dem Attentat erständigte Polizei herbeikam. Frau Caillaur erklärte !nmer wieder, dah sie nur die Ehre ihres Gatten und l)rc eigene gerächt habe. Die erste ordnungsmähige Ver­

nehmung der Frau fand auf der Polizeiwache statt, sie erfolgte abends gegen 8 Uhr. Frau Caillaur gab die Tal ohne weiteres zu. Sie habe mit Bedacht aus Cal­mette geschossen, da er sie und ihren Gemahi durch die schmählichen Artikel, die er über sie veröffentlichte, be­leidigt habe. Nur das Blut Calmetles habe diese Schmach abwaschen können. Aus Beschluh des -Kom­missars wurde Frau Caillaur vorläufig in Hast behal­ten. Der Finanzminister Caillaur erhielte er von der Polizei die Nachricht von dem unseligen Attentat, das seine Gattin unternommen hatte. Er verständigte sofort den Ministerpräsidenten, der noch in der Nacht ein!n Kabinettsrat einberief. Um Mitternacht versammelte sich das Ministerium unter dem Vorsitze Doumergues, um über die sür das Kabinett durch die Tat geschaffene Si­tuation zu beraten und die Frage der. Demission des ge­samten Ministeriums zu erörtern.

Paris, 17. März. Es verlautete, dah derFi­garo" heute Privatbriese veröffentlichen wird, welche Cail- iaur vor etwa 10 Jahren an seine gegenwärtige Frau gerichtet hatte, als sie noch die Gattin des Schriftstellers Leon Clarette war. DerFigaro" hat nun die Veröf- sentlichung der Briefe, welche angeblich sür Caillaur und mehrere seiner. Freunde sehr kcmpromiticrend sein sollen, aufgeschobem Frau Caillaur hat im Gefäng­nis die bisher zur Schau getragene Fassung v 0 l l- ständig verloren. Man schreibt dies, wie ein Blatt meldet, dem Umstand zu, dah der Finanzminister, als er im Polizeikommissariat weilte, mit seiner Frau eine Unterredung hatte, und zu ihr gesagt habe:S i e haben mich sür immer ruiniert." Frau Caillaur sollte gestern abend an einem Diner auf der italienischen Gesandtschaft als Tischnachbarin des Prä­sidenten der Republik teilnehmen: sie sagte jedoch tele­phonisch ab und entschuldigte sich mit plötzlichem Un­wohlsein.

Paris, 17. März. Caillaur hat gestern abend dem Ministerpräsidenten seine Demission mitgeteilt.

| Die Minister sind der Meinung, dah der Entschluh Cail- j lau:' nicht endgültig ist, und haben die Entscheidung | aus morgen vertagt.

Polinrebe Randrcbau.

Deutschland.

* Der Kaiser nahm am Sonntag das Diner bei dein Generalintendanten von Hülsen-Haeseler ein. Mofttag morgen begab er sich nach Kummersdors, wo vor der Artillerie-Prüfungskommission die neuesten Ar- tilleriegeräte zur Borsührung gelangten. Das Frühstück wurde im dortigen Offizierskasino eingenommen. Abends wohnte der Kaiser einer Theater-Vorstellung beim Kron­prinzen bei, wo auch Dr. Ganghofcr anwesend war. Am Nachmittag hatte er im Kgl. Schlosse den Vortrag des Reichskanzlers gehört.

* Zwecks Ausstellung eines Gesetzentwurfs über den gerichtlichen Zwangsvergleich außer­halb des Konkurses werden derVoss. Ztg." zufolge demnächst im Reichsjustizamt Sachverständige gutachtlich vernommen werden. Es handelt sich um die Anhörung von Vertretern der Industrie, des Handels und des Ge­werbes, Das russische Handelsministeriutn hat sich auf das Ersuchen von Handelskreisen bereit erklärt, für die Verlängerung des Ende Dezember 1916 ablaufen­den deutsch-russischen Handelsvertra­ges bis zum Herbst 1917 eintreten zu wollen.

Rußland.

* DieAgence Havas" bestätigt die in Petersburg umlaufenden Gerüchte, dah in geheimer Sitzung der Duma die Regelung der Vermehrung des Hee­res um 5 0 0 00 0 Mann und die Notwendigkeit einer Heeresaufwendung von 500 Millionen Rubel au- * gekündigt hat.

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Nach antUem Master.

Humoreske von Adolf Thiele.

Nachdruck verboten.

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Missvergnügte haben meist rote Nasen.

Sind ihre Nasen rot, weil sie mihvergnügt sind, der s>nd sie mihvergnügt, weil sie rote Nasen haben? lcr möchte diese Frage eittscheiden?

Soviel jedoch steht fest: Mihvcrgnügte haben meist cke Nasen.

Auch die kleine Gesellschaft, die sich im lauschigen interzirmncr derGrauen Pudelmütze" zusammen zu iidcn pflegte, schien eine Blütenlese von Unzufriedenen irzustellen.

Wenn auch nicht anzunchmen war, dah sie die lerke des großen Mißvergnügten von Franffurt ge- sen hatten, so schien doch jeder von ihnen selbst ein sterSchoppenhauer" zu sein. Besonders Herr Strun- l, Wmhlgeboren, einer der herabgekommcnften Schub- acher seiner Zeit, pflegte derartig in die Schoppen ein­bauen, dah man allgemein annahm, er habe einen tagen von Doppelsohlleder.

Neben ihm sah der Korrektor Nonnemann, der, wie

sein Beruf erforderte, seinen geradezu sündhaften urst durch Trinken zu korrigieren bemüht war.

Auch bei dem Gärtner Meier war dafür gesorgt, h die Bäume nicht in den Himmel wuchsen; was am Tage mit seinen Rosen und Hyazinthen ein- hm, ging abends wieder darauf bei der Kultur jener ollenartigen Frucht, die sein Angesicht verzierte.

Ferner war da ein ältlicher Mann, der ein ungc- :in geregeltes Leben führte. Er war Witwer und Ren­

tier; früher sollte er Kravattensabrikant gewesen sein; ob in wirklichem oder übertragenem Sinne, das wuhte allerdings niemand genau.

Vervollständigt! würde diefSlammtischgefellschafl durch einen Auktionator, der schon von seinem Beruf aus ge­wohnt war, die Summe immer um eins zu vermehren, und durch einen Kammerjäger. Letzterer war infolge seiner unglaublichen Räusche häufig in Gefahr, statt der Ratten, die sein tägliches 1 Brot waren, sich selbst zu vergiften, er hatte sich daher hoch in die Unfallversicher­ung eingekaust.

Es war an einem kühlen Herbstabend, als sich die werte Gesellschaft wie gewöhnlich versammelt hatte, vom Wirte natürlich mit größter Ehrerbietung begrüht.

Nachdenkende, mäßige Männer, Freunde der Natur und des Studiums und ähnliche, die sich bei zwei oder drei Glas Bier herumdrücken, kann ein Wirt von echtem Schrot und Korn selbstverständlich nicht achten.

Ja, es geht nichts über ein regelmäßiges Leben", hatte der Rentier soeben gesagt.Wenn ich nicht tag - lich meine bestimmte Anzahl habe, also vormittags vier Glas, mittags drei, nachmittags drei und abends fünf-

hn, so fehlt mir etwas."

Kaum war diese diätische Bemerkung gemacht, als :r Schuhmachermeister Häsele eintrat, von allen Freun- :n edler Gesellschaft lebhaft begrüht.

Das ist ja reizend, Kamerad, dah Du auch wic- :r kommst", rief ihm sein Kollege Strunze! entgegen. Va setze Dich nur gleich her!"

Mit einem Jubel, wie ihn nur Mißvergnügte fertig ringen, nahm man den neuen Gast im Kreise auf.

Es verdient bemerkt zu werden, dah Häseke, em lider Bürger und Steuerzahler, nur zeitweise dem Ze-

resdienfle huldigte. Während er sonst die Abende zu Haufe in löblicher Mäßigkeit erlebte, kam alle zwei bis drei Monate eine Art Begeisterung über ihn. Er. pflegte dann eine Woche lang nichts zu tun, als im Wirts - hause zu sitzen und dabei sogar seine Kneipgenossen in den Schatten zu stellen.

Mich heute schien er die besten Absichten mitzu­bringen. -

Laiht mich doch erst einmal zu Atem kommen!" sagte er.Drei Glas!" rief er dann dem Wirte zu.

In drei Zügen leerte er die drei Gläser und erst, nachdem er dergestaltzu Atem gekommen", beteiligte er sich am Gespräch.

Wenn das Bier hier nur besser wäre!" sagte der Rentier, als sich der Wirt gerade mit seinem leeren Glase entfernt hatte.Es gefallt mir hier nicht mehr, meine Stunden in diesem Wirtshause sind gezählt."

Bereits seit 7 Jahren sprach der treue Stammgast seinen Entschluh, sortzutzehen, beinahe allabendlich aus, man legte deshalb kein großes Gewicht aus seine Droh­ung.

Gott bewahre mich vor Bruchschaden und solchen Ansichten!" sagte trotzdem der Kammerjäger.Mir schmeckt das Bier!"

Sie haben gut reden", fiel der Eärtnet Meier ein. Sie,' als ein Mann, der sein Schäfchen ins Trockene gebracht hat, können ruhig in die Zukunft sehen,"

StruUzel stieh secuen Kollegen Häseke an, und alle lauschten gespannt aus die lebhafte Erwiderung des An­geredeten.

Der Kammerjäger, ein armer Teufel, konnte näm­lich alles vertragen, nur nicht, dah man ihn für einen wohlhabenden Mann ausgeben wollte.