Nummer 306 Elnjchreis d°LÄr Vienstag, den 31. Dezember 1918 11 . Jahrgang
Die ,1k ene Tageszeitung" erichemt ,eden WertlaZ. Nepeimatzlge «eilayen „Ser Hauer aus Hessen-, „Die Spiunkube". Sezugsprria: Be, den Bostani'taiten oierielkährUch Atk. 2.70 hinzu tritt noch das Bestellgeld: hc» den Aaenlcn monatlich 1.00 Mt. einschließlich Tragerlodn. Anzeigen: iörund,eile 25 Big.» totale 20 i5rq^ Änzeigen von auswans werden durch Boitnachnahme erhoben. Erfüllungsort ^riedbera. SchrMleitunq und Vertan ^rieüdem fressen», -»auanertrage 12. ^ern'vcecher 48. Ba t, Hel«Lanka Br. 18,9. Umr Urantfurt a. M.
Ueufahr 1919.
Mo nur die Jahre hingeflofsen sind, die uns in diesen Krieg hinein und aus ihm herausgesührt haben? Wir greisen uns sinnend an die Stirn. Und wissen nicht, daß diese Spanne uns älter und ärmer hat werden lassen. — Ein Tag steigt auf, der voll düsterer Erwartungen und voll banger Hoffnungen, Monate entscheidender Arbeit eröffnin soll. Sein Gesicht ist in Trauer und Heizeleid gehüllt, und keine Augen, die leuchten ob des erlebten Glückes, wollen uns mutig machen. Das verflossene Jahr begleitet uns, schwerfchleppend an seinen ungelösten Problemen, und will nicht lassen, die Enttäuschungen, die es gebracht hat. in hundertfältigem Licht zu zeichnen. Wir sehen einen Adler, der sich seine Flügel verbrannt hat. als er der Sonne zu nahe gekommen war, am Boden sich winden vor übergroßem Schmerz. Und wir wollen ihm helfen, wieder gesund zu werden und sind doch selbst bis in die Seele trank. Dieses jahrelange Hoffen und Darben hat uns dumpf gemacht. Müde sind wir geworden von allzu großem Erleben und sollten doch heute doppelt mutig und voller Tatkraft sein.
Uns hat der Traum deutscher Weihnacht von durchwühlten Feldern nach Hause gerufen, und was das Einzige ist und das Größte, wir haben die Sehnsucht darnach nicht verloren trotz aller Wendung, die das Schicksal genommen hat. Bon dieser Feier, die ärmer war als unser sreudgewillles Herz zugeslehen wollte, sind wir in Zagen erwacht, um einem neuen vielmals dunkle en Leben als das vergangene, entgegcnzugehen. Aber blitzklar ist uns auch die Verantwortung gedämmert, die eine wirkende, durch uns zu gestaltende Zutunst von uns fordert.
Das ist vielleicht der größte und einzige Segen dieser alles vernichtenden Zeit, daß sie den Deutschen, Bauer und Bürger, Arbeiter und Beamten, geweckt hat zu poliiija er Tat. Und darum haben wir trotz Vtieder- lage Au erstehung erlebt. Darum auch doppelt ist uns aus der Revolution die Pflicht nationaler Tat erwachsen mir dem Bewußtsein, in dieser anbrechenden Geschichtsepoche die Träger der Zukunst nachsolgenden deutschen Geschlechts zu sein. Urieilen und ve urteilen an der Wende dieses Jahres soll nicht untere Hauplau gäbe sein. Dazu besitzen wir noch zu wenig Ueberblick und zu wenig Ein icht in die Geschehnisse, die sich während vier schwerer, bedeutungsvoller Jahre aogespielt haben. Wir wissen nur eins, daß die, die die Verantwortung nagen, nicht allein unter den Führern die'.es Weltkrieges zu suchen sind. Die Ursache des Zusammenbruchs reichen weit zurück. — Sollen andere darüber entscheiden, vielleicht uu[ere Enkel, vielleicht eine noch spätere Generation, denen persönliche Leidenschaft nicht so sehr den Blick trübt wie den davon unmittelbar Betrogenen. Wir haben besseres zu tun. Wir, die wir wohl alle einen Teil Schuld zu tragen haben, sind berufen, den Wiederaufbau zu begründen. Diese Aufgabe, die uns das neue 2ahr stellt, ist stolz und schwer. Als Sühne bringen wir unser letztes Herzblut dar. Ein einziger Wille soll uns leiten. Ter Wille, Deutsch und der Wille, frei zu sein. Darin wollen wir zusameniiehen und am Tage, da ein junges Jahr unter Wehen geboren wird, aller Not und Verzweiflung, ein trotziges „Und doch!" entgegenrusen.
Die Regierungskrise.
Die entscheidende Sitzung des Zentralrates.
Berlin, 29. Dez. Zu den Vorgängen in der entscheidenden Sitzung des Zentraliats mit der alten Negierung melden die „Politisch-Parlamentarischen Nachrichten,, noch:
Tie Sitzung wurde in ihrem späteren Verlauf unterbrochen, um dem Zentralrat Gelegenheit zu geben, zu den von Dittmann aufgeworfenen Fragen Stellung zu nehmen und zugleich den beiden Negierungsgruppen zu erlauben, ihren Standpunkt zu präzisieren. Nach Wiederaufnahme der Sitzung sprach Haase noch einige kurze Worte, und dann verlas Dittmann die Erklärung die den Unabhängigen die Freiheit des Mandats wiedergibt. Hierauf nahm Haafe noch einmal das Mort, um den aufrichtigen Wunsch auszudrücken, daß die Negierung nach dem Ausscheiden der Unabhängigen in der Lage sein möge, die Negierungsgefchäfte'wirksam zu führen und eine krastoolle innere wie äußere Politik zu bewerkstelligen. Die drei unabhängigen Volksbe- auftragten verließen dann die Sitzung, und die zurückgebliebenen Regierungsmitglieder setzten ihre Beratungen mu dem Zentralrat noch fort, die sich vorwiegend um * Perionenfragen drehten. Heute früh wurde die Beratung wiederausgenommen. Einmütig wurde
dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß die Negierung durch weitere Mitglieder verstärkt werden möge, weil sonst die Last der Regierungsgeschäste für das zurück- bleibende Dreimännetkollegium zu schwer werden würde, zumal da die Wahlen und die Friedensverhandlungen ihre zeitweilige Abwesenheit von Berlin notwendig machen könnten. Beim Eintritt der neuen Mitglieder wird wahrscheinlich im Einvernehmen mit dem Zentral- rat eine neue Verteilung der Geschäfte vorgenommen werden. Nach dem Niittriit der Unabhängigen werden höchst wahrscheinlich auch die unabhängigen Veigeord- neten und die unabhängigen preußischen Minister ihre Portefeuilles niederlegen.
Berlin, 29. Dez. Die „Freiheit", das Organ der Unabhängigen, ist merkwürdigerweise als einziges Blatt in der Lage, den Austritt ihrer Parteigenossen aus der Negierung zu kommentieren. Sie bezeugt dem Zenitalrat, daß er nicht den Mut und die Entschlossenheit gehabt habe, für die sozialistische und revolutionäre Sache gegen die Personen der Parteiführer zu entscheiden; er habe das Vorgehen von Ebert, Scheidemann und Londs- berg, das zu dem blutigen Straßenkampf geführt habe, nicht verurteilt. Damit sei die Sache entschieden gewesen. Mit denjenigen, die die Verantwortung für das vergoffene Proletarier- und Matrosenblut trügen, habe es kein w iteres Zusammenarbeiten ' mehr geben können. Im Uebrigen seien die Beschlüsse des Zentralrates mehr eine Mißbilligung der Tätigkeit von Ebert. Scheidemann und Landsberg als der Haltung der Unabhängigen. Aber schließlich zeige die Antwort des Zentralrates aus die Frage über eventuelle Gewaltanwendung, daß auch ihn der Geist Eberts, Scheidemanns und Landsbergs erfülle.
So gehen wir — fährt das Blatt dann fort — aus der Negierung heraus, weil uns die Politik der Halbheiten und der Schwäche, die die Nechtsfozialdemolraten getrieben haben, ein weiteres Verbleiben unmöglich macht. Unsere Genossen haben unter den schwierigen Verhältnissen und dem größten Widerstand ihre prinzipiellen sozialistischen Grundsätze zu verwirklichen gesucht. Jetzt beginnt für unser Wirken ein neuer Abschnitt. Ungehemmt und ungehindert werden wir jetzt für die sozialistische Sache werben und wirten können. Von dem Urteil des Zentralrates appellieren wir an die Massen. Wir vertrauen auf ihren revolutionären Instinkt und ihr sozialistisches Bewußtsein und sind überzeugt, jetzt erst recht bleiben zu können, was wir gewesen sind: die Träger der Nevolution und ihre vor- wärtstreibende Kraft!
Dllg Urnmim kr Rtishgrkgimm.
Berlin, 30. Dez. Äie Reichsregierung erläßt folgenden Ausruf an das deutsche Volk.
Arbeiter! Soldaten! Bürger! Bürgerinnen!
Die Unabhängigen sind aus der Negierung ausgeschieden. Die verbleibenden Mitglieder des Kabinetts stellten dem Zentralrar ihre Mandate zur Verfügung, um ihm vollkommen freie Hand zu lassen. Einstimmig wurden sie von ihm aufs neue bestätigt. Die lähmende Zwiespältigkeit ist überwunden. Die Neichsregierung ist neu und einheitlich gebildet. Sie kennt nur ein Gesetz des Handelns: Ueber jede Partei das Wohl, den Bestand und die Unteilbarkeit der deutschen Republik! Zwei Mitglieder der sozialdemokratischen Partei sind auf einstimmigen Beschluß des Zentralrates anstelle der ausgeschiedenen drei Unabhängigen eingetreten: Roste und Wissel. Alle Mitglieder des Kabinetts sind gleichberechtigt. Vorsitzende sind Ebert und Scheidemann. Und nun an die Arbeit!
2m 2nnern gilt es: die Nationalversammlung vorzubereiten und ihre ungestörte Tagung sicherzustellen, für die Ernährung ernstlich Sorge zu tragen, die Sozialisierung im Sinne des Rätekongreffes in die Hand zu nehmen, die Kriegsgewinne in der schärfsten Form zu erfassen, Arbeit zu schaffen, Arbeitslose zu unterstützen, die Hinterbliebenenfürsorge auszubauen, die Volkswehr mit allen Mitteln zu fördern und die Entwaffnung Unbefugter durchzusetzen.
Nach außen: Den Frieden so schnell und so günstig wie möglich herbeizuführen, die Vertretungen der deutschen Republik im Ausland mit neuen, von neuem Geist erfüllten Männern zu besetzen. Das ist in großen Zügen unser Programm bis zur Nationalversammlung. 2n enger Fühlung mit den deutschen Freistaaten soll es verwirklicht werden. Seine Ausführung im einzelnen wird nicht in Kundgebungen, sondern in Taten zum Ausdruck kommen. J6tzt haben wir Arbeitsmög- lichkeit! Es wäre unsere Schuld allein, wenn wir sie nicht zur Arbeit benutzen würden! Uns die Arbeit! Euch allen aber die Mitarbeit! Der neue Freistaat ist
unser aller Besitz. Helft ihn sichern! Auch an Euch ist die Frage des Zentralrates gerichtet: Seid 2hr bereit, die öffentliche Ruhe und Sicherheit gegen gewaltsame Eingriffe zu schützen und mit allen zu Gebot stehenden Mitteln die Ärbeitsmöglichkeit der Negierung gegen Gewalttätigkeiten, ganz gleich von welcher Seite, zu gewährleisten? 2hc müßt diese Fra re mit Ja! beantworten. Die Reicbsregierung bekennt sich ohne Einschränkung zu diesem Ja. Ohne dieses Ja bleibt das Programm Papier und Worte! Wir aber wollen über den Aufruf zum Aufbau! Wir gehen ans Werk! Wir glauben an Euch! Wir kommen durch!
©nefett in Len Händen der Koten^
Berlin, 30. Dezbr. Dem „Lokalanzeiger" zufolge ist auch Enefen in die Hand aufrührerischer Polen gefallen. Das in der Stadt stehende Dragonerregiment Nr. 12 und das 49. Infanterieregiment wurden überrumpelt und ergaben sich. Das Ärtillecieregiment Nr. 2 und das 2nfanlerieregiment Nr. 54 sind von Colberg nach Enefen zur Unterdrückung der polnischen Unruhen abgegangen.
Die Dnge im Diihrrevitr.
Duisburg. 29. Dez. Nach langandauernden Verhandlungen im Rathaus zu Mülheim an der Ruhr, an denen auch der Minister Strobe!. Nnterstaatssekretär Giesberts und Arbeiterführer H'.w teilnahmen. wurde eine Einigung mit den Streikenden erzielt und in folgendem Dokument zu- sammengefaßt-
„Wir, die Getue rksche.ften Deutscher Kaiser. Lohberg und Rhein I, muffen entsprechend allen unseren bisherigen Erklärungen an den Abmachungen zwischen den Organisationen festhalten. Mit Rücksicht auf die durch den lang-' anhaltenden St-.eik entstandene Notlage in den Bergarbei- terfcmnlien sind wir aber bereit, die entstandenen Streik- ausfcille zu bezahlen und zwar in der Form, daß jeder Verheiratete 200 Mark, jeder Unverheiratete 100 Mark und jedes Kind rirster 14 Jahren 25 Mark, im Ganzen aber nicht mehr wie 25 Mark Kindergeld erhalten. Die Zahlung erfolgt in zwei Raten die erste am 30. d. M.. die zweite vierzehn Tage Gäter. Voraussetzung ist. daß die Arbeit am Montag voll ausgenommen wird, vom 1. Februar nächsten Jahres die Achststunderstchickst roll verfahren wird, wie von den Organisationen vereinbart, und daß alle übrigen Orgg- nisationsabmachungen Vort voll eingehalten werden."
Diese Vereinbarung wurde von beiden Parteien uu& den oben genannten Vermittlern unterschriebe^
5 or mnijun der tlmMlim l’fllinnal frn.
Bei der Budgetdebatte in der französischen Kammer vertrat der Vorsitzende der Kommission für o: wärtige Angelegenheiten, Franklin Bouillon, die Fo v rungen der französischen Nationalisten: Annexion *:• Saargeb ets und Neutralisierung des linken und de rechten Rheinufers, des letzteren bis zu einem Abstan von 30 Kilnmetern voin Strome.
Ausland.
Abreise des deutschen Gesandten von KonstanUnope!.
Haag, 29. Dezbr. Eine Londoner Meldung auL Konstantinopel besagt, daß der deutsche Gesandte in Konstantinopel unter dem Druck der Ereignisse abge« gereist sei,
Portugal.
Bern, 29. Dezbr. Der „Progrss de Lyon" melde- aus Lissabon, daß es bei dem Leichenbegängnis Paes" zu Kundgebungen und Zusammenstößen kam. 2n der Augustastraße schoß das 33. Jnfanterie-Negiment auf die Menge. 4 Personen wurden getötet und 150 verwundet. Die Polizei schoß mit Karabinern auf die. Personen, die sich an den Fenstern gezeigt hatten. Von einem Dache aus wurden Handgranaten auf den Zug geworfen. An mehreren Stellen kam es zu schweren z Paniken. Weitere Einzelheiten fehlen noch.
Endgültiger Verzicht auf Finlands Krone.
Hetsingfors, 30. Dezbr. Prinz Friedrich Karl Hai durch Vermittlung der finländijchen Gefandschaft in Berlin mitgeteilt- daß er endgültig auf die Krone Finlands verzichtet.
Verschiedenes.
Verabschiedung des bayerische« Geueralob*rste« Grasen v. Bvthmer.
Einer unserer bewährtesten Führer au» Miseren Kampfett jm Osten, Generaloberst Graf Felir von Bothmer ist in den


