Ausgabe 
27.12.1918
 
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fjt der Marflall, wo die Artillerregeschoffe eine ziemlich einblinp.ti' e Wirkung hatten. Ganz zuverlässige An­gaben über die Zahl der Toten liegen nicht vor. doch dürfte sie kaum 20 erreichen. Unter den Spaziergängern wurden viele französische und englische Kriegsgefangene bemerkt, di; nicht im geringsten belästigt wurden. Aus der Menge vernahm man vielfach Ausdrücke des schmerz­lichen Bedauerns, dag zu gleicher Zeit die deutschen ,fen'cn..i bei den Alliierttn no in ^strengster Ab- scklicff ;ng. manchmal sogar in unwürdiger Behandlung sich befinden.

Berlin, 25. Dezbr. (M. 53.) Am heutigen Nach­mittage fanden mehrere von revolutionären Obleuten und Ver-rauensmännern der Großbetriebe Berlins ver­anstaltete Versammlungen in der Sregesallee statt. Nach den Versammlungen zogen die Demonstranten in einem Zuge durch die Stadt. Ein größerer Trupp zweigte sich von dem Zuge ab nach der Lindenstraße und besetzte das Gebinde desVorwärts". Der Polizeipräsident versuchte persönlich die Sache beizulegen, was auch in­sofern gelang, als die Druckerei geräumt wurde und unter Bewachung der Sicherheitsmannschaften des Po­lizeipräsidiums gestellt werden konnte. DerVorwärts" war, als dis Massen eindrangen, von einem Jäger­kommando bewacht. Es waren ^.Maschinengewehre auf* .gestellt; ein Panzerauto befand sich auf dem Grundstück der ,,Vorwärts"-Druckerei. Das Panzeraulo wurde von den eingedrungenen. Matrosen weggeführt, die Jäger- Schutzwache entwaffnet und neue Posten wurde,: von den miteingedrungenen Soldaten, unter denen sich auch ziemlich viel Mitglieder der republikanischen Soldctten- wehr befanden, ausgestellt. Es wird versichert, daß die Besetzung desVorwärts" weder von politischen Par­teien oder Gruppen, noch von revolutionären Obleuten veranlasst worden sei; sie sei vielmehr der Empörung der Massen gegen die Haltung desVorwärts" spontan entsprungen.

Von dem Rücktritt der Negierung EberL Haase.

Wie es sich immer mehr herausstellt, sind die ersten Nachrichten über dkd Vorgänge in Berlin zu glimpflich' gehalten gewe'en, die Negierung hat nämlich vor den Matrosen sörmlich kapituliert und der Rücktritt der Voll'sbeaustragten ist nur noch- eine Frage von Stunden. Zwar sagt derVorwärts", daß dis Spartatusleute nicht die Meh'heit hinter sich hätten und führte aus: Es ist die Forderung gestellt

worden, die Regierung Ebert-Haase solle sofort einer Reg erung Ledebour-Lieoknecht Platz machen. Diese Negierung Ledeöour-Liebknecht Härte keine fünf Prozent der Bevölkerung Berlins und nicht ein Prozent der Bevölkerung des Reiches hinter sich gehabt. Aber was nutzt das, die Regierung, trotzdem sie sich bewußt ist, die weitaus größte Mehrheit des deutschen Volkes hinter sich zu haben, weicht Schritt für Schritt vor der Gewalt zurück, wohl in dem Empfinden, daß sie der Geister, die sie milgeholsen hat zu rufen, nicht mehr Herr werden kann. Der Vertrag, durch den zwischen der Regierung und der Volksmarinedivision Friede geschlossen worden i't, hat dem Ansehen des Kabinetts einen schweren Stoß versetzt. Die Organe der Unabhängigen verzeichnen triumphierend, die Blät­ter aller anderen Parteien, mit Erbitterung und zum Teil mit offenem Hohn, daß die Matrosen einen vollen Sieg errungen haben. Allgemein wird als ein Kenn­zeichen der ganzen Lage die mangelhafte Zuverlässig­keit auch der sogenannten regierungstreuen Truppen ^cheworgehoben. Die Zusage der Ma.rosen, daß sie sich nicht wieder an einer Aktion gegen die Negierung be­teiligen würden, wird nur als papierenes Versprechen angesehen..

Für die Lage in Berlin, so meint dieFranks. Ztg.", ist besonders charakteristisch, daß wie die letzten Tage mit aller Deutlichkeit gezeigt haben, die Bewaffnung der hinter Liebtnecht gird Ledebour stehenden sparta- 'kistischen Gruppe immer weiter um sich greift und daß die Anhängerschaft dieser extremsten Gruppe in der so­genannten republikanffchen Sodatenmehr stark im Zu- yehmen begriffen ist. ^Gleichzeitig treffen aus dem west­fälischen Kohlenrevier beunruhigende Nachrichten über Ausbreitung und Art der Streiks ein. Die Spartakus- gruppe feiert offen den Rücktritt Hindenburgs und Crsners.

Uebere.instimmend erkennt die Preffe von links bis rechts den Ernst der Stunde. So schreibt dasVerl. Tageblatt": . $>'

Die Negierung Ebert-Haäse hat kapituliert. Es ist möglich, daß am Beginn der ganzen Malrosenaffäre rine Ungeschicklichkeit der Kommandantur, eine unge- chickte Behandlung der Löhnungssrgge, steht. Diese Tatsache verminderte nicht den Eindruck, daß die Ne­uerung steuerlos von einer Auffassung zur anderen rhwankt.

Und dieDeutsche Tageszeitung" sagt:

Das Abkommen bedeutet, daß die Regierung den aufständischen Matrosen vollständig nachgegeben hat. Mie dabei die Rechrvsozialisten überhaupt noch im Ka­binett bleiben können, ist unklar. Erfolgt also nicht nock eine andere Wendung, dann haben wir den ent­scheidenden Schritt aus der schiefen Ebene zur Anarchie vollzogen, denn eine Regierung, die einmal besiegt wurde und dabei ihre eigenen Truppen prelsgab, wird wohl kaum noch die Möglichkeit finden, die Niederlage wieder wert zu machen.

So werden wir in Berlin nächstens die Diktatur Liebtneckt-Ledebour begreifen. Aber die Frage wird fuii erheben, üie denkt das deutsche Volk dazu?

Anwrrvnng von Freiwilligen.

Berlin, 24. Dez. (WB.) Um die älteren Jahrgänge cm den noch bestehenden Fronten des Westens und insbeson­dere des Ostens möglichst noch vor Jahresende in die Hei­mat abbefördern zu können, ergingen vom preußischen Kriegs-ministerium an die Generalkommandos Weisungen, die Anwendung von Freiwilligen mit allen Mitteln för­dern. Die Einstellung der Freiwilligen soll in erster Linie in die Verende des Ostheeres außerhalb des Reiches, als­dann in ebensolche innerhalb des Reiches und schließlich in die Truppenteile erfolgen? die zum Grenzschutz im Westen bestimmt sind. Für die Werbung kommen sämtliche Jahr­gänge in Frage, auch die bereits entlassenen, außer den Jahr­gängen 98 und 99, die nur zum Eintritt in die Verbände jenseits der Ostgrenze h^rnngezegen werden dürfen und nur dann, wenn dis Betreffenden bereits zwei Jahre gedient haben. Die Freiwilligen genießen sämtliche Vorteile genau wie die Heeresangehorigen, vor allem bezüglich der Fami- lienunterstützUnAen. der Auswandsentschädigringen und Ver­sorgungsansprüche. .Als Gebührnisse sind ausgeworfen: Mobile Löhnung nach Dienstgraden, täglickre Zulagen in Höhe von'vier Mark, im Westen fünf Mark. Im Osten kom­men hinzu außerdem Treu Prämien im Betrage von 29 Mk. ftir den ersten Monat, steigend für jeden weiteren Monat um fünf Mark bis zum Höchstsätze von 50 Mark. Wo be- 'vndere Mittel zur Verfügung stehen, werden aus selchen den Freiwilligen noch weitere Zulagen gezahlt. Jeder Frei­willige hat nach drei Monaten Dienstzeit Anspruch auf vier- zehntägigen ttrlaub. Zur Durchführung der Werbunaen sind durch die Genneralkommandos rn allen größeren Städ­ten Werbestellen eingerichtet, wo weitere. Auskünfte erteilt werden Tie Möglichkeit dieser Wiederverwendung im aktiven Heer dürfte vielen willkommen sein, die infolge Mangels an Arbeitsgelegenheit in absehbarer Zeit noch nicht zu Verdienst im Zivilteruf gekommen sind.

Grnste Fage im Sohlen ebiet.

Wüst geht's im Zechengebiet hör.

Die Lage hat sich durch die Aufhetzung der Spar­takusgruppe sehr versch immert. Am Nachmittag zogen mehrere tausend Bergleute zu den Zechen der Gewerk­schaft Deutscher Kaiser, Neumühl und Kampschacht. Die Wachen wurden gestürmt, Maschinengewehre und Munition erobert und die Volkswehr zum Anschluß bewogen. Der Polizeikommiffar und mehrer Beamte, die sich entgegenstellten, wurden verwundet, der erste schwer. Ein Teil der Anlagen wurde demoliert, jedoch sind die für die Instandh altung der Werke wichtigen Anlagen noch nicht zerstört. Die Polizei wurde ent­waffnet und der Arbeiterrat abgesetzt. Es herrscht voll­kommene Anarchie. Die Direktoren wurden für vogel- frei erklärt, die Militär- und Regierungsstellen erklär­ten sich zum Schutz unfähig. Mail befürchtet, daß es heute noch zu Plünderungen und Ausschrettungen kommt.

Tschechen und Polen.

Vor einem tschechischen Einmarsch?

Berlin, 20. Dez. Wie mitgeteilt wird, wird in Sachsen'der Einmarsch der tschechischen Truppen, die sich an der Lausitzer Grenze bereits zrisammengewgen haben, für die allernächste Zeit befürchtet. Die sächsische Re­gierung hat Hilferufe nach Berlin gesandt, nachdem sie sich wochenlang trotz der rechtzeitig von der sächsischen Presse angezeigten Gefahr untätig gezeigt hat. Es be­steht nach derVerl. Börsen-Ztg." die Gefahr, daß Deutschlands Hilfe bereits zu spät kommt.

Deutsche Kundgebungen in der Ostmark. Vromberg, 22. Dez. Der gestrige Sonntag stand unter dem Zeichen.von großen Kundgebungen, in denen in eindrucksvollster Weise das Bromberger Deutschtum sich zu seinem' Volkstum bekannte. Weiteste Kreise des Bürgertums und des Militärs veranstalteten vormittags einen Umzug, wobeGin Ansprachen auf die neuerlichen Uebergriffe der Polen durch die Ausschreibungen der Wahlen auf deutschem Boden hingewiesen wurde. Rach- mttrags fanden drei große, gut besuchte Volksversamm­lungen statt. Geheimrat Cleinow und Prorektor Dr. Hille sprachen über die Fragen, die heute das ostmär- krfche Deutschtum bewegen, und forderte zum Zusammen­schluß in der Deutschen Vereinigung auf. Für Vrom- berg sind 35 Volksräte vorgesehen, die sich zu einem Bromberger Kreis- und Volksrat zusammenschlreßen.

Ernste Lage in Oberschlesien,

Breslau, 23. Dez. In den letzten Tagen erschienen in den Gruben Abgeordnete der Lrebknechtgruppe, die die Arbeiter auffordern, unbekümmert um alle Ab­machungen, von neuem zu streiken. Die Arbeiter stellen daraufhin neue wirtschaftliche und soziale Forderungen aus, die die Grubenleitungen erst zur Beratung stellen .wollten. Die Arbeiter drängen aber aus sosortige Er­füllung ihrer Forderungen und traten in den Streik. In erster Linie sind die GrubenPreußen" undHedrich" betroffen. Die Lage wird als ernst angesehen.

Keine Orden und Titel mehr.

Berlin, 23. Dez. (WV.) Die preußische Negierung erläßt folgende Bekanntmachung: Die Verleihung von Or­den findet nicht mehr statt, doch ist es jedermann gestattet, früher verliehene Orden, insbesondere auch Kriegserinne- rungszeick-en weiter zu tragen. Eine Darleihung von Titeln findet eteuiallä nicht mehr LaU. Derüchen« Kfiel könne»

wettergeführt werden. Für die Becksttten wird eint Reu» regelung der Arntsöezei f *urigen :m Anschluß cn die rx Auf­sicht stehende Reform des Beamtenrechts und der Bcsio!« dungSverhältnisse vorgenonnnen. Bis dahin bleiben für sie die bisherigen Bestimmungen über die Amtsbezeichnungen bestehen.

Der Mut der ^evolutionäre.

Nickt übel glo sieren dieMünchener Neuesten Nachrichten" die Besorgnis der neuen Machthaber um ihre wertgeschätzte Person, von der man anscheinend in Bayern besonders bezeichnende Proben erstatten kann. Sie schreiben:

Man hört dieRevolutionäre" viel vom eigenen Mut reden und Minister Eisner hat dem Bürgertum den gleichen Akut gegen die Ruhestörer besonders in den Versammlungen empfohlen, auch wenn die Ruhe­störer mit Handgranaten und Gewehren gegen lin- bewassnete austreten. Schon beim Eintritt in das Landtaasgebüude ober sieht wan den Mut der Herren, die von anderen Leuten mehr Mut verlangen, eigen­tümlich illustriert. Zwei Maschinengewehre schützew den Eingang und ein Krieger im vollen Schmuck der Waffen kontrolliert die Eintretenden peinlich, auch an Tagen der öffentlichen'Sitzungen. Ja sogar die Abgeordneten selbst find schon auf ihre etwa'.ge Gefährlichkeit, falls sie eine Waffe führten, untersucht worden. Einmal, als Eisner mit den übrigen Mi­nistern in das Landtagsgebäuds kam, mußte sogar Kavallerie aufsitzen zum Schutz. Das war früher nicht so; die Landtagswache war damals eine haun- lose Dekoration. Ueber denMut", den die Herren des neuen Regimenis durch solche Absperrung vov dem gewöhnlichen Volk zeigen, machte sich auch Staatsrat Dr. Fuhr. v. Haller im Narionalrctt lchng. als er die starken Schutzmaßnahmen im Ministerium des Aeußern bespöttelte. Dabei weiß alle Welt, daß dasverrottete Bürgertum" niemals mit Waffen auf* tritt; fürchtet man.sich also vor den eigenen poltti- tischen Freunden bei den Radikalen und im Mmv Ttenum?"

DnilWM in frinfr tiffürn ssrn'tdrftnnl».

Dr. Eeßler, der Oberbürgermeister von Nürnberg, erklärte im Magistrat: Ern Teil der Bevölkerung .ei sich des Ernstes der Situation immer noch nicht be­wußt und komme immer wieder mit Anträgen um Polizeistundverlüngerung u. dgl.Ich mache fagle Dr. Geßler kern Hehl daraus, daß nach meiner' bleberzeugung in den nächsten Wochen ein unerhörter wirtschaftlicher Zusammenbruch, dessen Einzelheiten heute nicht einmal die Phantasie ausmalen kann, erntrechn wird. Der Zustand unseres Vaterlandes ersinnen an das Ende des 30jährigen Krieges und an die Zeit von Deutschlands tiesster Erniedrigung. Da ist es west - hastig keine Zeit, Feste zu feiern und nachts bis 1 Uhr dem Tanzvergnügen und anderen Lustbarkeiten zu hul­digen. Wie sollen Hunderttausende ihren Hunge» stillen» wenn sie nicht einmal mehr kochen können? Damit vergleiche man folgende Anzeige, die wir in der Dienstag-Nummer derFranks. Zeitung" finden: Westend-Diele im Hotel.Imperial (Opernplatz). Große Sylvester-Feier, Tanz, 2 Künstler-Kapellen, Im Ir > rial-Nestaurant ausgewähltes Festessen. Tische batet man- rechtzeitig zu bestellen. Notiz: Um zu vermeiden, daß durch aklzugroße Ueberfüllung die Gemütlichkeit notleidet, werden zur Sy vesterfeier rrur eine ent- Iprechende Zahl von Einlaßkarten ausgegeben. Das Hotel Imperial wird wissen, warum es seine Anzeigen gerade in derFrankfurter Zeitung" bekannt gemacht hat.

Gin Zeichen der Zelt.

Zur Frage der Arbeitslosen erhielt dieFranks.. Zrg." vom Frankfurter Landwirtschaftlichen Verein eine Mitteilung, aus der hervorgeht, daß auch hier die anderwärts beobachtete Erscheinung aMritt: Zunahme der Zahl der Arbeitslosen in der Stadt, Arbeitermangel auf dem Lande. Die hiesige Landwirtschaft, so heißt es in jener Zuschrift, steht säst ohne Arbeiter da, uns ist in den Arbeiten so weit zurück wie noch) nie zuvor. Unzählige Werte für die Volksernährung gehen zu­grunde, denn die Felder sind noch nicht vollständig ab­geerntet. Zuckerrüben, Kohlrüben und Gemüse gehen, verloren, und von Vorarbeiten für das kommende Jahr kann keine Rede sein.

Deutsches Uottr, wach auf! rn.

Gewiß gab und gibt - es auch viele Hausfrauen, denenHaushalten und Wirtschaften" ein unbekannier. Begriff ist, die im Besitze von 10 Mark für 100 Mart Bedürfnisse haben, denen Putz und Süßigkeiten der' höchste Lebensbegciff ist. Denen kann schließlich niemand < helfen und es sind und bleiben auch, Gott sei Dank, nur Ausnahmen. Ob unserer'Heranwachsenden Jugend männlichen und weiblichen Geschlechts nach vierjähriger Kriegsrätigkeit in den Fabriken usw. geholfen weroeir kann, ist sehr zu bezweifeln. Gewöhnt viel Geld zu verdienen, viel Geld auszugeben, meist in der Familie ohne väterliche Zucht groß geworden, den Kopf voller verhetzenden Phrasen, müssen viele im Leben entgleisen. Die Begriffe der Ehre, der Scham, sind jedenfalls vie^ jung und ult, durch die lange Kriegsdauer unbekannt