Worauf Ihr stolz fein mnßll
. Fricdberg, 30. Nov. Vom hiesigen Arbeiter- und Soldaten. toi sehen uns folgende Ausführungen (Verfaffer Dermo Reifen- -erg) Zu. um deren Abdruck gebeten wird:
Weil ihr so arm wäret, weil ihr hungrig wäret. well ihr müde wäret und doch euch geschlagen habt wie kein Voll der Erde.
Mit tausenden von Gummi bereiften Lastkraftwagen warf Foch auf glatten Straßen seine Reserven euch entgegen: ihr mühtet euch mit Eisenbereisten. die Löcher in die Straßen rissen. die auf Ketten gestützt meterweise vorruckten. Mit schlechtem Betriebsstoff — Benzol — gespeist, sprangen die Motors nicht an. Rur die Flieger durften das wenige Benzin verbrauchen. Unsere Personenwagen fuhren auf Holzrädern, selbst den Sanitätswagen fehlte der Gummi.. Eure Kanonen gaben Tausende von Schuß mehr heraus als man je berechnet hatte. Die Franzosen hätten sie längst zu altem Eisen geworsen. Zhr mußtet mit elenden Pferden sie wieder zur Werkstatt schleppen. Geschütze, die unsere Gegner- im November 1917 an der La Vaux-Ecke eroberten, fanden wir im Znni 1918 noch an Ort und Stelle vor. So wenig brauchten die drüben Material. Wir haben beim Rückzug von der Marne dieses Jahr Pferde und Mann zum äußersten angestrengt, um unser Material zu retten. Mit sechs Pferden vor Geschütz und Wagen rückten die Batterien 1914 aus — vier elende ausgemergelte Tiere ziehen sie jetzt zurück. Wie haben eure Pferde hungern muffen. Prcß- heu und künstliches Gemisch aus Häcksel und Zucker wurde ihnen vorgesetzt Sind die Pferde nicht 80 Kilometer weit gefahren, um ein paar Butt Stroh zu holen? Und was hat man von euch verlangt beim Munitionsheranschaffen, von euch und euren Tieren? Mit blutendem Herzen habt ihr aus den Armen Tag und Nacht die letzten Kräfte herausgepreßt. Schon längst sind die Sattel der Handpferde verschwunden, die ledernen Zügel durch Stoffe ersetzt?
Die drüben hatten Gummi, Seide. Aluminium. Ist es dn eine Kunst. Flugzeuge zu bauen? Mit Ersatzstoffen haben wir unsere Apparate zusammengeleimt. oft nur mit Benzol ange- trieben. Und wahrlich, unsere Flieger sind nicht schlecht geflogen. Jahrelang fuhren auf unseren Vahngleiien die Lokomotiven ohne die notwendigen Reparaturen mit schlechtem Oel geölt, undicht, kaum eine Steigung überwindend.
Bei den Verhandlungen jetzt kam ein französischer General in unser Armee-Hauptquartier gefahren: in schwarz-lackierter Li- musine, Dnnlop-Pneumatik. der Posten in gutem dicken Woll- mantel rosig und wohl rasiert. Wie habe ich dich da geliebt, du armer deutscher Soldat, mit deinem Hunger, mit deiner großen Müdigkeit! Habt ihr nicht immer und immer wieder eure wenigen Socken gewaschen, wie oft die nasie Mütze umgekehrt auf den Kopf gestülpt, um das Futter zu trocknen und zu bleichen. Wie sparsam waren die Stiefel mit Holz besohlt, mit Nägeln schwer beschlagen. Wer hat euch das nachqemackf^ Was weiß der Soldat, der Schokolade und Br^auitr zum Ueberdruß hat, von der Qual des Trommelfeuers, wenn nichts im Magen
flfi als em snlck hartes öirlegsbrot, das tagelang aur dem Tornister getragen war.
Was hast du für einen armen Krieg führen nrüsien! Was hat man dir für einen Kaffee vorgesetzt. Wie war das Brot aufs Gramm abgewogen, wir. kümmerlich das bißchen Marmelade im Pappkarton empfangen. Schlechtes Seisenpulver gab man euch. Vuchenblck.ter zum Rauchen.
Und ihr habt euch doch geschlagen. Seid stolz, seid stolz?
Wer hat gesiegt? Die drüben, die alles hatten? Die Schwarze und Gelbe euch entqegenhetzten. die Amerikaner heranführten. mit der ganzen Welt sich verbanden? Oder ihr. die ihr überall sein mußtet, ln Finnland. Aegvpten. in der Ukraine, im Westen? Zhr. die ihr nun alle'n standet, verlasien von Bundesgenossen. noch ärmer als ihr selbst. Da ziehen sie über den Damenweg. über die Cote Lorraine, über den Keinmoh. berg. tm Schutz ihrer Panzerwagen, ihrer Tausende von Geschützen. wohlgenährt, in Hellen Hausen: wo ihr gestanden habt lange Jahre, bittere lange Stunden, mit brennendem Wagen, keinen Trost im Herzen als das: ich muß!
Zhr seid die Sieger? Hut ab vor euch. Leute aus dem Schützengraben. Laßt euch den Stolz nicht nehmen, kein Auge drüben darf so leuchten wie das eure.
Arbeiter- und Soldateurot Friedbcrg j. §.
Die jSfttnnpMflMg
n« der Strecke Friedberg-Wdda
kann im Monat Dezember infolge Aufheben des Zugverkehrs nicht in der gewohnten Weise geschehen. Wir müssen die einzelnen Zeitungspakete unseren Agenten durch die Post zustellen. Sobald wieder geordnete Zugverhältnisse eintreten. wird die Beförderung der Zeitung wieder durch unseren Fahrer erfolgen. Vis dahin bitten wir um Nachsicht unserer Abonnenten.
A»;s der Heimat.
Friedbevy, 30. Nov. Was gibt es die kommende Woche? Montag, den 2. Dezember: Marmelade: Nährmittel-Bestellung. Dienstag, den 3. Dezember: gelbe Speisemöhren. Mittwoch, den 4. Dezember- Zwiebeln. Freitag, den 6. Dezember: Margarine.
Kirchliches. Kinder werden ersucht, am morgigen Vormtt- tagS'Goteesdienst nickt leilzunebmen.
Friedberg, 30. Nov. D. 6 dj o e 1 1. Das Friedberger Ev. Gemeindeblatt bringt in seiner Novembernummer einen länoe- ren Abschiedsgruß für Herrn Geh. Kirchenrat D Schnell. Wir entnehmen daraus das Felgende, das auf das Znteresie und die Zustimmung weiterer Kreise rechnen dar?: Mit dem 1. Dezem»
ber scheidet Herr Geh. Kirchenrat Profesior 1). Schnell, der Direktor des Predigerseminars, aus seinem Dienste, um in seiner
schwäbischen HeimatNrche das hohe Amt eines Prälaten un» GeneraNuperintendanten zu übernehmen. Pfingsten 19<r? murd« er als Nachfolger seines Landsmanns D- Wurster zum Professor am Friedberger Predigerseminar berufen. Ostern 1913 wurde ei Direktor der Anstalt. Herr v. Cchoell gehört zu der Reihe ausgezeichneter, unvergessener Professoren am Predigerseminar, die durch ihre Tätigkeit auf der Kanzel und in der Seelsorge, im Vereinsleben und im persönlichen Verkehr sich ein bleibendes Denkmal gesichert haben. Wir reden vielen aus der Seele, wenn wir ihm bei seinem Scheiden von Herzen für seine Predigten danken, die durch die Klarheit der Gedanken, die Tiefe menschlicher Erfahrung und die Echtheit religiösen Erlebens Kopf. Herz und Willen der Zuhörer gleichzeitig packten und befruchteten. Das gilt besonders für die 50 langen, schweren KnegZwonate. in denen wir so oft Licht im Dunkeln. Trost und Kraft zum Tragen und Ueberwinden brauchten und uns von seiner gefestigten, charaktervollen Persönlichkeit holen konnten. Wer beispielsweise die schlichte Lutherseier am denkwürdigen, trüben 10. November dieses Zahres miterlebt hat. wird sie nie vergesien. so alt cr wird.
Friedberq. 30. Nov. (Volksversammlung in der S t a d 1 k i r ch e .) Die geplante Volksversammlung, in der .Herr Direktor Dr. Strecker über Deutschlands Err-euerung sprechen wird, findet Dienstag, den 3. Dezember, abends 8 Ahr in der Stadlkirche statt.
Verpflegung der durchziehenden Truppen und Mil taryer« sonen. Zur Verpflegung unserer heimkehrenden Krieger werde« Verpflegungsstellen errichtet. Auch die Stadt Friedberg wird solche Stellen erhalten, die dm Truppen Suppe und warme Getränke verabreichen. Damit die Ankunft der Truppenteile, d'e Friedbecg berühren, rechtzeitig bekannt wird, sollen die Bürgermeistereien der südlichen Welterau alsbald nach der Ankunft von durchziehenden Truvpenlörpern diese unter Angabe der Mannschaitsstärke telefonisch an den Arbeiter- und Solda- tenrot Friedberg (Fernruf Nr. 99. Schloß? sowie möglichst auch an das Kreisamt (Fernruf Nr. 24) melden. Verfügung hierüber ist unterwegs.
Gießen. 29 Nov. Wie uns mitgeteilt wird, gelangen auch Montag, den 2. Dezember Pferde auf dem städtischen Pferde- marktvlatz in Gießen unter den bekannten Bedingungen zur Versteigerung. Vauernrat für den Kreis Gießen.
Kirchliche Nachrichten.
Gvnng. Stadtmission Friedberg. Ludwigstraße 24:
Sonntag, den 1 Dezember. W, Uhr nachm.: Sonntagschule; 31£ Uhr nachm.: öffentliche Versammlung.
Dienstag, den 3. Dezember. 8 >4 Uhr abends: Jugendstunde.
Donnerstag, den 5. Dezember, 8X Uhr abends: Bibelbe- sprech- und Gebelstunde.
Verantwortlich für den politischen und lokaler' Teii: l^tto Hjrfchel . Fnedbera-. tür den Anzckaenteil' N Kenner. Friedderg. Truck und Verlag der ..Neuen Tageszeitung". A OL Friedbero i ^
Vetr.: Die Beau stchtigung der Kinder auf den Straßen.
Bekanntmachung
In den nächsten Tagen ist ein proßer Verkehr von Truppen aller Waffengattungen in diesiger Stadt zu erwarten. Um Unglücks: lle zu vermeiden, warne ich hiermit die Eikern von Kindern, diele nicht ohne Aufsicht auf die Straßen >u lassen und ihnen mit Eintritt der Dunkelheit das Betreten derselben streng ru un er'agen. Dadurch, daß sich Kinder an fahrende Lastauto- mobile und sonstige Mili ä Fahrzeuge aller Art hinken onhängen oder bic:c wä rend der Fahrt bestiegen haben, sind schon an anderen Plätzen schwere Unglücksfälle vor- gekoinmen. Auch vor dem Be- (re en d?s Bahnhofes durch Kinder ohne Aufsicht, sowte der Schienen- gelei e innerhalb des Bahngebietes wird dringend gewarnt.
Friedberg, den 30. Nov. l918.
Der Bürgermeister.
2. V.: Damm.
Bekanntmachung
In den Geschäften von Fr. Michel, Fr. Hl:vrecht. E. Moer- schet. 2. L. Puuly. Schade L Füllgrade. E. Stamm bringen wir von heute ab
zum Preise von Mk. 1.40 pro Pfd. zu in Verlaus.
FrieLderg, den 30. Nov. 1918.
Ter Bürgermelster: (Stadt. Lebensmittelausschutz) 2. A.: Langsdorf.
: iiiil.
Nächsten Montag, den 2. Dezember, von mittags 12 Uhr an, lassen die hiesigen Schas- besitzer e.wa
106 Stück Schafe und Länrmer
darunter 2 Vocktämmer, öffent- versteigern. Versteigerung m Ort.
PohlgSns, 28. Nov. 1918.
2. A.: Kollmar, Bürgermeister.
Bekanntmachung.
LebensmLttel-Berssrgmrg
für die Woche vom 2. biS 7» Dezember 19.18»
Es gelangen zur Ausgabe:
Montag, den 2. Dezember:
Klarmclade
iu den hiesigen Kolonialwarenge'chafien. auf jeden Abschnitt 9 >Ä.“ der Brotkarte V* Pfund zum Preise von 59 Pfg.
Montag, den 2. Dezember:
BSestelltansr von MMsrmtttetrr
m den hiesigen Kolonialmarengeschästen vom 2. bis 5. Dezember. Es sollen ausgegeben werd"n:
auf Nätrmittel arte C (blau) Marke 01, Hulfenfruchte auf NährmitteUarte B (rot) Marke 61, Graupen.
DlenSLag, den 3. Dezember, vormittag- von 9—12 Uhr in der alten Post
geilte Speiscmöiiren
in Mengen von 50 und 109 P und. Preis pro Pfund 9 Pfg.
Mittwoch, den L Dezember in der alten Post:
Zwiebeln
(Zeiteinteilung wie vei der Butterverteilnng)
für jede aus der Lebensmittelkarte veczetchnete Person wird '/ 2 Pfund zum Preise von 20 Pfa. abgegeben. Die Lebens- mckketkarten sind als Ausweis vorMegen. Gesäße sind mitzu- bringen.
Freitag, den 6. Dezember in der alten Post:
M arjsa risse
(Zeiteinteilung tvie bei der Bn-terverleilnng) für jede auf der Lebensinitiettarle verzeichnete Person werden 56 Gramm zu 30 Pfennig oerabfolctt.
Landwirr^chasl treibende und Milch erzeugende Haushaltungen und Haushaltungen, die Hausfchlachiaimen vocgenommen haben, sowie die rcluell lebende israelitijche Bevölkerung sind vom Bezug ausgeschlossen.
Friedberg, den 30. November 1918.
Der Bürgermeister.
(Städt. Lebensmittel-Ausschuß.)
^ 2. A.: Langsdorf.
Pferdeversteigerung
in Gießen.
2n kommender Woche werden
js 109 Pferde
am Montag, Mittwoch und Freitag am Schlach^viehhof Gwßen versteigert. Dienstag, Donnerstag und Samstag leine Versteigerung.
Die Vrerdekommiision.
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