Ausgabe 
18.11.1918
 
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Nummer 271 ssiiml Montag, den 18. Uovcmver 1 918_ II. Jahrga ng.

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Die Truppenentlafl ungen.

Berlin. 15. Nov. (WB.) Bekanntmachung.

. 1. An jeden am 9 November 1918 und später aus dem Hee­

resdienst ordnungsmäßig ausscheidenden Unteroffizier und Mann soll verabfolgt werden:

a) Unentgeltlich ein Entlassungsanzug (soweit Vorrat reicht

Zivil, sonst Uniform).

b) Ein einmaliges Entlassungsgeld in Höhe von 50 Mk. und

als Marschgeld, soweit Marsck>gebü.brniste »ständig sind

vom Truppenteil ein Pauschbetrag von 15 Mk.

?. Verabfolgung von 1 b wird abhängig gemacht von ord­nungsmäßiger Entlassung.

Dazu gehört:

a) Abgabe noch im Besitz befindlicher Waffen und Munition

b) Empfangnahme der Entlasi'ungspapiere,

c) Anerkennung der Stammrolle

Goehre, Unterstaalssekreter. Scheuch, Kriegsminister.

Ausruf!

Berlin, 15 Nov. (WB.) Es können nicht alle Soldaten aus dem großen deutschen Heere auf einmal entlassen werden' Es können auch nicht alle bis auf den letzten Mann entlassen werden Die Entlassung muß sich nach den Verkehrsmöglicks- teiten richten? Sie muß ordnungsmäßig vor sich gehen?

Im Heimatheer ist fürs erste die Entlassung der alten Iahr^ gänae bis 1«79 einschließlich anoeordnet Die jünger,, werden folgen Leute in unentbehrlichen Diensten. A. B. Gefanaenem- bewachung müssen warten, bis sie ersetzt sind Leute aus Elsaß-. Lotbringen. die nicht freiwillig dienen wollen, sind sofort zu entlassen Leute aus dem linksrheinischen Näumunasgebiet und aus den Drückenköpsen können sofort entlassen werden, wenn sie nicht den Iahreskkassen 1898 und 1899 angeboren. Wer von feiner Formation aus irgend einem Grunde abgekommen ist sucht die nächste militärische Dienststelle auf und bittet um einen Urlaubsschein in leine Heimat oder um einen Fahrschein nach feinem Ersatztruppenteil Wer mit Urlaub nach Hause fährt sieht zu Hause nach öffentlichen Anschlägen und Zeitungsnach- richgen. aus denen er erfahren wird, wie er nachträglich zu sei­nen Entlasiungspopieren und Marschgebübrnisten kommt. Bis dahin dient ihm sein Urlaubsschein als Ausweis. Wer von seiner Ersatzformation ordnungsmäßig entlasten wird, erhält 50 Mark Entlassungsgeld. Jeder Soldat erhält einen Entlastung^ vnzug.

Eöhre. Kriegsminister Scheuch.

Zusatz: Für aste Militärbehörden des Besatzungsheeres'

Dieser Aufruf ist durch Anschlag allgemein bekannt zu geben.

Des Dcichstags Ende!

Berlin. 15. Nov. (MB. Amtlich.) - ReichZtagspräsident Fehrenback te'egraphierte an das Kabinett: Gedenkt die

Relchtzleitung gegen vielfach angeregte Einberufung des Reichs- tages Montag oder Dienstag Einspruch zu erheben und even- tuest Maßnahmen dagegen zu treffen? Datz Kabinett erwi- deite: Infolge der politischen Umwälzung, die sowohl die In­stitution des deutschen Kaisertums als auch den Bundesrat in seiner Eigenschaft als gesetzgebende Körperschaft beseitigt hat kann auch der 1912 gewählte Reichstag nicht mehr zusammen­treten. gez. Ebert- Haase.

Mkße hfrmrickMz ^rr eröffn VkmiiZcn nun

Berlin, 15. Nov. (WB.) Um den umlaufenden Gerüchten entgegenzutceten. erklärt die Reichsregierung: l. Wir beabsich­

tigen nicht die Beschlagnahme von Bank- und Sparkastengut- haben. von Vorräten an Geld oder Banknoten oder Wertpapie­ren oder sonstigen offenen oder geschlossenen Depots vorzuneh­men. 2. Wir beabsichtigen nicht. Zeichnungen aus die neunte Kriegsanleihe oder Kriegsanleihen überhaupt für ungültig zu erklären oder in ihrer Nechtsgültigleit anzurasten. Die Negie­rung beabsichtigt jedoch, die großen Vermögen und Einkommen Miss schärffte zur Deckung der Ausgaben heranzuziehen. .8. Ge. Halts-, Pensions- und sonstige Rechtsansprüche der in öffentlichen Diensten stehenden Beamten und Angestellten. Offiziere und an­deren Personen des Soldatenstandes. Kriegsbeschädigten und Hinterbliebenen dieser Personen bleiben völlig unberührt und weiterhin in Kraft.

Der Rat der Volksbeauftragten: Ebert. Haasc.

An die tliilihlikffnide» LMimie der jjfrttrru.

Uebereinftimmend wird aus den Städten gemeldet, die Milchlieferung in den letzten Tagen sei derart zurückgegongen daß die Frage der Milchbeschaffung eine der ernstesten Sorgen ln den Großstädten geworden fei, da selbst die notwendigste Ge­währung von Milch an stillende Mütter und Kinder in Frage gestellt fei.

Nun ist uns ja wohl bewußt, daß schon zu Friedenszeiten die angelieferten Mtlchmengen um diese Jahreszeit bedeutend zurückgegongen sind Umso mehr ist das in der Gegenwart der Fall, wo kein Kraftfutter vorhanden, das ehrlich diesen Namen verdient und wo infolge der geradezu wahnsinnig hohen Preise der Milchkühe von einem Zukauf keine Rede mehr sein kann Immerhin ist der Rückgang der Milchlieferung in manchen Ge­meinden derartig ausfallend und plötzlich, daß die Ursachen uir möglich allein !n den oben angegebenen Gründen zu suchen fein dürften. Es wäre möglich, daß manche Milchlieferanlen in den politischen Umwälzungen eine gewisse Unsicherheit für die Zah­lung erblickten. Wrr heben demgegenüber hervor, daß in de? Zahrungsmeife durchaus ke ne Änderung eintritt. nach wie vor zoblen die Städte, deren Lebensmittelämter ufw.. die doch weit- ans sicherer sind, wie das früher so manche Milchhändler ge­wesen sind. Das darf also kein Grund zur geringeren Milch, abgebe sein.

Wir fordern im Gegente l auf. aerobe jetzt das letzte herzu- gebLn. Die schwerste Zeit in der Ernährung für einen großen großen Teil unseres Volkes siebt bevor. Es besteht die b^<, dete d'ß sie n'chj lan^e w"hr n w'rd aber sie muß.

überwunden werden und da könnt und müßt ihr Hellen! So ua° j sagbar traurig dieser Krieg kür uns geendet hat vor einem sind! wir verschont geblieben: Der grimme Feind ist von unseren Grenzen fern gehalten worden und euer Heim und eure Fluren sind vor der Verwüstung sicher geblieben. Das war auch ein Sieg? Dankt es den Angehörigen derer die auch da»u geholfen haben Wir richten darum den dringlichsten Appell an die Landwirte der Wetterau' Helle jeder nach seinen Kräften dazu mit. daß die Schwierigkeiten in der MUchversargung der großen Städte überwunden werden' Das kann nur geschehen, wenn auch der letzte Tropfen Milch abae^eben wird, selbst wenn man da­rüber einmal Not leiden müßte!

fiüiiürrff, IM? d'e Wkmmttinii?

Innerhalb weniger Tage bat sich im Hessen lande eine politische Umwälzung vollzogen, die zn einer neuen Regie- rungsfsrm geführt hat. Jetzt ist noch nicht die Stunde, Kritik zu üben. Tie Bevölkerung must vor weiterer Er­schütterung bewahrt werden, die eine unznreia^nde Rahrnngsmittelzustihr zur Fogle haben würde Tie Not ker Bevölkerung ist groß. Sie wird noch größer werden durch die rasche Zurückziehung unterer Trupven.

Deshalb muß die Landwirtschaft als die Nährmutter unserer Bevölkerung setzt und fernerhin restlos aste Nahrungs­mittel zur Verfügung stellen, die für den eigenen Betrieb nach den gesetzlichen Vorschriften nicht nötig sind. Jede Stockung der Nahrnnasmlttelzufuhr nach den Städten muß vermieden werden damit keine Verhältnisse entstehen, die auch für unsere Landwirtschaft von schweren Folaen sein können und den Kamps aller gegen alle heraufbeschwören würden.

Es gilt rasch- zu liefern. Wir fordern ans. die Landwirts Über die Lage aufznklären und zur rafchmöglichften Lie­ferung der Nahrungsmitteln zu veranlassen.

Landwirte, laßt Euch nicht auf den Schleichhandel ein, so sehr a»ch die Versuchung durch übermäßige Preisgcbote an Euch heran tritt.

Die restlose Bestellung der Felder im Herbst muß er­folgen. die Vorbereitung für die Frühjahrssaat schon jetzt getrosten werden.

Die Landwirtschaft hat die Bereitstellung von Betriebs­mitteln aller Art. wie insbesondere Düngemittel. Futter­mittel. schon gefordert und ist dafür eingetreten daß für die Kriegsgefangenen schleunigst andere Arbeitskräfte beschafft werden. Die Abgabe der nunmehr aus den Heeresbeständen Überflüssigen Pferdend fcmstipen Gestwnntiere ist ebenfalls bereits beantragt und wird weiter gefördert werden.

Alle landwirtschaftlichen Organisationen werden diese Maßnahmen und Forderungen zum Wohl der Landwirtschaft und der Gesamtbevölkerung mit allem Nachdruck fördern.

Jeder tue im Interesse unseres Berufsstandes und des Vaterlandes seine Pflicht!

Landwirtschastskammer für das Großherzogtum Hessen. Verband der hessischen landwirtschaftlichen Genossenschaften.'

Hessischer Bauernverein e. V.

Bond der Landwirte, Abteilung: Hesse«. Wirtschaftliche Vereinigung der II. Kammer der Laudstände.

-- s

Diktatur oder Demokratie.

Unter dieser Ueberschrift -ringt die FrankfurterVolks- stimme" einen recht verständigen Aufsatz über die zukünftige E::i- wrcklung der Dinge in Deutschland. Es wird zugegeben, daß gegeinoärtig in Deutschland die proletarische Diktatur herrsche, aber es stehe dahin, ob uns diese zur politischen und sozialen Gesu,tt>ung oder $um Chaos führen werde. Die Dikta, tur könne auf dreierlei Art enden, erstens, wie schon gesagt.

durch das Chaos, das alles, auch die Diktatur verschlingt, zwei­tens durch Ueberleitung zur eck.ten Demokratie, drittens durch eine Gegenrevolution, die aussichtsreich werde, wenn sich die Diktatur künstlich verlängern wolle.

Es wird dann untersucht, welche Dauer für die Diktatur berechtigt sei was von vielerlei abhänqe Man müsie sich frogen. wie lange die Mastenstimmung über den blosen Ekel an dem alten Zustand hinausginge und wirklicher Akttvität Platz mache.

Es wird dann zugegeben, daß die gegenwärtige Stimmung wohl nicht von Dauer sei. Zweifellos feien die heimkehrenden Krie­ger anders geartet wie beim Auszug, aber heimgekehrt würden sie rasch wieder dem Einfluß der Umgebung erliegen und alte Interesien und Denkgewohnheiten würden sich geltend machen.

Im Widerstand gegen den alten Obrigkeits- und Miliiärstaal würden wohl alle einig bleiben. Es wird dann unumwunden zugestenden, dcß die Sozialisten den größten Wert auf die so­ziale Seite des künftigen Werdegangs legen würden, daß aber an diesem Punkt die Uebereinstimmung der Volksschichten enden würde. Es heißt dann wörtlich:

Greift nun die proletarische Diktatur tief in Wirtschafts­führung und Vesitzesinteresten. so wird die ungeteilte Volksstim- mung, die die eigentliche Stärke und moralische Berechtigung der Diktatur ist. sich rasch spalten. D,e sehr schweren Lasten, die der Frieden dem deutschen Volk arnerlegt können wir mit vollem Recht dem alten System zur Last legen. Drücken werden sie deswegen doch. Selbstverständlich wird die vroleiansche Dik­tatur Kapitol und Grundbesitz zuerst zur Lastendeckung heran- bclen: in irgend einer Form aber wird auch der Bauer. Ge- werbsmann. Beamte getroffen: ihre Stimmung wird kritisch.

Die Diktatur kann den großer, Grundbesitz enteignen, die große Industrie vergesellschaften und noch vielerlei zum Gemeinwohl leisten: irgendwie aber werden immer auch dabei nichftapftali- stische Interesien mit getroffen Dazu wird jede unausbleibliche Verwirrung im Wirtschaftsleben der neuen Mackt zur Last ge­lebt. Schreibt sie zwangsweise Verkürzung der Arbeitszeit vor. so rebelliert ein Teil der Klelngewerbler: rationiert sie den

Handel, so wird der Krämer und Zwischenhändler, der Spediteur und Ladenoermieter wild: greift ste reglementierend und mil Arbeiterschutz'Norsckniften in die Landwirtschaft ein. so schlägt die Bauernfaust auf den Tisch.

Wichtig ist dann auch das Zugeständnis, daß die proleta­rische Diktatur den größten Anfeindungen ausgesetzt sei. daß die Gewalteingriffe sogleich verspürt, würden und daß Mißgriffe unvermeidbar seien. ..In sich selbst, fo heißt es. aber hat die proletarische Diktatur nicht den Pulsmesier: sie ist ja nur vor-. übergehend der moralische, nicht dauernd der gegebene Vertreter der Voltsgesamtheit: sie stützt sich nach dem nicht fernen Weg­fall der Soldatenräte ausdrücklich anf nur einen Teil eines Volksteiles, nämlich auf die revolutionäre industrielle Arbeiter­klasse".

Sehr wertvoll ist auch das Zugeständnis, daß es nicht an­gängig sei. die niederaebrochene Diktatur (der Monarchie) durch eine andere zu ersetzen. Deshalb wüste das Ziel sein, durch die V o I k s a b st i m m u n g die bestehende Diktatur möglichst ralck» überflüssig ,zu machen. Die folgenden-Sätze sind besonders wert­voll. sie zeigen, daß man bereits in sozialdemokratischen Kreisen eingesehen hat, daß überall mit Waste: gekock)t wird. Es heißt da:

Wie eine Diktatnr durch die andere, so würde ein politisch-r Herdensinn durch den andern adgelöst. Das aber ist die böchst-e Errungenschaft der jüngsten Vergangenheit, die Volksmaste der Deutschen ist zu politischer Aktivität erwacht, sie gewann den ersten Begriff eines polittfchen Willens. Diesen Willen zu lenken durch Aufklärung und Beispiel, das die große geschicht­liche Aufgabe der Sozialdeniokratie. Ihn zu vergewaltigen, heißt die Eoziold-emokratie politisch oergift'M. Unfehlbar würdk die Strafe auf den, Fuße folgen. Bolschewismus als Masten» erscheinung ist in Deutschland schon rein wirtschaftlich und so­zial unmöglich, das deutsche Wirtschaftsleben ist so fein ver­ästelt. daß es rasch stocken und zusammenbrechen würde, wenn bolschewistische Methoden versucht würden: die soziale Schich­tung ist so vielgestaltig, daß nur ganz kurze Zeit die Herrschaft einer bolfchen>ist,schcn Gruppe möglich wäre. Die Dinge liegen hier ganz anders als in Rußland m,t seinem gleichmäßig breit gelagerten Vauerrwolk und der aus proletarisierten Bauern stamme^en Fabrikarbeiterschaft. In Deutschland würde sehr rasch eine Gegenrevolution, hinter der die Kraft von sozial und volkswirtschaftlich sehr bedeute,ten Schichten, fo fast des ganzen Bauerntums stünde die Diktatur wegfegen. Keine rot» Garde könnte vor dieser Katastrophe die Arbeiter und das Vol^ reiten. - , ; A

Unb weiter: t

Das Regierungsprogrmnm beseitigt j^en Zweifel: es stekkH den Sozialismus als Ziel hin. aber ob nach dem Ziel marschiert werden soll, darüber wird nicht die Diktatur: das Voll sclbf« wird darüber entscheiden. L^iglich Sozialresormen. l^digttchJ eine Hilfeleistung an dem kra,cken sozialen und wirlschastlichen^ Körper lost lofort geschehen, und darin ist gewiß ein Weg <m« dem Kapitalismus heraus gewiesen, aufgehoben aber ist Kapitalismus nicht. Ob der Kapitalismus abtreten und de» sozialistischen Gesellschaft Platz machen muß, das hangt von dem eigenen Ermessen der Volkzaesamtheft ad. Im Willen deA^