Beilage zur „Metren Tageszeitung
Nummer 316
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Samstag, den 19. Oktober 1918
11. ^ut|t(iunr,
fifin llfiirrmnt! Abu and) kein Kleinmut! Son&rrn Wut!
Ich habe schon lange nicht mehr alles geglaubt, was bis vor kurzem zu glauben für vaterländische Pflicht galt, und bin deshalb für einen Flaumacher, ja sogar von einem besonders feinen Herrn, der ar,s Bescheidenheit seinen Namen verschwieg, für einen von Wilson bestochenen Spion erklärt worden.
Die groh-en Hoffnungen dieser Leute haben plötzlich einem gefährlichen Kleinmut weichen miissen. Unsere Regierung bittet im Einverständnis mit dem Generalstab um Frieden, und der feindliche Uebermut kennt keine Grenzen. Sogar unsren teu ren Kaiser sollen wir ihnen ausliefern, ehe sie sich zu Verhandlungen bequemen wollen und glauben wohl, das; diese Forderung in gewissen Schichten des deutschen Volkes Wiederhall finden werde
Doch nun gilt es fest zu bleiben, Mut und Hoffnung nicht sinken zu lassen. Je gröher die Rot. desto fester wollen wir uns um Fürst und Vaterland scharen, bereit zum Aeutzersten. Das Ehrgefiihl verbietet uns. dem Feind einen solchen Eingriff in unsere inneren Aaaelegenheiten zu gestatten. Den Herrschern hoben wir Treue geschworen, und das Sprichwort ' - ..Verschworen — verloren" — zeitlich — ewig. Do-,: der Kaiser
durch Wohltaten ohne Zahl den Dank des ganzen Volkes ver-. dient. Alle, Alle, und nicht zum wenigsten die Niedrigen und Geringen — ich brauche nur aus die soziale Gesetzgebung und auf die gegenwärtige Verfassungsänderungen hinzuweistn — hat er im Krieg und Frieden mit Vertrauen geehrt, mit landesväterlicher Fürsorge beglückt.
Nicht in Worten mrr und Liedern Ist mein Herz zum Dank bereit'
Mit der Tot will ichs erwidern Dir in Kampf und Not und Streit Ja. ist denn für uns noch Hoffnung vorhanden? Freilich ist fie vorhanden. Unser Vaterland hat schlimmere Zeiten mit Gottes Hilfe überstanden Wie furchtbar war der Zusammenbruch von 1806! Unsere Väter aber beugten sich im Unglück unter Gottes Hand und besserten auch an den staatlichen Einrichtungen, was der Besierung bedurfte, anstatt es auf friedlichere Zeiten zu verschieben Als dann der Herr 1812 die große Armee in Ruft!a,ch vernick-tet hatte, ging die Nacht der Knechtschaft zu Ende. Dos Volk ftand auf. der Sturm brach los. und als der Lenz ins Land kam. sang ein deutscher Dichter-
Vaterland. in tausend Jahren Kam dir solch ein Frühling nie.
Das Wort klang uns zur Unzeit in den Ohren, als unsere wehrfähigen Männer nach einer langen, äußerlich reich geseg. neten Friedenszeit vom Kaiser gerufen wurden. Heute wollen wir daran denken, daß auch Gottes Ordnung auch im Leben der Völker der Lenz, der Freudcnbringer. auf den rauhen Winter folgt und wollen glauben, daß die Zeit der Hilfe näher ist. als wir sehen. Wir brauchen nur Einkehr bei uns selber zu halten und zu greifen nach der Hand, die Gott uns hinhält. Der Uebermut Hai uns an den Rand des Verderbens gebracht, der Kleinmut stürzt uns hinein, der Mut nur kann uns retten.
Zst'Z wahr, daß wir übermütig waren? Leider ist's wahr. Ioder Stand ist stolz auf das. was er leistet. Das ist recht so. Sünde aber ist es. und zwar wirklich Sünde, wenn er die anderen Stände verachtet, und diese Verachtung trägt die Hauptschuld an dem unseligen Parteihader. Gerade der Krieg kann diesen Hochmut zu Schanden machen, gibt es doch in allen Schichten des Volkes neben sehr viel Selbstsucht auch viel Tapferkeit und Opserwilligkeit. Gewiß ist's gut. nach oben und nach unten die Wahrheit sagen, aber es wird doch auch recht viel qenör- gelt. und das ist wieder Wahrheit und Liebe, also auch Sünde. Also laßt uns stille halten, wenn Gott uns durch die Trübsal läutern will. Es ist nötig zu unserem Heil. Dazu kam sa überhaupt der furchtbare Krieg über uns. und Gottes Sonne schien doch noch lange frendlich. Was war unser Dank? Trog aller Betstunden, die namentlich anfangs gut besucht waren verließen wir uns mehr auf Roste und Wagen, als auf den Namen des Herrn Zebaoth.' Sonntagsentheiliguna. Zucktlosiq- keit. Gewalttätigkeit. Unkeuschheit. Habgier und Verleumdung nahmen überhand. Gott mußte uns schärfer anfasten, damit wir seiner wieder gedockten. Es war uns eine gewiste Freude, den Haß der ganzen Welt damit zu erwidern, daß wir die ganze Welt in Scherben schlügen. Gottes Weg ist ein anderer. Tr will die sürrdige Welt erlösen und selig machen.
Ich höre den Etnwand des anfangs erwähnten „frommen" Herrn: „Das Recht ist cmf unserer Seite, also muß Gott uns den Sieg geben". Solcke Leute beten: „Sieb mir das Teil
der Güter, das mir gehört" und laufen dann dem Vater fort. Gott aber läßt nicht so mit stch reden. Sollte das ein Grund sein, weshalb so viele Gebete umsonst waren? Es ist auch fraglich, ob das Recht vor und während des Krieges so ganz allein aus unserer Seite war und ist. Den Einbruch ln Belgien kalten nicht nur unsere Feinde, sondern auch eine wachsende Zahl von Deutschen für ein Unreckt. Das ist für das ganze Volk eine noch ungeklärte, sehr ernste Gewistensfrage. Da darf man nickt einfach sagen: „Seht, die halten's mit den Feinden". Denn die, deren politische Führer so reden, stehen auch in dem
Schützengraben und beweisen ihre Vaterlandsliebe. Endlich steht es auch nirgends geschrieben, daß dös Recht hier aui Erden in allen Fällen zum Siege gelangen müste. Das Gegenteil ist oft genug der Fall. Es sind keine gemalten, sondern wirkliche Sünden, um deretwillen Deutschland am 20. d. Mts. Buße tur und beten soll. Ob unsere Feinde bester oder schlechter sin., als wir. geht uns jetzt gar nichts an. Gott wird zu Seiner Zeit schon mit ihnen rechten. Für uns ist's nur die Frage, wie trti mtt ihm stehen? Der verlorenen Sohn öffnet sich die Tür in'- Elternhaus durch das Wort: „Ich habe gesundiat im Him
m e l und v o r d i r". So wollen auch wir vor Gott und Menschen nichts verbergen. Dann wird uns w-ra-eben. Allerdinax vergeben Menschen und Völker nicht gern«. Im Gegenteil, wenr man etwas offen etngesteht. dann wird man oft höhnisch abie wissen: „Sichst du. du bist so schlecht, daß du es s^lb-r zu
geben muß t" Es haben Wenige den Mut. sich lo'ck einet Abweisung auszusetzen. Aber Gott will's. sonst vergi'bt er nicht, und wenn er uns vergeben bat. haben wir diesen unk jeden anderen Mut, besten wir bedürfen, denn wir saaen mh Paulus: „Ist Gott für uns. wer mag wider uns Irin?" Danr werden wir nickt zu Schanden. Gott oibt rum Mut die Kraft Den Schultern Kraft zum Tragen, lang, und schwer, wenn et nötig lst. damit die geschenkte Krast wackle Und wenn Seine Zeit gekommen, Sein Liebeswille erroickt ist be' uns. kann ei auch dem Arm Kraft zum herrlichen Siege geben. Dazu sprechen wir zuversichtlich- Amen
Heinrich Beyer. Pfarrer zu Ostenhelm.
Rußland im Herbst 1918.
Hunger und Teuerung. — Stadl und L nd
Mehl als je jst Rußland ein geographischer Samm-sh-arif geworden. Eine Fülle von Geaensaben zwinat den pinz^sner in die verschiedensten Lager und Koalitionen b'npsn Dip kom munistischen Masten sind die befreiten Sklaven, die ih^e woleriel len. geistigen und seelischen Festeln gesvrenat b^ban »nd ir Wochen das heimzahlen wollen, was sie in Iahrb""d-rten er litten zu haben glauben. Das russische Büraertnm >'st entnervt^ es ist durch Hunger und ständkae Lebensaofobr aelähmt und taumelt halt- und tatenlos seinem Sckicksal entqeqen
Rußland hungert trotz einer im alla-meinen rech* befriedigenden Ernte. Man hotte berechnet daß in gewisten Ga-,ver nements 10. 20. ja 30 Prozent des Ackerlandes unbebaut ae blieben sind Der erledigte Guts-. Kirchen- und Staat°b<-sir war nämlich nicht verteilt worden, und der russische Ba-er furch tete nichts mehr als die Gefahr, er könnte korv-rlicke Arbe
über' die GichechÄ de:
Oer Slaatssekrefäs des RelchSschahamkS, Straf von Roebern, hatte mtt parlelführern M Reichstag- eine Au-spräche über die Kk-l-^anteG«.
waren aut dem Aelchötaqspräslbenten Fehreubach, vom Zentrum die Abgeordneten Gröber und Trimborn, von den So u aidem o- rraten die Abgeordneten Ebert und Scheibemann, von den Konservativen die Abgeordneten Graf von Westarp und Dietrich, von der Fortschrittlichen Volks Partei die Abgeordneten W lemer und Flfchbeck, von den Nationalliberalen die Adorordneien Dtresemann und List, von der Deutschen Fraktion die Abgeordneten Freiherr von Gamp und Schulh-Dromberg erschienen.
Der GiaaissekreiZr des J»§ichs?chatzamls erklärie rr. a. folgendes:
„Tbn fragt nach der Sicherheit der Anleihen. Die Anleihen N-.d gesichert, formell durch das Versprechen von Regierung und Reichstag» materiell durch das, was hinter ihnen steht, die Arbeits. und Steuerkraft des ganzen deuifchen Volkes. Treffend hat man die deutsche Kriegsanleihe als eine Hypothek auf unser Volksvermögen bezeichnet. Unser Volkövermögen sichten der Hauptsache noch um angetastet da.
Das deutsche Volkseinkommen bietet eine Gewähr dafür, daß auch der Zinsendienst der Kriegsanleihen gesichert ist.
Bundesrat und Reichstag sind gewillt, den eingegangsnen Verpflichtungen gerecht zu werden, insbesondere für Deckung der Kriegs« anleihezinsen in voller Höhe Sorge zu tragen.
Bei allen Steuern, die noch kommen, wird der Besitzer von Kriegs« ankeihe nicht schlechter gestellt werden wie der, der seiner Pflicht z,u> Zeichnung in dieser schweren Zeit nicht uachgekommen ist. Ich trete sogar dafür ein, daß derjenige, der sein Vaterland in schwerer Zeit, finanziell nicht im Stiche gelassen Hai, bevorzugt werden soll.
Die Kriegsanleihe ist eine Volksanleihe im besten Sinne des Wortes geworden, sie ist bereits jetzt in den Händen von Millionen zum großen Teil wenig bemittelter deutscher Reichsangehöriger, sie bildet den Grundstock des Vermögens ungezählter Sparkassen, Genossenschaften, wohltätiger Stiftungen, die unseren Aermsten dienen. Lind weil das der Fall ist, würde kein Parlament und keine Regierung es wagen können, durch gesetzliche Maßregeln an der Sicherheit ihres Zinsertrages zu rühren.*
Oie Parteiführer des Reichstages
erklärten ihre volle LleSereiastimmung mit der Auffassung, daß es weiter für Reichstag und Reichsregierung erste Pflicht sein muß, den Zinsendienst der Kriegsanleihen in zugksagter Höhe mit allen Mitteln sicherzustellen, und daß der Besitzer von Kriegs« anleihe bei allen steuerlichen und sonstigen Maßnahmen keine Benachteiligung, vielmehr nach Möglichkeit eine Begünstigung erfahren soll. Für die Durchführung dieses Bestrebens bürgt schon die Tatsache- daß unsere Anleihen Volksanleihe» im besten Sinne deS.SortLS Md, die sich rumgrWe» Teil in dev Händen von Millionen wenig begüterter Volksgenossen hHmdeu.


