Ausgabe 
15.10.1918
 
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um jolfye peinlich wirkenden Eirtgleisungen von seinen Spalte« fernzuhalten. Oder sind dies bereits Sitten, wie sie in parla­mentarisch regierten Staaten gebräuchlich fi»* 4 " 9

Interessante CnthüUnngen.

DerMeffaggero", das bekannte kriegshetzerische Organ in Nom. bracht« am 16. September folgende Notiz:

DieIdea democratica" (ein Freimaurerblatt), veröffent­licht in der heutigen Nummer das Faksimile folgenden Briefes, den Ecfare Vattisti anfangs Mai 1915 an die ehrwürdige (!) FreimaurerlogeGiosuö Caducci" von Corato (süditalienische Stadt) richtete.

Dieser Cesare Vattisti. ein Trentiner. war schon vor dem Kriege ein eifriger Propagandist des Irre-dentismus, kämpfte dann in den Reihen der Italiener gegen Oesterreich, wurde ge­fangen und als Vaterlandsverräter erschossen. Der Brief

lautet:

An die hohe, ehrwürdige Freimaurerloge zu Corato! Ich bin Ihnen lebhaft dankbar für die Ehre, daß Sie mich ein­geladen, über mein unerlöstes Land und seine Aspirationen zu reden. Ich bin begeistert und gerührt über den Empfang, welchen die Stadt mir bereitete .... und es stärkte sich in mir die Ueberzeuqung. welche ich schon auf meine« Fahrten durch die Halbinsel gewonnen: Viel, sehr viel ist es der Frei­maurerei zu danken, wenn die Sachs Trients und Triests noch Nnbänger in Italien hat und wenn der Irredentismus, trotz neutraler Opposition, sich so stolz erhoben un-d aefesiigt hak.

Ich hoffe zum Wohle Trients und ganz Italiens, daß die völlige Vereinigung der Nation bald eine vollendete Tat­sache fei und hoffe, die Freimaurerei möge morgen darüber wachen, daß die Gesetze des Königreiches Italien ohne Schwan­ken und Furcht auf die Länder angewendet werden, die so lange Iabre dem ruchlosesten Klerikalismus untertan waren.

Ich erneuere besonders den Ausdruck meiner Dankbarkeit an alle, welche im glorreichen Namen E. E>duccis vereinigt sind. Cesare Vattisti.

Dieser Brief spricht Bände für die sogenanntengerechten Aspirationen" des häutigen Italiens.

Mit dieser Cntbüllung stimmt zusammen, daß die Frei­maurerversammlung des italienischenGroßen Orients", welche am 17. September im Palazzo Giustiniani zu Rom stattfand, in der Verberrlichung des Krieges gegen Oesterreich gipfelte. Groß­meister Nathan in feiner Eröffnungsrede übertraf sich darin in seinem bekannten Phrafenfchwall.

Und unterdessen verblutet das arme Volk.

Segen der Zwangswirtschaft.

Die örtlichen Vorstände der freien (sozialdemokratischen) rmd der Hirsch-Tunckerschen (fortschrittlichen) Gewerkschaften in Berlin haben nach Mitteilung derVoff. Ztg." (497) ihrer Entrüstung darüber Ausdruck gegeben, daß jetzt vom 1. Ok­tober ab nur noch 70 Gramm Butter in der letzten Woche jeden Monats zur Verteilung gelangen sollten, während in den anderen 3 Wochen nur noch Margarine in gleicher Menge verabfolgt werden würde. Sie suchen die Schuld natürlich in erster Linie wieder in derungenügenden" Er- faffung des Butterletts bei den Bauern, die ungefähr zwei Drittel der besten Milch zurückbehielten und die daraus ge­wonnene Butter im Wege des Schleichhandels zu Wucher- Preisen vertrieben.

Die doch auch zur denwkratischen Regierungspartei- Mehrheit gehörigeVoss. Ztg." schreibt benrerkenswerter» weite dazu:

Tie Mißstände selbst, namentlich auch in der Milch­end Fettversorgung, sind unbestritten. Auch daß der Schleich­handel gerade auf diesem Gebiete besonders arg ist, ist be­kannt. Die Vertreter der Arbeiterschaft vergessen aber im- n:er lvieder, daß die Zwangswirtschaft in ihrer Neberspan- nung über das Notwendigste die Ungesetzlichkeiten geradezu züchtet und unterstützt, und daß diese Zwangswirtschaft vor­nehmlich auf Drängen der Arbeiter und ihrer politischen VertretUl>g immer weiter ausgedehnt worden ist. Aus der Erkenntnis dieser Zusanimenhänge, zu der sich weite Ver- öraucherkreise leider noch nicht bekehren wollen, ist in der Voss. Ztg." (ebenso auch von agrarischer Seite selber. D. R.) seit Jahr und Tag auf grundsätzliche Aenderungen unserer Kriegsernährungswirtschaft hingearbeitet worden."

Neben der Ueberspannung in der Zwangswirtschaft der Milchiviebhaltuttg gegenüber ist die jetzt zutage tretende von sachkundiger Seite lange vorausgesagte Butterfettknappheit durch die Ueberspanriung in der Milchviehabschlachtung ver- schuldet. Wir haben mit unfern Warnungen vor den not­wendigen Folgen dieser übermäßigen Kuhabschlachtung kein Gehör gefunden, weil die zuständigen Reichsämter eben aus Rücksicht auf den Fleischbegehr der Arbeiter viel zu lange mit der Verminderung der Fleischration und der Milchviehab- Machtung zögerten. Wir haben immer wieder hervorge- hoben, daß vom Herbst an in Milch und Butterfett stärkster Mangel eintreteu müßte, wenn die Fleischration lvährend des ganzen Sommers in der bestehenden Höhe aufrechter­halten bliebe. Wir haben immer wieder gezeigt, daß die Verbraucher sich fragen müßten, ob sie nicht lieber im Som­mer auf einen Teil ihrer Fleischration, als im Herbst und Winter auf den größeren Teil der Milch- und Fettration verzichten wollten. Beides sei unmöglich aufrechtzuerhalten «nd der Fleischgewinn aus den in den Frühjahrsmonaten geschlachteten Kühen sei für unsere Volksernährung viel weniger wichtig, als es die Milch der am Leben bleibenden Kühe sein würde. Die Gewerkschaftsvorstände wollen es ober auch-jetzt noch nicht einsehen,-daß geschlachtete Kühe keine Milch mehr liefern können, denn sie forderten in einer einhellig angenommenen Entschließung die Beseitigung der fleffchlcffen Wochen. Wenn sie diese Forderung durchsetzen -sollten, so würden sie selber wieder Schuld daran sein, wenn auch in der vierten Monatswoche bald keine Butter mehr für

die allgemeine Verteilung verfügbar sein würde. In einigen Monaten würde aber auch das Fleisch immer knap­per werden, »nd im nächsten Jahre würde es wegen des fehlenden Düngers auch keinen ausreichenden Kartosset- und Gemüseanbau mehr geben.

- hi

ZMligsnnrWft und EMiPttliilhinug.

Die Zwangswirtschaft erweist sich mehr und mehr als ein hervorragendes Werkzeug, um Mittelstandsexistenzen auszu­merzen. So werden wegen geringfügiger Vergehen Tausende von Klein-Mühlen im Lande geschlosien, und zwar dauernd. Hat man aber je vom Schluffe eines Großbetriebes wegen entdeckter Großschicberei gehört? Vergehen gegen die zahllosen kriegs­wirtschaftlichen Verordnungen kann überhaupt kein Mensch mehr vermeiden, wir glauben, nicht einmal die Beamten können es, geschweige denn die. die unmittelbar dadurch betroffen werden, die noch immerselbständig" genannten Betriebsleiter. Einige besonders grelle Fälle liegen uns au? dem Kreise Plön vor. Ein Müller hatte 206 Kilogramm Gerste in seine Mühle ge­nommen. um den Arbeitern, die mit kleinen Posten von 8 oder 16 Pfund kommen, die Grütze gleich zurückgeben zu können, da er oft tagelang, wenn kein Wind weht, nicht mahlen konnte. Er hatte auf der Reichsgetreidestelle davon gesprochen, aber nicht ausdrücklich um Genehmigung gebeten. Die Mühle wurde des­halb geschloffen, trotz ausdrücklicher Befürwortung des Lcmd- rats. der den Müller mit 100 Mark Geldstrafe genugsam glaub e gebüßt zu haben und trotz Befürwortung des Regierungspräsi­denten. Landrat und Regieruna hatten hsrvoraeboben. daß es sich um einen besonders zuverlässigen Mann handele, der z. V. mehr Milch abgeliefert habe, als notwendig war und über­haupt vorbildlich garbeitet habe.

Ein anderer Müller batte etwas Brotkorn in die Mühle genommen, obwohl der Ileberbrinner die Mablkarte vergeben hatte, da dieser versprach, sie nächsten Tag nachzubringen. Ehe er dies nachholen konnte, wurde aber nächsten Tage die Mühle revidiert und, weil das Korn gefunden wurde, geschloffen.

Durch derartige maßlose Strafen werden nicht nur die Existenzen kleiner Müller vernichtet, sondern es wird auch wie bei so vielen Maßregeln der Kriegswirtschaft das ge­rade Gegenteil von dem erreicht, was sie bezwecken. Es wird Vermögen ftillgele-gt. es wird den unter Gespann- und Zeit­mangel leidenden Landwirten Beförderung des Mahlgutes nach anderen weit entfernteren Müblen aufgezwungen, es werden unnütz Material und Koblen verbraucht. Und dann sagt man noch, unsere Kriegswirtschaft sei dazu da um zu sparen!

Ans dcr lr.-lMrhaHtt Chronik.

III.

Anno 1 796.

Das was bis rum 10. Juli aeop'ert worden fOirdiett» opfcr) wurde sowie das aus den vorbergebenden Jahr­gängen (im Pfarrhaus aufbewahrt) bei der Plünderung entwendet.-

Selbst die Kirchen wurden abermals von den Feinden ansaeplün^er*. Wie werden sie in den Häusern gehaust boben! Denke an Dein trautes Heim, in dem du dich abends zur Ruhe nied-'rleaen kannst. Darin ist dir io vieles lieb. Gar manches könnte es dir erzablen aus veraanaenen Tagen. Niemand soll dir das rauben oder « zerstören. Darum zeichne gern

die 9. Kriegsanleihe.

Z.

Blofeld. Dem Rudolf Kiefer, beim Stabe eines Feld- ariillerie-N-:giments, wurde das Eiserne Kreuz verliehen. Die hessische Tapserkeitsmedaille besitzt er bereite

Aus der Heimat.

Bingenheim, 11. Okt. Vor zirka 14 Tagen wurde hier bei einer armen Frau eingebrochen und ihre Kleiderschränke, in denen die Anzüge ihrer beiden im Heeresdienst befindlichen Söhne aufbewahrt uurrden, einer gehörigen Revision unterzogen. Anzüge. Schuhe und Strümpfe ließen die Gauner mitgehen. Im Vorbeigehen nahmen sie auch noch etwas Eßwaren zur Weg­zehrung mit. Der Wert der gestohlenen Sachen dürste sich auf 1000 Mark und mehr belaufen. Die Spuren zeigten auf einen 18jährigeu Menschen von Sindlingen, welcher bei der Frau er­zogen wurde und deshalb genauen Bescheid wußte. Er ist am der Tat folgenden Morgen, mit einem schweren Sack und Kar­ton verschiedentlich gesehen worden'. Ein jeder dachte, unsere tüchtige Sicberhütsbehörde. welche für kleinere Vergehen mit­unter ein sehr scharfes A«ige hat, hätte den Gauner schon längst am Wickel genommen und in Nummer Sicher gesteckt. Aber, o Schrecken! Diese Nacht wurde hier wieder eingebrochen und zwar in der Nachbarschaft obiger Frau, wo der Gauner durch seine jugendlichen Spiele mit seinen Kameraden ebenfalls Be­scheid wußte. Diesmal hatte es der, oder wie zu vermuten ist. die Gauner auf Eßwaren in der Hauptsache abgesehen und nah­men hier im Vorbeigehen noch ein Fahrrad und zum Trocknen aufgehängte Wäsche eines anderen Mannes mit. Es scheint hier eine ganze Bande beteiligt zu sein und dürfte es an der Zeit sein, daß dem Treiben mit aller Energie gesteuert und der Gau­ner hinter Schloß und Riegel gesetzt würden.

FO. Schotten, 11. Okt. Da auch in hiesiger Stadt bedauer­licherweise eine zunehmende Verwilderung der Jugend festgestellt werden muß. wurden die Polizeiorgane angewiesen, der Verord­nung des Stellvertretenden Kommandierenden Generals ln nach­drücklichster Weise Geltung zu verschaffen und Zuwiderhand­

lungen und Ueberlretungen unnachstchtiuy zur Anzeige A» brrngen.

FC. Frankfurt a. 13. Okt. Vorgestern mittag ist ein frecher Diebstahl in der Kirche der barmherzigen Brüder ,m Unteren Atzemer verübt worden. Drei Altäre wurden völlig abgeräuml. Sämtliche Teppiche, Decken und Kerzen sowie Vor- hänge an den Beichtstühlen wurden gestohlen. Von den Diebe» fehlt bis jetzt jede Spur.

FC. Vom Main, 13. Okt. Um ein Exempel zu statuiere, verurteilte das Schöffengericht in Würzburg den Besitzer des Obstgutes Gefundbrunn dortselbsi, Philipp Wendel, wegen Schwarzschlachtens zu vier Wochen Gefängnis und einer Geld­strafe von 400 Mark. Wendel wurde dabei erwischt, wie er ge­rade einem Kalb den Garaus gemocht hatte.

Aus Starkenburg.

FC. Pfungstadt, 13. Okt. Der 72jährige Rentner Vöttiger dahier fiel abends in seinem Hause die Treppe herunter und brach das Genick.

FC. Dieburg, 13. Okt. Hier wurde eine Ortsgruppe der Kriegsbeschädigten gegründet.

FC. Vensheim. 13. Okt. Im nahen Emshaufen wurden nachts im Stalls des Milchhändlers Ktndinger einer lebenden Kuh ein größeres Stück Fleisch aus dem 'Hinterviertel heraus­geschnitten.

Aus Hessen-Nassau.

FC. Dotzheim. 13. Okt. Im Anschluß an die letzte Gemeinde» vertrstersitzung fand eine Aussprache in der Eingemeindungs» Angelegenheit mit Wiesbaden statt, in der einstimmig der Mei. nung Ausdruck gegeben wurde, daß es nicht im Interesie der Gemeinde Dotzheim und der Sache selbst läge, mit einem Ein. gemeindungsantrag an die Sta-dt Wiesbaden heranzutreten. Niemand in Dotzheim sei ein Gegner der Eingemeindung, wenn diese'seitens der Stadt Wiesbaden in wirklich großzügiger W-lle durchgeführt werde Davon hätte man allerdings bis jetzt wenig vernommen.

IC. Dierstadt, 13. Okt. Das geschmuggelte Fleisch. 1012 Zentner, das von zwei Kühen und Kälbern stammte und hier angehalten wurde, stammt. wie der Führer des Fuhrwerks an. gab. aus Nordensladt. Von wem sei ihm unbekannt. Er habe lediglich den Auftrag gehabt, das Fle-fch nach Wiesbaden auf den Marktplatz zu bringen, wo der Empfänger zur Stelle wäre.

FC. Usingen, 13 Okt. Landrat Bacmeister, der von März 1914 bis Juli 1915 das diesige Landratsamt verwaltete, ist im Alter von 38 Jahren in Labiau an der Grippe gestorben.

FC. Vom Taunus, 13. Okt. Der Eemeinderechner Bäppler in Nod a. d. Weil, der älteste Gemeinderechner des Kreises Usingen, ist im Alter von 77 Jahren nach 46jähriger Dienstzeit gestorben.

FC. Draubach, 13. Okt. Der Weinpreissturz hat so ungünstig auf die Tranbenpresie gewirkt, daß gestern in Kestert Wein­trauben zu 6065 Mark pro Zentner verkauft wurden.

FC. Diez, 13. Okt. Die Generalversammlung des 8. land, wirtschaftlichen Dezirksvereins wühlte den Landrat Dr. Thon dahier zum 1. Vorsitzenden, Bürgermeister Schön-Netzbach wurde als 2. Vorsitzender, die Landwirte Wilbelm Kasper Holzappel und Georg Eemmer in Rettert als Beisitzer gewählt, ebenso Landwirt Karl Hofmann-Katzenelnbogen.

Aus Kurheffen.

FC. Kaffrl. 8 Okt. Das Schwurgericht verurteilte die Ehe­krauen Krön und Metzelthin ven hier wegen Verbrechen aus 8 218 Strafgesetzbuch lAblrCbung) erstere zu zwei Jahren Zucht» Haus, letztere zu einer Gefängnisstrafe von 9 Monaten. Zwei weitere Mitangeklagte wurden freigesprochen. Während der Verhandlung floß mit unter, daß die Angeklagte Krön eine viel» beschäftigte Wahrsagerin ist. und ihre Spezialität darin besteht, die Zukunft aus Dem Gr* vor au szu sagen.

FC. Kassel, 13. Okt. Ein Postschaffner war von Kollegen dabei ertappt worden, wie er in einer .Packkammer des Ober» stadtbahnhofes ein Päckchen mit Lebensmitteln und Zigarren klaute. Die Strafkammer verurteilte ihn unter Berücksichtigung einer gewissen Notlage zu se chs Monaten Gefängnis.

Kirchliche Nachrichten.

Gottesdienst in der Stadtkirche.

Mittwoch, 16 Okt., abends 8% Uhr: Kriegsandacht.

Herr Pfarrer Dreh!.

^rbritimörblanifigf r

Offene S tellin :

7 Knechte, eine Schäfer- und eine Hofmeister^amilie, 1 Junge für leichte Arbeit, 3 Taglöhner. 1 Fabrik-Schlosser, Mehrere Schlosser und Dreher, 14 Dienstmägde. 3 Melkerinnen. 12 Hausmädchen,

1 Haltsköchin, 1 Kellnerin, Hilfskräfte aller Art für Etappe.

Stellen suchende:

Mehrere Melkerfamilien und led. Melker, 1 Vürofräulein.

Niederlassung Giessen

in Giessen, Johannesstrasse 1, Ecke Neuenweg,

in ilsr Zeit rna 23. Sepiember bis23.8k!siier.

Verantwortlich für den politischen und lokalen Teil: Otto Hirschel. Friedberg: für den Anzeigenteil: R. H eyn er. Friedberg. Truck und Verlag derNeuen Tageszeitung*

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