Aus dem Kunkdatal.
Das Flüßchen Lumda entspringt bei dem Dorfe Atzenhain nicht weit von Grünberg. Es fließt durch die sogen. Rabenau, an dem Stal .hen Mendorf vorbei und ergießt sich bei Lollar in die Lahn. Das etwa 5 bis 6 Stunden lange Lumdatal ist reich an Bodenschätzen aller Art. Auf der Eisenscharre bei Allendorf grub man vor Jahren Eisenerz, das nach dem Hammer in Lollar gefahren und dort verhüttet wurde. In der Gegend der aus- gegangenen Dörfer Nieder- und Oberfeilbach, Eckelshausen auf der Wasserscheide zwischen dem Lumda- und Busecker-Tal gewann Mü". früher Braunkohle. Die Londorfer Lungsteine find weithin bekannt. Die schöne Londorfer Kirche ist ganz aus diesem Blasenöafalt gebaut. Eisenstein gew'.nut man heute noch bei Lumda und Atzenhain. Durch best Krieg haben die Bau;ttstein§ im oberen Tal und die Quarzitstrine bei Daubringen. Treis und Mainzlar eins große Bedeutung gewonnen. Aus dem Bauxit, der bis zu 60 Prozent Tonerde enthält, wird Aluminium hcrgcftcllt. Die Quarzrcsteine oermahlt, formt und brennt man zu feuerfesten Backsteinen, fsg. Silikasteinen, die jetzt lediglich Heercszweckcn dienen. In Mainzlar hat die Firma Scheidthauer u Gießi ng eine Anzahl großer Ringöfen zur Herstellung dieser Steine gebaut, die vor dem Krieg in Holzttsten verpackt bis nach Japan verschick! wurden. Sie halten eine Temperatur bis zu 2000 Grad Celsius aus. Von der Lwndaguekle bis zur Mündung mahlet m.anche Mühle Mit nicht weniger als 13 derselben waren Oelmühlen verbunden. Nur noch 6 solcher Schlagmühlen sind übrig geblieben. Der alte 75jährige Patter Philipp in Treis hat In seiner Jugend ti. a. auch Tabaksamen geschlagen, dessen Oel an Apotheken verkauft wurde, sowie die Samenkörner von Goldlack und der Nachtviole, die ein gutes Speiseöl ergaben. Der Leinbarr stand im Tal in höchster Blüte. Ihm will man sich jetzt wieder zumenden, und zwar den Frühlein ziehen, der im April auf einem sauberen Acker gesät, nicht gejätet zu werden braucht, zeitig reift und dann aögemäht und gedroschen wird. Das Rupfen, Reffen, Klengen und Rösten (in Flachskauten) fällt weg. Der Flachs wird einfach strohdürr verkauft. Der Lein- sanken aber gehört in jeden Bauernhof. In kleinen Mengen dem Futter beigegeben. hält er den Viehstand gesund, ist er geradezu eine Arznei. Das Leinöl ferner dient als gutes nahrhaftes Speisefett. Der Leinsamen braucht auch niät aögel'efert zu werden, er wird bis zu einigen Zentnern den Bauern belassen. Auch zum Mohnfamenanbari, der früher im Tale heimisch war, will man wieder zurückkehren. Der Mohnbau eignet sich so recht für den kleinen Haushalt. Die .^Olekopp" werden abge- fchnitren, der Samen traddelt leicht heraus und gibt das beste Speiseöl, das allen fremdländischen Oelen Stich hält. In Geilshausen sammelte man noch bis in die letzten Jahre hinein Bucheckern, die man trocknete und auf Oel schlagen ließ. Die Hirse und der Kummer find im Tal verschwunden. Für den Hirsenanbau besteht keine Neigung mehr, wohl aber kür den Kummer, eine gerstenartige Pflanze, deren glasiges Schäleksrn denr Reis ähnelt und vorzügliche Supper und Drei gibt.
Das Städtchen Allendorf war früher eine Festung. Das Bild der Festungsstadt aus dem 16. Jahrhundert ist noch erhalten Etliche alte Leute können sich noch der Stadtmauern mit ihren vielen schönen Türmchen erinnern. Im 80jährigen Krieg flüchteten sich die Bewohner der Nachbarorte Häuserling, M9l- lenbach und Totenhausen sletzteres nicht weit vom Totenberg bei Treis gelegen) in die Festung „Anoff" d. h. Allendorf. Die Dörfer wurden zerstört und nicht wieder aufgebaut. Manchen Sturm hat die Festung milgemacht. Westerfeld und Weinberg sollen die Generale der feindlichen Truppen geheißen haben, die einmal von 2 Seiten die Stadt bestürmten. Von ihnen hätten die Gemarkungen Westerfeld und Weinberg ihren Namen. In Al- lendorf und Treis wurden auch die sogen. Glockenkapyen, Zttssel- mützen gewebt, die hier und da noch heute im benachbarten Ebs- dorfer Grund getragen werden. Sie waren eine Elle lang, mit bunten Vögeln, Sternen, Inschriften und Jahreszahlen durchwebt und endeten in einer schönen Quaste.
In Geilshausen lebte vor etwa zwei Menschenalter ein Künstler, der u. a. einen schönen drehbaren und immer brauch, baren Kalender aus Papier schnitzte und in den Handel brachte. Der Künstler wagte sich zuletzt auch an die Nachahmung von Papiergeld. Es wurde ihm aber der Prozeß gemacht und er mußte feine Kunst mit Gefängnis büßen.
Die Trachten der eigentlichen Rabenau, die durch die Orte Geilshausen und Londorf begrenzt wird, hat der 1317 in Londorf geborene Maler Engel in vielen Bildern festgehalten. Es ist schade, daß man sie gerade aus der Rabenau, wo sie jedes Zimmer zieren sollten, so wenig zu sehen bekommt. In der Ben- nerschen Wirtschaft zu Treis hän-.tt eines derselben an der Wand. „Alte Liebe rostet nicht" steht darunter. Es zeigt uns eine Lon- dorser Bauernstube mit dem großen Kachelofen und einem kupfernen Kessel darauf. Frau Rabenau sitzt auf dem einen geschnitzten Holzstuhl am Tisch. Das volle weiße Haar der Greisin quillt unter dem kleidsamen Häubchen hervor Sie ist mit Strümpfestopfen beschäftigt. Aus dem anderen Stuhl sitzt der kleine Nachbar Löchel, wegen seiner langen Haare „das Hoorig" genannt. Er trinkt schalkhaft lächelnd der Alien zu und spricht,, Wahrhaftig, Ihr seid noch immer e schie Marche und die Gritt antwortet: „Ja, wenn ich nur mei Zieh l Zähne) noch hätt'". Eine Verbreitung der Bilder auf Ansichtspostkarten würde sich wahrlich lohnen. Gewähren sie doch zugleich einen Einblick in das ganze damalige Volksleben auf der Rabenau, das uns auch der berühmte Lindheimer Pfarrer Oessr, dessen Schriften unter dem Namen O. Elaubrecht erschienen sind, in seinen Erzählungen „Der Zigeuner" und „Anna, die Blutegelhändlcrrn" in der anschaulichsten Weise geschildert hat.
Das Lumdata! ist ein rauhes Tal. Viel Arbeit und Schweiß haben seine fleißigen Bewohner auswenden müssen, um das Erbe ihrer Väier zu behaupten. Das Kleinbauerntum verleiht auch heute noch trotz der zunehmenden Industrie der Gegend das Gepräge. Die schönen Lieder, die in den Spinnstuben der Rabenau gesungen wurden, hat der ehemalige Reichstagsabgeordnete Dr. Otto Böckel, der heute noch, soweit die Lumda springt, in gutem Anaedenken steht, gesammelt und veröffentlicht.
Znm Schluffe noch -wer hmnorvoÄe «efchichichen, die man fich auf der Rabenau erzählt. Einem Pfarrer war aus feinem Garten Obst gestohlen worden. Er hatte einen Mann namens Jammer im Verdacht, schloß die Miffelat am nächsten Sonntag in seine Predigt ein und rief zum Schluffe aus: „Wehe dem Täter, ein Jammer ists, ein Jammer um das schöne Obst." Der alte Schuster Möbus war ein Schnapser gewesen. Er hatte einmal in einem Nachbardorf des Guten soviel getan, daß man ihn kurzerhand in den Kuhstall legte. Als nach einigen Stunden der Wirt den Stall öffnete und Möbus zurtef, erhob sich dieser ein wenig, griff der neben ihm liegenden Kuh an den Kops und rief entsetzt: „Kathrisbat (so hieß seine Frau), Kathrisbat, feit wann hast Du denn Hörner". Kathrisbat ist eine Zusammen- faffung der Namen Kathrine Elisabeth, wie das in Münzenberg gebräuchliche Mort „Annegitt" der Namen Anna Margarethe.
Mein Heimatland!
Wie schon auch immer die weite Welt,
Und wie leuchtend die Sterne am Himmelszelt,
Wie reizend der Städte werter Krarrz Und die fernen Berge im Abendglanz,
Alt-Livland, am schimmernden Ostfeeftrand,
Bist schöner dennoch „Mein Heimatland".
Wo aus felsiger Glürte die Föhren stehen.
Die Winde durch rauschende Matter gehen.
Wo den jungen Morgen die Lerche begrüßt,
Und der Wachtel Schlagen den Tag beschließt,
Mo die Woge brandet im Dünensand,
Da liegst du, mein teures Heimatland.
Nicht schmückt dich der Alpen erhabene Pracht,,
Nicht starrst du tn Waffen der Kriegesmacht, '
Dich ziert deiner Wiesen duftiges Grün,
Der Fellrcr Segen, der Blumen Vlühn.
Eine zarte Jungfrau im Hochzeitsgewand, ~ v - T Das bist du, mein trautes Heimatland.
Und hat auch der Geier die Taube erhascht.
Der grimmige Bär am Honig genascht, ' 7 ^
Ist zerschlagen dein Leib, dein Antlitz bespeit,
Deine Krone zerbrochen, dein Alter entweiht,
Getrost — um ein Kleines nur abgewandt Hat Gott sich — mein armes Vaterland.
Er segnet dich einst in neuer Huld,
Jetzt ruft er in deine Leiden: „Geduld".
Er ruft dick» zur Buße im ernsten Gericht,
Dann spricht er wieder: „Es werde Licht"!
Und schirmend hält er die Cegenshand Ueber dich, mein geprüftes Heimatland.
Doch willst du bei toberrder Wetter Graus Verzagen in Klagen: „Es ist gar aus!"
Nein sag ich — trotz aller Feinde Wut Noch halten Alt-Livlands Söhne die Hut",
Die Teuren reichen sich fester die Hand Zum Bruderbund fiir das Vaterland.
Noch hüten des Hauses heimischen Herd Alt-Livlands Frauen, so treu bewährt.
Tragt ihr die letzte Mutter hinaus
Zur Statte der Ruhe — dann sagt: „Es ist aus".
Noch glühen viel Herzen von Lieb entbrannt s Zu dir; drum getrost nur mein Heimatland? - -
Geschrieben am 26. 6. 1903.
Pastor W aus Dor p aß.
„Ein ländlicher Patriot."
Aus dem „Ostfriefischen Kurier" entnimmt die Frankfurter ^Dolksstimme" folgende Anzeige:
„Um nicht gute Kühe und Rinder an die Heeresverwaltung liefern zu muffen, suche solche gegen schlechtere zu vertauschen Alle sind Stammtiere oder mit Kälbermarke ver- sehen. H. Edzards, Eeorgshof, P. Dornum."
Zu dlefer Anzeige bemerkt das rote Blatt in offensichtlich hetzerischer Absicht folgendes:
„Ja, die biederen patriotischen Landleute! Wie vorteilhaft unterscheiden sie sich von den bösen sozialdemokratischen Industriearbeitern!"
Das ganze Machwerk war demgetnäß mit der Spitzmarke „Ein ländlicher Patriot" gekrönt.
Wir bemerken dazu, daß die Fassung der Anzeige nicht glücklich gewühlt war, aber der sozialdemokratische Agitator scheint gar nicht zu wissen oder er glaubte wenigstens sicher zu sein, sozialdemokratische Industriearbeiter würden es nicht wissen, daß eine gute Stammzuchtkuh noch lange kein gutes Schlachttier zu sein braucht. Die Heeresverwaltung aber braucht die angefor- derten Kühe nur zu Schlachtzwecken und sie kann also selber vielleicht noch weit besser fahren, wenn sie statt einer Stammvieh- Milckkuh eine andere zur Schlachtung gestellt bekommt, die einer nur auf Fleischertrag berechneter Zucht entstammt. Bei diesen Tieren wird eben auch der Teil des verabreichten Futters, der bei der Milchviehraffe nur die Milcherzeugung fördert, zur Fleischbildung ausgenutzt. Auf die Fleischmenge aber kommt es bei den zu Schlachtzwecken abgelieferten Kühen an, nicht auf die Milchmenge, d'.c sie bisher geliefert haben und weiter hätten liefern können. Eine gute Milchkuh ist gewöhnlich nicht gut im Fleisch, sie tostet aber heute 1800—2000 Mark, wahrend für eine abgemolkene, gemästete — so weit man heute noch von gemästet reden kann! — Knh im Durchschnitt 90V—1000 Mark erlöst werden. Es ist im allgemeinen Interesse tm höchsten Grade bedauerlich, daß überhaupt auch gutes Stammzucht-Milchvieh vorzeitig zur Schlachtbank geliefert werden muß, denn dadurch wird
die Milch- und Fett not für jetzt und d.e Zutturft naLurge:oog
viel mehr verstärkt, als wenn die gleiche Kopfzahl anderer uxit weniger milch- als fleischergiebigsr Kühe geschlachtet wird.
Wenn also ein Landwirt bemüht ist, Stamm-Milchvieh dadurch vor dem Cchlachtmesser zu bewahren, daß er dieses gute Milch- und Zuchtvieh mit anderen Berufsgei offen gegen schlecht : Milch-, aber gute Fleischtiere vertauscht, dann handelt er damit durchaus auch im Interesse unserer gesamten Dolksernährung und kann also sehr wohl als ..ländlicher Patriot" anqesvrochen werden. Nur landwirtschaftlich Unverständige können ihm ohne weiteres in hetzerischer Absicht eine Schädigung dcr Schlachtyich- empfänger, hier der Heeresverwaltung, zrtzchiebcn und ihn in Parallele stellen mit sozialdemokratischen Fabrikarbeitern. die in Verfolg eigensüchtiger Ziele der Heeresverwaltung und unseren tapferen Feldgrauen die Herstellung der de'i-'cnd len Waffen verweigern und durch Hebung des feindlichen An. griffsmutcs zur Verlängerung des blutigen Ringens und L.son- ders zur Vermehrung unserer Verluste beitragen.
den AßkiMckr V. Vl'^cr.
Die „Deutsche Tageszeitung" schließt ihr Artei! über Rede des Aussschtsraismttglieds -er „Frankfurter Zeitung" und Vizekanzlers Payer mit den Worten: Schon die ermacktzte Logik wie die selbstverständlichste Loyalität hätte tzerrz von ve verbieten müssen, landesvexraierlsche Taten in e'.ns solche Zusammen- und Gegenüberstellung mit Worten zu bringen, übe: die er sonst denken kann, wie er will, denen er aber, wenn er eh.- lich sein will, nicht den Ursprung aus vaterländischer Snse ab- streiten darf; überdies Worten einer einzelnen Porch -'icht., t Mit seiner ungeheuerlichen Gegenüberstellung hat er nicht gesprochen wie ein Minister, sondern wie ein einseitigster Parlei- politiker. Die Konservativen haben cs tm vatcrländstcken Interesse begrüßt, daß mit dem Abgänge des Herrn von Berh.nnm: wenigstens ihre illoyale Vekämpfunz durch die Regierung anf- hörre, die unser inneres Leben vergiftete. Herr v. Payer hat gestern die Entgiftung unseres politischen Lebens wieder rückgängig zu machen gesucht und die Ko ck-rrpativen ln verletzendster Weise mir Vorbedacht brüskiert. In welcher Zlbsicht er das getan hat. sei heute uick.t untersucht: wohl aber muß die Frage aufgeworfen werden, sö der Kanzler mit dieser Kampftsart des Vizekanzlers cimrerstanden ist
Die „Deutsche Zeitung" urteilt:
Der Verlaus der gestrigen Sitzung des Deutschen Reichstages, in der der Kanzler Graf Hertlrag und der sogen. Vizekanzler von Payer das Wort nahmen, wurde zu einem großen deutschen Skandal. Herr non Payer hat in einer Art gesprochen und Vorgänge herausgefocdert. die selbst in diesem Hause des gleichen Wahlrechts ungewöhnlich sind. Aber es ist ja richtig: nicht nur die Mitglieder des Hauses verdanken ihr Dasein dem gleichen Wahlrecht, sondern »euerdings find auch die R-gle» rungsnntalieder vom gleichen Wahlrecht und dem Wahnsinn der Straße abhängig.
Man erwartet im Deutschen Reiche des Weltkrieges nicht allzuviel an hohcrr nationalen Gedanken von einer Ministerrcdr. Aber daß es dazu kommen könnte, daß der Vizekanzler unter den Augen des Reichskanzlers mit einer wohl vorbereiteten und vom Blatt abgelesenen Rede den Zündstoff des inneren Haders und inneren Krieges zwischen dis bürgerlichen Parteien $«» schleudern versuchte daß er es vernröchte. alle Errungenschaften unseres glanzenden Heeres durch den kmchlvorbereiteten Versu« zur Entfachung rücksichtslosesten innerpotttischen Kampfes zunichte zu machen, in einer Zeit, da die Ernte der reifenden Siegesfrüchte beginnen konnte, dos hätte man doch wohl für unmöglich gehalten. Herr von Payer ließ dagegen jede Diplomatie vernttssen. Er stand dort oben am Rednerpult des Hauses nicht als Vizekanzler des Deutschen Reiches, sondern als verbissener Parteimann, der in einer Annäherung der rechten Seite des Hauses an die Mitte, oder umgekehrt, eine Gefahr für seine ganz befondern Parteiinlercssen erblickte, er stand dort oben am Rednerpult des Hauses als Auffichtsrat der „Frankfurter Zeitung". Ihm schien es bewußte Abflcdt. zu verletzen, herauszufordern. die Mitglieder der Reckten des Reichstages, die. man mag zu ihren innerpolilischen Anschauungen stehen wie man will, von hoheni vaterländischen Pslicktgefühl erfüllt find, und denen die deutsche Sache stets oberste Sorge ist, es schien ihm bewußte Absicht, die innerpolitisch auf der rechten Seite fitzenden, aber ausgesprochen deutsch gesinnten Mitglieder des Hauses unversöhnlich zu kränken, indem er sie auf eine Stnfc mit oen Landesverrätern stellte, von denen einer. Mitglied des Hauses, rechtskräftig verurteilt ist. Ein solcher Mann müßte als Minister im siegreichen Deutschen Reiche unmöglich sein. Die Rechte des Hauses und starke Teile der Galeriebefucher zischten ihn aus und schleuderten ihm ein empörtes „Pfui" entgegen, das noch selten im Deutschen Reichstage in solcher gerechten Srärke ein Minister vernommen hat. Man greift sich an den Kopf um die Absicht des Vizekanzlers zn erfassen, man hält es für sinnlos, onzunehmen. der Reichskanzler Graf Hertling habe die wohlvorbereitete und wohlbedachte Rede seines Dizekanzleks vorher gekannt, aber es scheint einem auch unglaublich, daß er ihn ins Blaue reden ließ, ohne sich vorher zu vergewissern, daß seine Rede auch nichts von dem Charakter eines rücksichtslosen Demagogen und eines, wenn auch gewesenen,' Aufsichtsrates der „Frankfurter Zeitung" erkennen ließ. Wenn man deutsch fühlt, erlaßt einen die Scham, an dem Tage, an dem die Einnahme der alten deutschen Kulturstätte Dorpat durch Reichstruppen verkündet wurde. Zeuge solchen würdelosen Vorganges im Deutschen Reichstage gewesen zu sein. Wenn der Reichskanzler Graf Hertling Verständnis dafür hat, was die Würd.e des deutschen Volkes und die Ehre der große« deutschen Sache verlangen, dann werden wir beim Beginn der heutigen Reichstagsfltzung eine« Vizekanzler von Payer nicht mehr haben.
Verantwortlich für den politischen und lokalen Teil: Otto Hirsche!. Fricdberg; für den Anzeigenteil: St. Kenner^ griedberg. Druck und Verlag der ..Neuen Tageszeitung^ A. G., Friedberg L. H.


