Die betende Mutter.
„Bei meinen regelmäßigen Besuchen in einem Staatsgefängnisse," so erzählt ein christlicher Mann, „trat ich eines Tages in die Zelle eines jungen Verbrechers. Meine erste Unterredung mit ihm schien ohne Erfolg zu sein; beim Schlüsse derselben kniete ich nieder, um mit ihm zu beten. Er blickte mich beim Hinweggehen mit etwas höhnendem Lächeln an. Mein Herz war betrübt. Ich konnte das Bild dieses verhärteten Jünglings nicht aus meiner Seele verwischen, vielmehr fühlte ich mich angeregt, auch zu Hause für ihn zu beten; ich faßte auch den Entschluß, ihn öfter zu besuchen. Bei mehreren Unter- redungen in den folgenden Wochen zeigte er noch die nämliche Gleichgültigkeit und Kälte; nur einmal zitterte eine Träne in seinen Augen, als ich ihm Christus, den Gekreuzigten, in Seiner brennenden Sünderliebe vor Augen malte. Das nächste Mal schien aber wieder alles Gefühl erloschen zu sein, bis er während des Gebets in lautes Weinen und Schluchzen ausbrach. Ich blickte mich um und sah ihn auf dem Boden liegen. Ich stand auf und fragte ihn nach der Ursache seiner heftigen Betrübnis.
rief er aus, „es brennt wie Feuer in meinem Inneren. Sie haben in Ihrem Gebet gesagt, daß doch Gott das Flehen und Seufzen der frommen Eltern für ihre ungeratenen Kinder erhören möge, und da war es, als schüttete man glühende Kohlen auf mich; ich dachte an meine gute Mutter."
Ich wußte nun nicht recht, was er damit sagen wollte; nachdem er sich aber etwas gefaßt hatte, erzählte er mir unter Tränen folgende Geschichte: „Ich bin der ungeratene Sohn einer frommen, betenden Mutter; sie betete oft mit mir, und nicht selten hörte ich sie auf ihrem Lager für mich seufzen. Allein ich hatte ein leichtsinniges Gemüt, gehorchte ihr nicht, und manche guten Rührungen waren bald erstickt. Zuweilen hatte ich Mitleid mit der armen Mutter, wenn ich sie weinen sah, versprach Besserung und stellte mich vor ihren Augen, als wäre es mir Ernst, hinter ihrem Rücken aber verübte ich Bosheit. Da aber meine gottlosen Kameraden mir das Gebet als eine lächerliche Sache vorstellten und mich wegen der strengen Aufsicht meiner Mutter bemitleideten, so wurde ich endlich ärgerlich auf dieselbe und schmähte sie. Ich wurde nun schlimmer und schlimmer, doch das treue Mutterherz hörte nicht auf, für mich zu beten. Ein leichtsinniges Mädchen überredete mich, mit ihr in dieses Land zu reisen; ich versprach es. Eines Nachmittags taumelte ich halb betrunken in die Wohnung meiner Mutter und erklärte ihr mit wenig Worten mein Vorhaben; sie erschrak und bat mich, zu bleiben; endlich sank sie nieder auf ihre Knie unv sagte: -Komm, Johannes, ich will zum Abschied noch einmal mit dir beten.« Ich wurde böse und gab ihr einen Stoß auf die Brust (hier hielt der Gefangene inne und schluchzte laut), in
welcher ein so treues, zartes Mutterherz schlug. Tie Arme stürzte zusammen, richtete sich aber bald wieder auf und streckte beide Hände nach der geöffneten Tür, mir, dem Forteilenden, entgegen und rief: »O, mein Sohn! mein Sohn! HErr Jesus, vergib's ihm, rette ihn, verfolge ihn mit Deinem Heiligen Geiste!« Ich eilte fort; der Boden schien unter meinen Füßen zu wanken, und erst im Wirtshause erholte ich mich von meinem Schrecken. So mit Sünden beladen, kam ich in dieses Land. Hier ereilte mich der Arm der Gerechtigkeit in meinem Sündenlcruf."
Mehrere Wochen brachte der Jüngling in großer Herzenstraurigkeit und innerer Zerknirschung zu; zuweilen war sein Kissen feucht von Tränen. Ich wollte Gott allein an ihm wirken lassen, machte ihn auf die tröstenden Gottesverheißungen in der Bibel aufmerksam und betete mit ihm. Gnädig erhörte der barmherzige Gott sein Seufzen und Flehen und schenkte ihm die tröstliche Versicherung in seinem Inneren, daß seine Sünden getilgt seien im Blute des Lammes. Der Mutter Gebet war erhört.
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Deutsche Männer und das Gebet.
Die Zahl der Gottesleugner, der Spötter, der Menschen, die nicht beten können und wollen, war riesengroß geworden in unserem Volke. Da sandte Gott einen merkwürdigen Prediger, um unser Volk beten zu lehren. Donnernd brach der Welt- krieg herein, welcher die Millionen deutscher Männer aufs Schlachtfeld rief. Unter dem Krachen der einschlagenden Granaten und der platzenden Schrapnells, unter dem Hagel der feindlichen Jnfantericgeschosse, unter unsäglichen Anstrengungen und Entbehrungen stellte dieser Krieg an Deutschlands Männer die Frage: Wollt ihr wirklich ohne Gott, ohne Frieden, ohne Glauben und Gebet diesen gewaltigen Kamps bestehen? Wollt ihr verwundet oder sterbend ohne den rettenden Heiland und ohne ge- wisse Hoffnung der Ewigkeit entgegengehen? Es gehört nicht viel Mut dazu, um im Kreise übermütiger, gottferner Kameraden über Gott, Ewigkeit und Gebet zu spotten, solange man daheim oder noch in der Kaserne des Ersatzbataillons ist. Da denken viele, das sei männlich. Aber schon in der Stunde des Ausmarsches steigt innerlich bei vielen ein Bewußtsein auf, daß die Sache doch ernst ist. Man läßt sich nichts davon merken, man möchte es unterdrücken. Draußen im Felde angekommen, wenn man zum ersten Male den Kanonendonner von fern hört, verstärkt sich diese innerliche Stimme: Freund, es wird ernst! Wenn's dann kurz darauf zum wirkliche» Kampf kommt, wenn die Franzosen oder Engländer die Schützengräben stundenlang mit schwerer Artillerie bearbeiten und dann ihre In-


