Ausgabe 
9.5.1915
 
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Chambon, als der Greueltaten verdächtig, gefangen­zunehmen und nach den unterirdischen Kerkern von Lyon zu bringen.

Dort lag nun der Unglückliche, und tief unten in einem jener schauerlichen Gewölbe, einem engen, niederen, finsteren, feuchten und ekelhasten Raum, schmachtete er nach Lickt, Luft und freier Bewegung. Seine Füße und Hände waren mit Ketten gefesselt, und ihn quälte der Hunger und ein Heer von Un­geziefer aller Art. Nur einmal des Tages trat der finstere und wortkarge Gefängniswärter zu ihm herein und brachte ihm sein Essen in einem so unreinlichen Napf und von solcher Beschaffenheit, daß selbst ein Hund sich mit Widerwillen davon abgewandt haben würde. Von jedem anderen Verkehr, vom Licht des Tages und ganz von allem Leben umher abgeschlossen, wälzte sich dieser Mensch mit ohnmächtiger Wut auf seinem modrigen Strohlager, erfüllte das düstere, dumpfe Loch, aus dem er nicht entkommen konnte, mit dem Klirren seiner Ketten und mit furchtbaren Lästerungen wider Gott, ja, er verwünschte und verfluchte den Tag seiner Geburt, seine Eltern, die ganze Menschheit. Hartnäckig und beharrlich leugnete er, die ihm zur Last gelegten Verbrechen verübt zu haben.

Nachdem er so mehrere Monate zugebracht hatte, gefiel es Gott, das Herz dieses harten, verfinsterten Verbrechers zu rühren und ihm durch das Licht der Gnade Seine Liebe zu offenbaren. Als Werkzeug hierzu benützte Seine Meisterhand den Genfer Kauf- mann Bergier.

Dieser Mann war um seines Glaubens willen gefangengenommen und wohl zur Verschärfung der Kerkerschaft zu Chambon in dessen Gewölbe geworfen worden. Vielleicht hoffte man auch, ihn dadurch zum baldigen Aufgeben seiner Ansichten zu bewegen, daß man ihn mit diesem greulichen Menschen in ein solch schauriges und abscheuliches Verließ einsperrte. Aber indem Gott zuließ, daß die Feinde der Wahr- > heit diesen Seinen edeln und getreuen Knecht so ! grausam behandelten, hatte Er Seine weisen Absichten dabei; denn durch die große Sanftmut, Freundlichkeit, Liebe und sogar Fröhlichkeit Bergiers wurde der schon halb rasende Chambon stutzig gemacht, so daß er an fing über den Grund nachzudenken, warum dieser sein Leidensgefährte nicht auch tobte wie er, nicht auch Äußerungen des Zorns und der Unzw friedenheit hören ließ, sondern seine Leiden mit Ge- duld trug. Der Bösewicht wurde wirklich in seinem Herzen gerührt; als der fromme Mann anfing, ihn zu trösten, hörte er nach und nach immer eifriger zu, wenn ihm Bergier allerlei Geschichten aus der Heiligen Schrift, die für seine Lage paßten, erzählte, und merkte sich sogar einige Verse aus einem Psalm, den derselbe manchmal sang.

Der treue Mann verstand es, dem Hungrigen m richtiger Weise und kluger Berücksichtigung seines Zustandes das aus dem Worte des Lebens darzu- reichen, was er jetzt gerade nötig hatte, und wirkte

so an dessen Seele unter beständigem Aufblick auf den Herrn und brünstigem Gebet und Flehen für seine Errettung. Und siehe da, Chambon bekehrte sich und begann, wie er selbst manchmal erzählte, von Stund an einen neuen Wandel. Er gestand nun alle seine Verbrechen, bekannte sich offen als den vornehmsten unter den Sündern, beweinte mit vielen Tränen sein vergangenes, greuliches Leben und hielt an mit Gebet um Gnade und Vergebung, bis er fand, was er suchte, und Gott ihm Frieden für seine Seele schenkte. In der Kraft Gottes überwand er immer mehr seine Unzufriedenheit, böse Gewöhn- heilen und Laster, seinen Zorn und Haß und alle bösen Gelüste, die sich in seinem Herzen regten, und lebte in der Wahrheit und Furcht Gottes. Zugleich trank er die Worte der Heiligen Schrift, die ihm der Bote Gottes vorsagte, in sich hinein gleich der durstigen Erde, wenn sie den Regen vom Himmel trinkt, bis er zu der festen und seligen Gewißheit kam, daß auch er erlangt habeErlösung in Seinem Blute, nämlich die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum Seiner Gnade", auf daß auch erin einem neuen Leben wandeln" könnte.

Um dieselbe Zeit, da diese selige Veränderung mit seinem inwendigen Menschen vorgegangen war, fügte es Gott, der da reich ist an Barmherzigkeit, auch seine äußeren Leiden dadurch zu erleichtern, daß er das Herz der Richter lenkte, ihm ein rein­licheres Kerkergewölbe zum Aufenthalt und bessere Kost zu gewähren; ja, es wurde ihm sogar schließlich die Last der Ketten abgenommen.

Die Trennung von seinem väterlichen Freunde Bergier wurde ihm freilich sehr schwer; allein er bezeugte auch hierin durch seine treue Ergebenheit in den Willen Gottes, daß er Gott wirklich und in der Tat liebte und Ihm gehorsam war. Beim Ab­schied steckte ihm Belgier heimlich etwas unter das Gewand, und als sich die Tür seines neuen Gefäng- nisses hinter dem Wärter geschlossen hatte, entdeckte er zu seiner unaussprechlichen Freude, daß ihm der Gute seine eigene Bibel geschenkt hatte. Viel höher noch als alle leiblichen Erquickungen schätzte er diese köstliche Gabe. Unter Dankestränen fiel er auf seine Knie nieder, pries Gott laut für diese Seine un­verdiente Liebe und Güte, und auf den Knien liegend, küßte er das göttliche Buch und drückte es an sein Herz.

Durch ein kleines Luftloch fiel ein schwacher Lichtschimmer in seinen Kerker, und vor dieser Öff­nung konnte Chambon stundenlang stehen und mit äußerster Schwierigkeit, aber mit unaussprechlicher Wonne lesen und in sich aufnehmen die Worte, welche ihm von Gottes Sünderliebe redeten.

Und Chambon wuchs so sehr in der Gnade, daß er imstande war, mit Mut und seliger Hoffnung seiner schrecklichen Strafe entgegenzugehen. Er wurde zum Tode verurteilt und sollte gerädert werden, und trotzdem er die ungewöhnlichen Qualen wohl kannte, die mit dieser Todesart verbunden sind, hörte er