Ausgabe 
24.1.1915
 
Einzelbild herunterladen

Verwundet.

Ein bei Lille verwundeter Hauptmann diktierte folgenden Brief von der Schlacht am 27. August v. Js.:

Ein Schrapnell der französischen Artillerie ex- plädierte neben mir und traf mich in beide Ober­schenkel. Der linke Schuß ging durch den Ober­schenkel hindurch, in die linke Leiste und blieb in der Bauchwand stecken. Unter entsetzlichen Schmer­zen stürzte ich zusammen. Unter lautem Gebet empfahl ich die Meinigen der Fürsorge meines Gottes und Vaters; dann bat ich den HErrn, mich in die Wohnungen seines Gottes und Vaters heim­zuholen. Dann rief ich einem Unteroffizier zu, meiner geliebten Frau einen letzten Gruß zu sagen, daß ich im vollen Frieden mit Gott in die geöffnete Ewigkeit schritte. Zum Schluß rief ich meinen Leuten noch zu, gut zu zielen und tapfer sich jetzt vorwärtszuarbeiten. Dann schwand mir das Be- wußtsein. In Händen und Füßen überkam mich ein eigenartiges eiskaltes Kribbeln.

Plötzlich erwachte ich aus meinem Zustande durch ein Artilleriegeschoß, welches mit unheimlichem Pfeifen in den Boden einschlug. Bei wieder­erlangter Besinnung pfiff dann noch ein Hagel von Geschossen um mich herum. Ich lag regungslos da und bat nur den HErrn, den Todeskampf ab- zukürzen. Rings um mich lagen Tote und stöhnten Verwundete. Mit einemmal vernahm ich aus der Ferne ein dumpfes Geschützfeuer, von dem ich wußte, daß es die lang erwartete Hilfe unserer eigenen Verstärkung war. Unter sehr heftigen Schmerzen schob ich mich auf den Armen nach einem Wege zu, um nicht in der hereinbrechenden Nacht zu ver­bluten. Vorher hörte ich noch, wie den Bataillonen die Meldung zugerusen wurde: »Der Hauptmann von der Zehnten ist gefallen!« Nach einiger Zeit erkannte ich etwa fünfzig Schritte von mir den Major. Mit letzter Kraft rief ich ihm zu, daß ich verblute. Er kam sofort auf mich zu, beugte sich über mich, schüttelte mir die Hand und sagte: »Sie leben ja noch. Sie haben tapfer gefochten.« Dann ließ er mich durch zwei Leute in einen Chaussee- graben setzen, kam dann wieder und sagte: »Ich habe einen leeren Patronenwagen hier, der kann Sie mitnehmen.« Dankend nahm ich es an und wurde auf den Wagen gesetzt. Aber das Blut rann in die Stiefel, während ich am Körper noch immer eisig kalt war und zitterte. Ich ließ mich von dem Wagenführer, an dem ich mich während der Fahrt festhielt, notdürftig verbinden, um nicht zu verbluten. Endlich kam ich aus der mörderischen Schlacht heraus in ein kleines Bauernhaus, in dem es schon von Verwundeten wimmelte. Unser sehr netter Regimentsarzt bemühte sich rührend um mich und ließ mich in Decken einwickeln. Nach einiger Zeit kehrte wieder die Körperwärme in mich zurück, und ich sank in einen erquickenden Schlaf. Erst am

nächsten Morgen erwachte ich gestärkt, obgleich ich noch große Schmerzen hatte. Ich konnte kaum fassen, noch am Leben zu sein, und pries den HErrn für dies unfaßbare Wunder seiner Gnade.

Gegen Abend dieses Tages brachte man mich dann auf einer Bahre in das Feldlazarett 23, das im Dorfe eingerichtet war. Ich wurde untersucht und endgültig verbunden.

In dem Lazarett häuften sich die Verwundeten bald auf vierhundert an, darunter sehr viele schwer verwundete Soldaten und grauenhafte Verwundungen durch die Dumdumgeschosse der englischen Divisionen. Das Gestöhn und Gejammer war herzzerreißend, obwohl sich unsere braven Soldaten auch hier ebenso mutig zeigten als vor dem Feinde."

Dieser Hauptmann war vor Tausenden anderer Verwundeter bevorzugt, denn er kannte Jesum. Er konnte zu Gott als zu seinem Vater beten, als er im Augenblick seiner schweren Verwundung zu sterben glaubte. Er konnte seiner Frau die Botschaft senden, daß er im vollen Frieden mit Gott in das Tor der Ewigkeit schreite. Welch ein Vorrecht! Da war nichts zu ordnen, nichts zu bekennen. Die Frage der Schuld war geordnet, für alle Ewigkeit waren alle Flecken der Sünde gewaschen durch das Blut des Lammes Gottes. Darum war Frieden! Welch unaussprechliche Gabe, wenn ein Strom von Frieden in solchen Stunden, inmitten von Kampf, Tod und Gefahr durch das Herz geht!

Die Zahl unserer Verwundeten ist schmerzlich groß, und jeder einzelne von ihnen erinnert uns, die Daheimgebliebenen, an die treue Hingabe, mit welchen die Millionen deutscher Streiter ihr Leben eingesetzt haben für ihr Vaterland, für uns!

Wahrlich, der Fortbestand unseres deutschen Vaterlandes, die irdische Zukunft unserer Kinder, das Blühen und Gedeihen unseres Volkes, die Ehre unseres deutschen Namens, das alles wird mit einem hohen Preise bezahlt, mit Leiden und Schmerzen ohne Zahl. Die, welche sich für uns geopfert haben, sind der Liebe und des Dankes, ja, der Tränen wert.

Aber hoch über dem allen steht Einer, von welchem geschrieben steht:Fürwahr, Er hat

unsere Leiden getragen, und unsere Schmerzen hat Er auf sich geladen. Und wir, wir hielten Ihn für bestraft, von Gott geschlagen und nieder- gebeugt. Doch um unserer Übertretungen willen war Er verwundet, um unserer Misse­taten willen zerschlagen. Die Strafe zu un­serem Frieden lag auf Ihm, und in Seinen Striemen ist uns Heilung geworden." (Jes.53,4. 5.) Es ist Jesus, der HErr der Herrlichkeit, der Sohn Gottes, der Schöpfer aller Dinge. Er kam aus der Herrlichkeit des Vaters; die Liebe, das Erbarmen trieb Ihn hernieder. Er sah uns alle auf dem