(Miefteucr Tageblatt)
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Verlag der „Gießeuer Zeitung", Gietzen.
(Neueste Nachrichten)
Nr. 114.
Telephon dir. 362.
Samstag dm 14. Dezember 1018.
Telephon Nr. 368.
31. Jahrg.
Der jfcbifiundcfiiag.
(Nachdruck erbeten.)
Von ihm wird die Landwirtschaft nicht betroffen. Der Bauer Kann in Bezug auf die Arbeitszeit und die Erzeugung gesetzlich nicht reguliert werden. Die Natur läßt ein solches Unterfangen einfach nicht zu. Der Grund und Boden zeigen in nächster Nähe zu große Unterschiede, guter und schlechter, nasser und trockener Boden wechseln ständig einander ab, machen eine grundverschiedene Bebauung notwendig, dazu' Kommt das Wetter, von dessen Launen Kein Beruf mehr abhängt als derjenige des Land- mannes. Jeden Tag macht es einen Strich durch seine Pläne. Der Kleinste Zufall verursacht die beste oder schlechteste Ernte. Vor diesen Naturtatsachen muh selbst die Sozialdemokratie Halt machen. Eine geregelte Arbeitszeit kann dem Dauer nicht vorgeschrieben werden. Etwas anderes dagegen ist's mit der Länge der Arbeitszeit, soweit fremdes, gegen Lohn gemietetes Personal in Betracht kommt. Weil der Staat noch das Recht für sich in Anspruch nimmt, die Arbeitszeit von Lohnarbeitern bezüglich ihrer Länge zu regulieren, mutz auch der Landwirt sich einen solchen staatlichen Eingriff gefallen lassen und wenn daher der Arbeitstag der gegen Lohn beschäftigten Leute auf 12 Stunden im Sommer, auf 11 Stunden im Winter festgesetzt wird, so muß sich der Landwirt darin schicken. Er wird aber durch Beschaffung von Maschinen nach Möglichkeit die Hilfe fremden Personals entbehrlich zu machen suchen, wird selbst mit seiner Familie wie schon von altersher Brauch - als erster und letzter zur Stelle sein und Mitarbeiten. Dem Mittel- und Kleinbauer braucht es nicht Angst um die Zukunft zu sein, es sei. denn, daß alle Ackerzölle wegfallen, was im neuen roten Staat wohl bald Gesetz wird. Dann aber verwertet er seine selbstgezogenen Produkte, soweit wie angängig, in eigenem Haushalt u. richtet sich mit den Derkaufsprodukten und ihrenzweckmäßigsten Gewinnung nach dem Markt. Was am meisten lohnt, das baut er. Er bleibt aber Herr auf eigener Scholle, ein ungebundener selbständiger • Mann.
Das Kleinhandwerk wird vom Achtstundentag keinen Nachteil, sondern weit mehr Vorteil ziehen. Cs muß nur möglichst ohne fremdes Personal arbeiten, Motore und Maschinen anschaffen. Für den Kleinge- werbetreibenden und seine Familie gilt kein Achtstundentag. Er wird wieder konkurrenzfähig gegenüber den fortan schlechter lohnenden, in der Hauptsache auf Lohnarbeiter angewiesenen größeren gewerblichen Betrieben. Er wird gesucht, schließt sich mit Kollegen nach freier Vereinbarung, zur Üebernahme von größeren Arbeiten zusammen, wird als produktiver Stand ebenfalls frei und unabhängig bestehen. Die Zahl der Handwerker und Kleingewerbetreibenden wird sogar wachsen. Die vermehrte Zuhilfenahme landwirtschaftlicher sowie gewerblicher Maschinen bringt verstärkte Aufträge, die Söhne der Hand- werker bleiben wieder im sicheren und lohnenden Beruf des Vaters. Strebsame Lohnarbeiter werden die Fabriken verlassen und sich eine feste Position im selbständigen Handwerk zu gründen suchen. Dazu gehören Fachkenntnisse, qualifizierte Arbeit, die Erlernung eines Berufes. Diese aber kann wiederum am besten im Handwerk erfolgen. Wenn auch die Lehrverträge wegfallen, die Arbeitszeit der Lehrbuben, die nicht Familienangehörige sind, auf 8 Stunden gekürzt wird, der Handwerker kann sich von nun ab auch dreinsinden; er kann auch Volontäre annehmen, ja sogar die Innungen können als etwas unzeitgemäßes Wegfällen. War doch im Mittelalter wie in der Neuzeit ihr Hauptziel den freien Wettbewerb fernzuhalten, die Preise hochzuhalten. Gegen einen freien Bauern- und Handwerkerstand kann die Sozialdemokratie nicht aufkommen. Die Mittel- und Großbetriebe, die in der Hauptsache auf Lohnarbeiten angewiesen sind, die bloß 8 Stunden schaffen, werden dagegen einen schweren Stand haben. Der Unternehmergewinn wird ohne Zweifel zurückgehen. Jeder Fabrikant wird bei der individuellen Verschiedenheit der Betriebszweige und Betriebseinrichtungen -in seiner Art überlegen und rechnen müssen, in welcher Gestalt er seinen Betrieb lohnend umstellt. Auf Kosten der Verbraucher, des Publikums wie seither kanns kaum mehr gehen. Der verlorene Krieg zwingt ohne Widerrede zur Einschränkung auf allen Gebieten, das wirkt auf die Fabrikproduktion zurück - Entlassungen der teuren Lohnarbeiter, Arbeitslosigkeit, Auswanderungen derselben müssen folgen. (Einen großen Teil der Schuld daran haben eben die Lohnarbeiter sich selber zuzuschreiben.
Man glaubt durch Vergesellschaftung, Sozialisierung der Großbetriebe im Gewerbe und Landwirtschaft dem kommenden Unheil zusteuern, Arbeitsgelegenheit und sogar billige
Waren schaffen zu können. Welcher Irrtum! Als wenn schon jemals ein Staatsbetrieb billiger als ein Privatbetrieb gearbeitet habe. Betrachte man die Staats- und Gemeindebelriebe, da nimmt Jeder aus dem Dollen. Da hat der „Angestellte" nicht das gleiche Interesse wie im Privatbetrieb. Den meisten ist die Hauptsache, bei möglichster Schonung ihrer Arbeitskraft das vorgeschriebene Pensum Arbeitzeit klein zu kriegen. Alles in Allem! Das heißt: Einer verläßt sich immer mehr auf den andern. Von Wirtschaftlichkeit, Rentabilität ist keine Rede, zu all dem kommt aber noch der unleidliche Zwang, die Unmöglichkeit zu wechseln und sich zu verändern. Ohne Zwang kein Sozialismus. Der legt die von Natur freien Menschen an die Kette. In der derzeitigen Privatwirtschaft kann jeder Lohnarbeiter, jeder Angestellte, wanns ihm paßt, seine Stelle wechseln, kann nach seinen Wünschen und Leistungen wählen, kann weiterstreben, kann sich selbständig machen, behält seinen Lebensmut, seine Lebensfreudigkeit. Der Allkrieg hat wahrlich auf das Allerklarste bewiesen, was Zwangswirtschaft uud Iwangsregulierung zu bestellen haben. Freiheit und Sozialismus über ein ganz bestimmtes Maß hinaus stehen sich wie Feuer und Wasser einander gegenüber.
Und gar die großen Güter sozialistisch bewirtschaften zu wollen, muß als Unsinn sondergleichen bezeichnet werden. Ohne Entschädigung diese Güter kurzer Hand wegzunehmen, heißt mit Raub dem Volke vorangehen, heißt Stehlen und Unrecht zufügen. Ein Aufteilen dieser Güter, Verkaufen an Bauern und Arbeiter hätte schon eher einen Sinn. Wieviel Lohnarbeiter aber werden sich finden unter Aufgabe ihres Achtstundentages und ihres guten Verdienstes den sauren Beruf des Bauern zu übernehmen? Wird ein einziger großstädtischer Lohnarbeiter etwa nach Ost- und Westpreußen als Landwirt gehen wollen, selbst wenn ihm dort auf einmal hundert Morgen Land geschenkt würden? Wenn alle Großgrundbesitzer ihr Eigentum, das ihnen von Gesetz und Rechtswegen zusteht, an ihre Verwandten und Freunde aufteilen! Wer will es ihnen verwehren? Mit dem Wegfall der Kornzölle, mit der Aushebung des Fideikommisses, der Unveräußerlichkeit von Familiengut, mit der verkürzten Arbeitszeit im Gewerbe wird ganz von selbst der Betrieb der großen Güter unlohnend, müssen diese im freien Verkehr parzelliert, zerkleinert werden. Sagte da kürzlich ein Bauer der Wetterau zu einem gräflichen Beamten: „Ietzt bekommen wir billiges Land, wenn der Großgrundbesitz zerschlagen wird." Der Beamte fragte den Bauer, wieviel Morgen er selbst bewirtschafte. Auf die Antwort, daß es 40 Morgen seien, und der Beamte darauf erwiderte, die Lohnarbeiter hielten diese Morgenzahl schon für zuviel; 20 Morgen müßten davon mindestens abgegeben werden, da verstummte der Mann. Ein anderer tat den weisen Ausspruch, jedem Millionäre müsse die Hälfte seines Vermögens abgenommen werden. Er bekam die Antwort, die Lohnarbeiter verlangten, daß schon jeder der 40000 Mk. besitze, mindestens die Hälfte hergeben müßte. Auch er verstummte bald. Wir haben jetzt ein republikanisches Staatswesen. Der alte Ständestaat besteht nicht mehr. Damit sind auch manche Vorteile verbunden. Nicht der geringste ist aber, daß dadurch die Handarbeit wieder geadelt wird, die so sehr in Mißkredit geraten war. Selbst Lumpen und Habenichte schämten sich der Hand- und körperlichen Arbeit, Angestellte hohen und niedrigen Ranges schauten scheel auf sie herab Fortan muß das aufhören. Schon die Not, die teure Zeit wird die Menschen unweigerlich dazu zwingen. Die Anschauung muß Allgemein gut werden, daß die Verrichtung selbst sogenannter niederer Arbeiten nicht schändet. Versehe jeder Einzelne, jede Familie in weitgehendste in Maße ihre häuslichen und sonstigen zum Leben notwendigen Dienste selbst, mache sich jeder möglichst unabhängig von fremder Hilfe, lasse falschen Stolz und Hochmut fahren. Mögen sich beispielsweise der Bürger Töchter wieder wie ehedem einfach kleiden, einfach leben, nähen und stricken; das Dienstpersonal ersetzen, sie kriegen wieder Männer, werden ihrem eigentlichen Lebensberuf als Hausfrau zugeführt.
Also nicht verzagen, nicht murren und anklagen, sondern durch Hammerschläge an die eigene Brust mit der Reformation anfangen. Nur so löst sich die soziale Frage ganz von selbst, kehrt wieder Zufriedenheit zurück, werden wir von dem drohenden Unheil, dem Wirsal, dem Chaos, in das uns jede sozialdemokratische Wirtschaft totsicher stürzen wird, entrinnen. Nicht Sozialismus, der dem Einzelnen die Verantwortung, die persönliche Freiheit nimmt, vielmehr Individualismus, frei und selbständig um ihre Existenz ringende Persönlichkeiten und Stände schaffen, das muß die Losung, das Ziel sein. Freie Bahn den Tüchtigen!
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Schleunigste Einberufung der Nationalversammlung
fordert clnt'limmlfl die Genecalversomm mg 'ozialdemo- kcatischen Parteiorganisation für Berlin
Bad Nauheim, 11. Drz. Heute vormittag hielten etwa 300 Angehörige der Sotdatencätc des l8. Armeekorps in der hi'si.pn Tu-«Halle eine Versammlung ob. Den Vorsitz führte der Vertrauensmann d s 18 Armer kw p?, Sergeant Kremser. Redakteur ttltmdcc sprach über die innere und äußere Loge der deutschen Republik. Hauptmann Müller gab Richtlinien für die Soldatenräte. Oberleutnant Stendrbach hielt einen Vortrag über D> mabilisationsfragen. Nach dem Vortrag deS Redakteurs Altmier wurde folgende Ent schließung gegen 2 Stimm'n angenommen:
"Die heute ii Lad Nauheim tagende Nätetnrsamm lang der Truppen des Bereichs des 18. Arme, ko ps bekennt sich zu der Regierung Ebert Haase und fordert d e b a l d m ö g l i ch st e Ein b e c u f u n g der Nationalversammlung zur Sicherung und zum Ausbau der Republik. Die Versammlung vec- urteilt aufs schärfste das unverantwortliche Treiben der Spartakuslcute und verlangt von d r Regt rung, daß sie hier sofort mit allen M tt-iu ein Ende mach . Als ebenso seibstv.rständllch muß jeder Versuch gegen die Revolution, der von rehls gemuht wird, auss schär,sie bekämpft werden."
-im 5läüi atd tad.
* KontroUamter an Stelle dev Kezirkskom- mandos. Tie Bezirkskommandos Darmstadt 1 und II, Frankfurt I und ll, Höchst a. M-. Mainz, Wiesbaden, Worms und Ob rlahnslein sind nufgelöjl. Auskunft über militärische Angelegenheiten. Versorgungsansprüche, Entlassungen usw. erteilen die an obigen Orten bestehende n Kontrollämter.
Frauzostsche Preise. Wie in der Pfalz, so haben auch rn ganz Rhelnhessen die Franzosen den Preis für ein Liter Wein auf 1,60 Mark festgesetzt. Hühner bezahlen sie das Stück mit 2,50 Mark Den Franken bewerten sie mit 53 Pfennig.
* Grünberg Im Bauxitwerk Hessen wurde der Bergmann Klös aus Ettingshausen von einer abstürzenden Felswand verschüttet und getötet..
* Kad Uauheinr Während ringsum die Revoluti- onsstürmc in Stadt und Land tobten, gründet man hier in aller Gemütsruhe einen „Verband der Bad- Nauheim er Hotel-Industrie und verwandter Betriebe." Den Vorsitz übernahm Hotelbesitzer Schaller.
*Friedberg Der Arbeiter- und Soldatencat hat das hiesigeGroßherzogliche Schloß beschlagnahmt und seine Geschäftsstelle darinnen aufgeschlagen.
* Friedberg Nach Mitteilungen des KreisamteS will eine größere Anzahl Kriegsgefangener nicht wieder in ihre Heimat zucückkehcen, sondern in Deutschland bleiben. Die Gemeinden erhielten Anweisung, für diese Leute entsprechende Arbeitsgelegenheit zu beschaffen. (Hoffentlich nicht aus Kosten der deutschen Arberterschaft. Dre R»d.)
* Schotten. Der Begründer der hiesigen Säge- und Jmp.ägnicrwerk- I. Htm melsbach, und der Zweigwerke in Nidda und E-chelSdorf, Joseph Himmelsbach, fit stete aus Anlaß seuuS 70jährigcn G.burts tages 100,000 Mark zum Wohle bedürftiger Angestellten und Arbeiter. Ec selbst wurde m Anerkennung seiner Verdienste um die heimische Industrie zum Kommerzienrat ernannt.
* Rüsselsheim Die Arbeiterschaft der Opelwerke hat unter der Drohung der sofortigen Arbeitsniederlegung den Rücktritt des Generaldlrekto.s W Wenskc, kus BertiebSmeisters Riedel und des Obermeisters Dceis bach erzwungen.
* Mainz. Aus den von feindlichen Truppen besetz ten Gebieten sind Nachrichten hier eingctroffen, nach denen für eine Reihe Artikel von den Franzosen Höchst- preise festgesetzt worden sein sollen, die wesentlich hinter den seitherigen Zurückbleiben. Einen Liter Wein muß der Erzeuger für eine Mark verkaufen.
* Worms Im angeblichen Auftrag des Berliner Arbetts- und Soidatenruts ließen sich fünf bewaffnete Soldaten unter schweren Androhungen gegen das Leben dcö Bürgermeisters aus der Gemeindekaffe in B ürft a dt 5000 Mark auszahlen und verschwanden mit dem Raub. Auch in anderen Orten Rheinhcffens soll das Manöver gelungen sein.
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