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Bezugspreis 80 pfg. monatlich
vierteljährlich 2,40 Mk., vorauszahlbar, frei ins Haus. Ab ge holt in unserer Expedition oder in den Zwerge ausgabestellen vierteljährlich 1,80 Mk. — Erscheint Dienstag, Donnerstag u. Samstag. — Redaktionsschluf; früh 8 Uhr. — Für Aufbewahrung oder Rücksendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert. Druck der Greffener Werlagsdruckerei, Albrrr Klei«.
Rr» 111. Telephon Nr. 382.
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Expedition: Südanlage 21.
Donnerstag, dm 5. Dezember 1918.
gnzcigenpreis 24 P
die 44 mm breite Petitzeile, für Auswärts 86 Pfg. Die 96 mm breite Reklame-Zeile 100 Pfennig. Extrabeilagen werden nach Gewicht und Größe berechnet. Rabatt kommt bei Ueberlchreitung des ZahlmrgS- zieleS W Taae), bei gerichtlicher Beitreibung oder bei Konkurs in Wegfall. Playvorschriften ohneVerbindltchleir. Verlag der „Gietzener Zeitung". Gießen.
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Telephon Nr. 3SS. 31. Jahl'g.
CUcra^f 3br Holz fein mii§st.
Von Lenno ReifLttber 9 .
Weil ihr so mv wäret, mdl ihr hungrig wäret, weil ihr müde wmet und ruch bo:1> geschlafen habt Wie kein Voll der Erde.
Mit taufende von Gummi bereifte» Lafikrofiwogen warf Fach auf glatten Straßen leine Reserven euch ntf* gegen ; ihr mühet euch mit Erflnbereift-n, die Löcher in die Straße rissen, die auf Ketten gestützt meterweise vorrückten. Mit schlechtem Betriebsstoff — Benzol — lttspeist sprangen die Motore nutzt an. Nur die F'ieger durften da« wenige Benzin verbrauchen. Unsere Personenwagen fuhren ouf Holzrädern, selbst den Sanitsts- wagen sehtte der Gummi.
Eure Kanonen gaben Tausende von Schuß mehr heraus als man je berechnet hatte. Die Franzosen hätten sie längst zum alten Eisen geworfen. Jh- mußtet mit elenden Psirdm sie wieder zur Weiklatt schleppen Geschütze die unsere Gegner im November 1917 an der LaBcmx-Ecke eroberten, fanden wir im Juni 1918 noch an Ort und Stelle vor. So wenig brauchten die drüben Material. Wir haben beim Rückzug von der Marne diesis Jahr Pf rde und Mann zum äußersten ang"- strengt, um unser Material zu retten.
Mit sechs Pferde« vor Geschütz und Wagen nickten die Batterien 1914 ans — v «r elende ausgemecgelte Tiere zich°n sie j tzt zurück. Wie haben euere Pferde hunflcrn muffen. Preßheu und künstliches Gemisch aus Häcksil und gudn wurde ihn n Vorgesetzl. Sind die Pfnde nicht 80 Kilometer gcfchrm, um ttn paar Butt ^trog zu holen? Und wa8 hat man von euch verlangt beim MunitionSheranschaffen, von euch und e.ere« Tieren s Mit bwttndem Herzen hMihc aus den Nr men Tag und Nackt tue lctztrn Kräfte herausc preßt Schon längst sin'» die Sättel im Handpferde verschwunden, die ledernen Züge! durch Stoffe ersetzt.
Die drüben hotten Gummi, Seide Alluminium. Ist es da sine Kunst, Flu-z. uge zu bauen? Mit E.satz Noffen Hab n wir unsere Apparate zusammengeleimt, oft NU, Benzol angctrtebkn. Und wah-Iich. unsere Flieger sind nicht schlecht grflogm. Jnh.elong uhk,n ans unseren Äahngleissl? die Lokomotiven ohne die uotwendixsten Reparaturen, mit schlechten Oft grölt, undicht, kaum eine Steigung überwindend.
Bei fec<f Berhandluugen jetzt kam ein französischer Genera! in unser Arme-- Hauptquartier gefahren: in schwarziockierter. Liniustne, Duniop.Pneumatik, der Poiiu io gutem dickem WollmantsI, rosig und wohlcasiect. Wie Hube ich dich da geliebt, du armer deutscher Soldat, mit deinem Hunger, mit deiner großen Müdigkeit! Habt ihr nicht immer und immer wieder eure wenigen Socken gewaschen, wie ost die nasse Mütze umgekehrt auf den Kopf gestülpt, um das Frtier zu t-ockn n und zu bleichen. Wie sparsam waren die ©tieft! mit Holz besohlt mft Nägeln schw- keschla-cn. De» hat euch das nachge- macht? Was wk'st d.e Soldüt, dar Schokolade und Bisquttl >m Uebeiflvß hat, vo>. d r Quai des Trommel, feuers, wenn nichts ua Mageü ,st'g!s ein Stuck hartes Kciegsbiot, dos tagelang auf dem Tornister getragen worden ist.
Was holt du für einen armen Krieg sührm müsse«! Was hat man dir für einen Kaffee vo. gesetzt. Wie war dos Brot auf das Gramm abgewogen, wie kümmerlich dos bißchen Marmelade im Poppkacton empfange«. Schlechtes Seif.npulvc'.. gab man euch, Luchenblä tec zum Rauchen.
Und ihr habt euch doch geschlagen. Seid stolz, flid stolz!
Wer h at gesiegt? Die di üben, die alles hatten? Die schwarz, und Gelbe euch entgegen hetzten, die Ameri- kavir horanführten, mit der ganzen Welt sich verbände«? Oder ihr, dw ihr überall sein mußtet, in Finnland, Aegypten, in der Ukraine, im Westen? Ihr, die ihr nun alletn stundet, verlassen von Bundesgenossen noch ärmer als ihr se!bst Du zi Heu sie über den Damen-Weg, üb r dtc CoteLorraine, wer den Kemmelberg, im Schutz ihrer Panzerwagen, ihrer Tausenden von Geschützen, wohlgenährt, in Hellen Haufen; wo rhr gestanden habt
I lange Jahre, bittere lange Stunden, mit brennendem I Magen, keinen Trost im Herzen als das eiserne: ich muß! Ihr seid die Sieger! Hut ab vor euch, Leute aus dem Schützengraben Laßt euch den Stolz nicht nehmen, kein Auge drüben darf so leuchten wie das eure.
/ins bellen
Hessischer Arbeiter- und Soldateurat Darm- siadt. Zunächst wurde ein Schreiben dcr Industriellen- Vereinigung verlesen, in dem diese um Aufnahme von drei Vertretern in den A.- u. S. Rat ersucht. Dies soll später entschieden werden. Bürger Knaus bringt Beschwerde über den großen Beamtenappart bei der Gendarmerie und die Doppelbesetzung der Stationen mit Vorgesetzten und Untergebenen vor. Bürger Wolfs stellt fest, daß wir durch die maßgebenden Persönlichkeiten und Behörden über die Ursache, den Fortgang und Verlauf des Krieges in gröblichster Weise belogen worden seien. Unser en zwei Millionen Toten seien wir cs schuldig, jetzt nach dem verlorenen Kriege von den verant- wörtlichen Personen, zu denen Wilhelm 2., Bethmann- Hollweg, v. Tirpitz und von den Alldeutschen Stinnes, Thyssen, Krupp u. a. gehören, die den Krieg verlängert haben, Rechenschaft zu fordern. Bürger Loos führt aus, wie sehr wir unter dem Eindruck dieser wahrhaft erschütternden Anklage stehen, wie wir jetzt nach über vierjährigem Kampfe, am Ende unserer Kraft, noch ungeheueren Opfern, hören müsse», daß wir zum größten Teil den Krieg selbst verschuldet haben. Wtc sind dankbar für die jetzt errungene Freiheit, aber die Schuldigen müssen im Andenken an unsere Gräber verfolgt werden. Es wird beschlossen, eine entsprechende Forderung an die Reichscegierung zu stellen. Einer Anregung des Bürgers Wolfs, betr. die Wegschaffnng sämtlicher Bestände der militärischen Depots zur Nutzbarmachung für die Be völkerung, wird zugestimmt.
Rohstoffvrrforgttttg der heimkehreriden Krieger.
Der Bund der Bezugsvereinigungen deutscher Ge- werbszweige hat Vorsorge getroffen, den heimkehrenden Kriegern, soweit es Gewerbetreibende sind und Klebstoffe benötigen, solche ouf schnellstem Wege zu beschaffen. Es sind deshalb alle Landesstellen mit einer größeren Anzahl sogenannter Blanko-Bezugsscheine mit dem Aufdruck „vorläufige Kriegszuteilung" ausgerüstet worden. Es handAt sich um Bezugscheine:
a) über 5 Kilo Knochenleim I
für Tischler, Stellmacher, Wagenbauer, Sattler,
b) über 75 Kilo Malerleim
4V 2 Kilo Qucllstäcke ohne Füllstoff
für Maler, Anstreicher, Weißbinder, Tapezierer.
Die heimkehrenden Handwerker des Kreises Gießen wollen sich zwecks Beschaffung eines Bezugscheines an die Rohstoffverteilungsstelle des Octsgewerbevereins Gießen, Kirchstraße 16, 1. Stock Zimmer Ny. 5 wenden.
Arbeitsbeschaffung und Rohstoffversorgung
für Handwerker. Am letzten Freitag fanden sich im Gewecbehaus die Vorsitzenden der hiesigen, im Gewerbe- Verein gebildeten Fachvereinigungen zusammen, um gemeinsam mit dem Vorsitzenden des Ortsgewerbevereins Prof. Dr. Krau^rnüller und dem Leiter der Handwerkec- beratungsstelle H. Kirchner etru? Aussprache über Arbeitsbeschaffung und Rostoffversocgung für das Handwerk herbeizuführen. Bei dieser Gelegenheit wurde festgestellt, doß für einzelne Be'.ufszweige Aussicht auf genügend Arbeitsaufträge best, hi, die eine normale Fo tführung b^.w Wiederaufnahme der Betriebe ermöglichrn Hierbei werden auch die von anderer Seite bereits getroffenen Maßnahmen sörd^clich fein. Bei anderen Betriebszweigen dagegen sind die Ansfichten aufU berweisimg von Austräger, außerordentlich gering. Was die Rostoffversoigung an- langt, so leiden die einzelnen Beulfszwetge durchweg an dfm Mangel an geeign^n Rohstoffen. Durch Verhandlungen mit d m Kitegsausschuß für Ersatzfutter, sowie der Handwerker - ZenNolgenossenschait soll etrc Klärung dieser Frage herbergesüy't werden. Im weiteren Verlaus der Verhandlungen machte Dc. Krausmüller
I nach Mitteilung von der in Aussicht genommenen Lehr^ I lingSvermittlnngsstrlle, die allen Handwerkern und Lehrlingen unentgelrlich zur Verfügung steht. Außerdem, ist beabsichtigt, die Mitglieder des Ortsgewcrbcvereins bei der. Führung der Bücher in geeigneter Weise zu unterstützen.
Reisebeschräukttugen in das Sperrgebiet. Die
Sperrgrenze ist Obecerbach, Fehl - Ritzhuufen, Runkel, Usingen, Holzhausen (Oberhessen), Dortelweil, Gronau, Bischofsheim - Rumpenhetm, Mühlheim a. M., Bieber, Oberroden, Dieburg, Groß - Zimmern, Ober-Ramstadt, Zwingenbecg (Hessen). Wer in das Sperrg-biet reist, versteht sich am besten mit Rückfahlkarte für den gleichen Tag, andernfalls muß für die Rückreise eine besondere polizeiliche Bescheinigung beigebracht werden, was'sehr schwierig und zeitcaubmd ist. Fahrkarten dürfen ionst für die Rückfart nicht verabfolgt werden. Arbeitecfahc- karten und Zeitkarten für den Berufsverkehr erleiden kerne Beschränkung. Der Gepäck- und Expreßgutverkehr aus dem Sperrgebiet hinaus ist bis aus weiteres aus- gkschlossen Es darf nur ein Stück Handgepäck mitgenommen werden.
HandwerKslrhrttnge. Jetzt macht es sich schon bemerkbar, daß cs schwer hält, die ungelernten Arbeiter insbesondere die jugendlichen, zu beschäftigen, während gelernte Handwerker noch überall gesucht werden. Die Heranbildung des Nachwuchses im Handwerk hat in brr: Kriegszeit volkommen geruht. Für die jungen Leute, die während des Krieges in der Kriegsindustrie oder sonst beschäftigt waren, dürste cs sich d-shalb jetzt r.och empfehlen, ein Handwerk zu erlernen oder zu der bereits ongefangenen Lehre im Handwerk Zurückzukehren. Hierdurch ist ihnen später ein bffseces Einkommen und eine beständigere Beschäftigung gesichert.
* Grosien-Kttseck. Am letzten Sonntag fand auf Anregung des Beznksverbands Gießen der Octsgewe^b:. Vereine bei Gastwirt Aug. Geclach eine außerordentlich gut besuchte Versammlung statt, Zu der außer drn Mit gliedern des hiesigen Oitsgewerbevereins ;ämtliche htesi- gen Gewcrb.tceibendcn eingeladen waren. Nach einer Begrüßung durch Prof. Dr. Kcausmüller'Gießen, der aus die Wichtigkeit eines Zusammenschlusses dec Gcwcrbc- treibenden Hinweis, hielt Berustgenossenschastssekretär H. Kirchner-Gießen einen Vortrag über das »me Umsatz- steuergesetz. Redner behandelte zunächst den Umfang der Steuervflicht, die Bffeeiungsvoischriften sowie den Steuersatz usw. um sich dann mit der Duchführungspflicht, der Steuererklärung sowie dem Rechtsmittelweg zu beschäftigen An den Vertrag schloß sich eine rege Au^- spräche, die sich auch auf Rohstoffversorgung, die Ein« richtung eines Kursus für einfache Buchführung und sonstige Handwerkecfragen erstreckte.
Mainz. Oberhalb der fliegenden Brück, wurde Zum Ucbergang unserer. Truppen aus das rechte Rheinuser für die Dauer von mehreren Tagen eine Pontonbrücke aufgeschiagen. Für die Schiffahrt ist während dieser Zeit eine 72 Meter breite Rinne fcetgelasscn, die indessen nur mittags von 12 bis 3 Uhr offen ist. In der übrigen Zeit bleibt die Rheinschiffahct an dieser Stelle ge- schlossen.
Zur Flucht iu die Oeffenllichkeil sieht sich der seit 175 Jahren im Verlage des evangelischen Waisen- hauscs zu Hanau erscheinende „Hanauer Anzeiger" gezwungen, der im Wege einfacher Anordnung zum Pupli- kationsorgan des Hanauer Arbeiter- und Soldatenrats bestimmt wurde. In dem Blatte erscheinen jetzt nicht nur die amtlichen Veröffentlichungen der oben angeführten Stelle, vielmehr ist cs zum großen Teil mit Artikeln ausgcsüllt, die aus der Feder von Anhängern bei un abhängigen Sozialdemokratie, insbesondere der Spartakusgruppe stommen. Beschwerden bei dein vom Arbeiter-' und Soldatenrat eingesetzten Landrat und Polizcidicektor sowie bet dem Ministerium des Innern haben bishe keine Abhilfe gebracht. Wohin soll solches Vergehen gegen Preßfreiheit und Sicherheit des Privateigentums führen? Ist das sozicstdemokcatifche Freiheit?


