Ausgabe 
30.11.1918
 
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(Neueste Nachrichten)

(Gietzencr Tageblatt)

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Rr. 189. Telephon Nr. 362.

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Verlag derGicstcner Zeitung", Gießen.

Samstag, den 30. November 1918. rel°ph°n Nr. W. 31. Jahrg.

Reiebaeitali?

Die A.- u. S. Räte in Oldenburg, Ost fries- land, Bremer., Stade, Harburg, Hamburg und Sch lesw i g ' Hv lstein haben elne neue Repu­blik gegründet. Gleichzeitig scheinen Die Bestrebungen zur Loslösung des Rhetnlandes stälker zu werden. Mit zunehmendem Ernst und von einem täglich wachsen­den Personenkceis wi d dort die Frage der Loslösung vom Reich und der Bildung eines eigenen Staats- Wesens erwogen. Wie demVorwärts" aus Köln ge­meldet wird, liegt bereits ein fix und fextiger Plan vor. Die Grenzen des neu zu bildenden Staates sind nach dem genannten Blatt noch nicht fest abgesteckt. Man 'ist aber bestrebt, das Industriegebiet völlig einzuglic- dein. Rach Süden hin wird man Anschluß an die Rheinpfalz und Hessen suchen. Es haben bekannte Wtrtschoftspolttikec Berechungen über die ökonomische Lebensfähigkeit der neuen Republik angestellt. Ihre Er­gebnisse sollen durchaus günstig sein.Wir werden, so warnt derVorwärts", mit der Abtrennung als mit einer fast unvermeidlichen Tatsache zu rechnen haben, sofern in Berlin nicht eine sofortige Konsolidierung ge­lingt und die Wahlen zur Nationalversammlung mit größter Beschleunigung ausgeschrieben werden. Die Dinge stehen aus dcs Messers Schneide". Rheinische Preß- stimmen sp echen sich gegenwärtig noch gegen die Ab­trennungsbestrebung! n aus, aber sie werden mit der Macht der Tatsachen um sich greifen, wenn das Chaos in Berlin länger andaucrt.

Sie weiden auch anderwärts Anklang finden. Aus den thüringischen Staaten hört man bereits von Zusammenschlüßum s Bestrebungen. Auch durch ganz Süddeutsch! and und besonders durch Bayern grht eine sehr scharfe sich mit jedem Tage verschärfende Bewegung gegen das, was gegenwärtig in Berlin geschieht. Das demokratische Süddeutschland lehnt die Diktatur des Proletariats, die in Berlin gepredigt wird, mit aller Entschiedenheit ab.

Die Polen haben, wie derTägl. Rundschau" aus Posen gemeldet wird, jetzt die militärische Macht vollkommen an sich gerissen. In allen Städten bestehen die Soldenräte zum überwiegenden Teil aus Polen. Die alten Behörden sind kopslos, aber auch machtlos. Veröffentlichungen werden verbreitet, daß von dem am 2. Dezember zusawinentreten denpolnischen Land" der Anschluß von Posen und der übrigen öst­lichen Landest eile an den polnischen Staat verkündet werden soll.

Rach einem Karlsruher Telegramm derMünchen- Augsburgcr Abcudztg." haben sich die Volkscegierungen von Bayern, Württemberg, sowie die maßgeben den Stelle l in Köln und Düsseldorf mit der badischen Volksregierung dahin verständigt, daß sic unter allen Umständen gewillt seien, gegenüber den maßlosen Forderungen der Berliner Liebknecht-Gruppe zusammenzugehen, und daß sie im äußersten Falle nicht vor einer selbständigen Regelung der Geschicke Süd­deutschlands und der Rheinlande Halt machen würden. Bei einer SUbständigmochung des deutschen Südens würde w'hcscheinlich Frankfurt der Vorort des neuen Süddeutschlandtz werden.

Wir rufen der Regierung zu: Einigt euch in Berlin! Nehmt Fühlung mck den Etnzclstaaien, berücksichtigt ihre Wünsche, soweit sie Berechtigung haben und den Inte rissen des Reiches nicht lviderstreben. Berlin ist nicht Deuischland. Bedenkt: Das Reich ist in Gefahr! Laßt das Reich zu Worte kllmmcn! Gebt uns die Nationalversammlung!

Das Voll will eine greifbare Gewähr für die soli­darische Demokratie haben. Es will, daß die Negierung klipp und klar die Wahl und die Einberufung der Nationaiversammlung in aller Form und endgültig zu nahen Temrincn ausschccibt.

Entweder muß der alte Reichstag ctnDcrufrn werden, oder wir müssen unverzüglich zur Wahl der

Nationalversammlung schreiten. Die bis­herige Zerfahrenheit in Berlin ruiniert sonst das ganze Reich und das Volk selbst.

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Republik Rheinland.

Berlin. 23. Nov. Unter dieser Ueberschrift läßt sich derVorwärts" aus Köln folgendes melden:

Im Rheinland wird von einem täglich wachsenden Pcrsonenkretse die Frage Mr Loslösung vom Reich erwogen. Die Träger dieses Planes sind namentlich in klerikalen Kreisen zu suchen, aber auch in allen Schichten dcs rheinischen Bürgertums. Genährt wurde der Plan vor allem durch die Vorgänge in Bexlin, die dem rhei­nischen Bürgertum die bolschewistische Gefahr als sehr drohend erscheinen lassen. Rach Süden hin werde der neue Staat Anschluß an die Rheinpfalz und an Hessen suchen. DteSozialdemokcattelehntdiesenPlan ab. Wir werden aber mit der Abtrennung zu rechnen haben, falls nicht die Wahlen zur Konstituante mit größter Beschleunigung ausgeschrieben werden.

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Süddeutfcbiand grgrn Berlin.

Karlsruhe. 23. Rov. Die Volksregierungen in Bayern und Württemberg, sowie die maßgeben» dm Stellen in Köln und Düsseldorf haben sich mit der badischen Volksregierung dahin verständigt, daß sie unter allen Umständen gewillt sind, gegenüber den Forderungen der Liebknecht-Gruppe zusammen zu gehen und im äußersten Falle nicht von der selbständigen Regelung der Geschicke Südd utschlands und der rheinischen Städte Halt machen würden. Die Gefahr, die der Ent­wicklung der Bolksfceiheit von Berlin drohen könnte, würde dadurch ausgeschaltct, da bei einer Selbftändig- machung des deutschen Südens wahrscheinlich Frank­furt der Vorort des neuen deutschen Staates werden würde.

für die nationaiverlammiung.

Berlin, 26. Rov Wie wir hören, haben sich in der gestrigtn Konfermz der deutjchen Bundesstaaten folgende Bertcetec für die Einberufung der Nationalver­sammlung außer den NegierungSvertcetern ausgesprochen : Ulrich Hessen, Heimann-Württemberg, Crisptcn.Würt­temberg, Geiß.Baden, EtsnecBayern (bedingt), Haas- Badcn, Gradnauer. Dagegen haben sich erklärt: Mergcs- Braunschweig und Geitner-Gotha - Sachsen. Der Vor­schlag, ein Reichspräsidium zu schaffen, wurde nur zur Kenntnis genommen. Eine Abstimmung darüber erfolgte nicht.

Liberair Parteien einigt euch!

Der Ernst der Stunde verlangt den Zusammen­schluß aller Uolkslrreise. die die Reichseinheit schirmen, die freiheitlichen Errungenschaften sichern un>- ein geordnetes Staats- und Wirtschastsleben auf- recht erhalten wollen. Nach diesem Gebot will die Deutsche Volkspartei handeln, die sich auf Grund von Vereinbarungen zwischen den Mitgliedern der bis­herigen Fortschrittlichen Bolkspartei und der National- liberalen Partei unter Zugrundelegung eines den For­derungen des Gesamtlibccaltsmus entsprechenden Pro gramms gebildet hat. Wir fordern alle Anhänger frei­heitlicher Staatsauffassung, die jegliche Reaktion ent­schieden bekämpfen, aber auch jeder politischen und wirt­schaftlichen Vergewaltigung entschlossen entgegentceten wollen, zum Beitritt zur Deutschen Volkspartei auf. In schwerer Zeit rufen wir das deutsche Volk auf, über die Zukunft der Nation selbst zu entscheiden. Der Zusammentritt der Nationalversammlung ist die erste Voraussetzung einer demokratischen Staatsent- Wicklung, die wir erstreben. Ohne Volksabstimmung kein Friede, kein Brot, keine Wohlfahrt Auf dem Boden der durch die Umwälzung geschaffenen Tatsachen kämpfen wir für ein Großdeutschland vom Brenncx bis zum Belt,

für Freiheit, Ordnung und Gemeinwohl. Zustimmungs- cxkläcungen sind zu richten an die Geschäftsstelle der Deutschen Volkspartei, Berlin W. 66 Wllhelmstr. 46/47. Der vorläufige Ausschuß: Friedberg, M. d. A., Wiemer, M. d. R., Prinz zu Schönaichs Carolath. M. d. R., Rießer, M. d. R., Stresemann, M. d. R., Julius Kopsch, M. d. R. Frau Klara Mendc-Völkec

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Der geschäftsfühcende Ausschuß des nattonallibecalen Landesvereins für Sachsen hat beschlossenen die deutsche demokratische Partei, sowie on die deutsche Volkspartei die Bitte zu richten, sich ?u vereinigen Solange dies nicht geschehe, werde das liberale Bürgertum in Sachsen aufgefordert, sich von beiden Parteien fcxnzuhalten, denn nur eine ein­heitliche großdrrrtsche demokratische Partei» die auf die Organisationen der Rationalliberalen und der Fortschrittler aufgebaut sei, könne die Interessen des Knrgertnms. keim Aufbau des neuen Reiches wahren.

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Die Deutsche Demokratische Partei hat wegen der schwierigen Verkehcsvexhältniffe, die eine ausreichende Verständigung mit den einzelnen Reichsteilcn nicht ge statten, die Vorarbeiten für die Bildung einer großen provisorischen Vorstandes noch nicht abschließen können. Zur Führung der laufenden Geschäfte ist ein vorläufiger Ausschuß gebildet worden. Ec besteht aus Fräulein Dr. Bernhardt (Berlin), Handelsminister Fischbeck (Berlin), Fcl. Else Lübecg (Berlin), Dc. Hjalmar Schacht (Berlin- Zehlendorf), Chefredakteur Ruschke (Berliner Volksztg."), Dc. Pachnicke, Hartmann Frhc. v. Richthofen (Berlin), Prof. Alsred Weber (Heidelberg, Zurzeit Berlin). Das Bureau der Gesellschaft befindet sich in Berlin W 62, Kursürstenstraße 107. Es steht unter der Leitung von Dr. Silberberg und Dr. Jßberger, dem früheren General­sekretär der Fortschrittlichen Volkspartei. Eine beratende Tätigkeit übt der frühere Generalsekretär der Rational- liberalen Partst, Hermann Kalkhof, aus.

Die Aufgaben der neuen demokratischen Partei sind: Bekenntnis zur republikanischen Staatsfocm, ent­schiedene Abwehr jeder reaktionären Gegenrevolution, rücksichtsloser Kampf gegen diejenigen, die den un­glücklichen Ausgang des Krieges auf ihrem Gewissen haben, offene und vorurteilslose Erfüllung der For­derungen der Zeit auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiete. Bei aller Ablehnung sozialistisch-bolsche­wistischer Experimente, an der es die neue Partei nicht fehlen lassen darf, wird sie dennoch den sozialen Gedanken in ganz anderer Weise für den politischen und wirtschaftlichen Staatsaufbau fruchtbarer macheu als bisher. Alter und neuer Mittelstand, Arbeiter, Staats- und Pirva'beamte, Krieger, Witwen und Waisen, sowie Kriegsbeschädigte können auf die wärmste Unterstützung der demokratischen Partei rechnen. Die Kciegsgewinne müssen auf daS schärfste beschnitten, Bauernland Muß in Masse dem landhungrigen Volke zur Verfügung gestellt werden. Auch die Industrie muß den Sozialisierungsgedanken dort aufnchmen, wo es möglich ist. Mit allem Persönlichkeitskultus, mit aller Parteibonzenwirtschaft muß rücksichtslos aufgeräumt werden".

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Bürgerlicher Zusammenschluß f« Hessen.

Ir Daxmstadt wurde eine Demokratischen Partei Darmstadts unter außerordcnlich starker Beiciligung ge­gründet.. Dem Verein schloffen sich etwa 400 neue Mitglieder, darunter zahlreiche bisherige Nationalliberale, an. Die in anderen hessischen Orten ins Leben tretenden demokratischen Ortsvereine schließen sich demnächst zur Gründung eines Landesveceins zusammen.

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Die wücttembergische Volkspartei ist aus Antrag der Abgeordneten Payer, Hausmann, Liesching und Fischer geschlossen der deutschen demo­kratischen Partei beigetreten.