Capelle über den Ll-Bootkrieg.
„2lm Endcrfolg vermag alles nichts zn ändern."
Im Reichstage, der jetzt zur Erledigung seines Arbeitsquantums seine Sitzungen bis in die spätesten Abendstunden ausdehnt, kam der Staatsjettetäc des Reichsmarineamts bei seinem Etat am Freitag erst abends um 10 Uhr zu Worte AuS^iner Mfolge dieser späten Stunde wenig beachteten Rede sei hier noch das folgende hervor gehoben:
Der Abg. Dr. Pfleger hat eine Aeußerung des französischen MarineUnterstaatssekretärs mitgeteilt, nach welcher zwei Drittel unserer U-Boote vernichtet seien und doppelt so viel U-Boote versenkt würden als wir bauen könnten. Vorstehende Angaben sind falsch. ELMA^l-nrichtig ist eine vor kurzem erfolgte Erklä- rung des englischen Marineministers, daß seit Januar d. Js. mehr Boote versenkt seien, als gebaut sind Das Gegenteil ist der Fall. (Hört, hörtl)
Alle Nachrichten über U-Bootverluste, die von unseren Feinden in die Welt gesetzt werden, fiitb übertrieben. Unsere U-Boot-Wafse ist sowohl, was die Zahl wie die Qualität der Boote anbetrifft, in: Steigen begriffen.
Eine große Anzahl der Herren hat vor kurzem dem Bortrage eines gerade aus dem Sperrgebiet zurückgekehrten U-Boot-Kommandanten beigewohnt, in dem der Vortragende eingehend all die Abwehrmaßnahmen, die unsere Feinde gegen die U-Bootspest zur Anwendung bringen, geschildert hat. Sie werden seinen Ausführungen entnommen haben, daß unsere prächtigen U-Boots-Besatzungen sich gegen alle diese Mittel bisher behauptet haben und, ich habe die begründete Hoffnung, auch weiter behaupten werden.
Für die Beurteilung des militärischen Ergebnisses des U-Boot-Krieges sind der zuverlässigste Maßstab die amtlichen Veröffentlichungen des AomiralstabeS über die Versenkungen. Wenn jetzt noch, nachdem bereits rund 18 Millionen Tonnen, welche unseren Feinden zur Verfügung gestanden haben, vernichtet sind, durchschnittlich Tag für Tag 4 bis 5 größere Schiffe als versenkt gemeldet werden, so liegt darin die Gewähr, daß die Wirksamkeit des
U-Bvot-Kricgcö nicht nachgelassen hat. Ich möchte mir gestatten, Ihnen in diesem Zusammenhänge zwei Aeußerungen amerikanischer Autoritäten wiederzugeben, aus denen klar hervorgeh!t/ was man von all den Beruhigungen und Aufmunterungen unserer Feinde zu halten hat:
arv ?Hl £: Mai erklärte der bekannte amerikanische Admiral Srms in London im National Boarding Club, daß die steigende Kurve der Schiffsbauten in kaum 14 Tagen die fallende Kurve der U-Boots-Bersenkungen jchnelden würde, die Berbandsmächte mithin ihre Verluste voll ersetzen könnten. Beinahe gleichzeitig, am 7. Mm. aber sagte jenseits des Ozeans der Vorsitzende des Schiffahrtsausschusses der Handelskammern der Vereinigten Staaten, Herr Filene, folgendes:
„Der nächste Frühling, also 1919, wird heran lein, bevor unsere Schiffsneuvaulinien die Linie der U-Boots-Versenkungen schneidet. Alle Angaben, fährt er fort, die man in den Zeitungen über das Nachlassen der Versenkungen liest, gründen sich auf Hoffnungen und Träum e."
v,. rr^5?' "leine Herren, klingt ganz anders, wenn vielleicht auch Herr Filene Amerikaner ist und gewiß ^H, nicht zu wenig sagt. Ich hoffe, daß im nächsten Frühjahr, falls dann der Krieg noch andauern sollte, die von rhm ausgesprochene Hoffnung sich als nicht zutreffend erweisen wird.
Meine Herren, wie liegen denn die Verhältnisse? Täglich werden vier bis fünf größere Schiffe mit wertvollen Ladungen an Kriegsmaterial, Truppen, Roh- stof,en und Lebensmitteln versenkt, denen auf absehbare Zeit noch kein annähernd gleicher Schiffszuwachs gegenubersteht.
,, b “ uernöer Rückgang des zur Verfügung
stehenden Schiffsraumes. Diesem dauernden Rückgang
a J )er km dauernd steigender Bedarf gegenüber. Wir alle wissen, daß seit geraumer Zeit die vorhandene
Tonnage nicht mehr ausreicht, um die Bedürfnisse unserer Feinde in ausreichendem Matze zu befriedigen. Mit jedem amerikanischen Sollen aber, der europäischen Boden betritt, wächst oer Bedarf an Schiffsraum um rund 6 Brutto-Reaister- Tonnen für den Kopf, um den Mann herüberzubrinaen und dieses ist der springende Punkt, um etwa 8 Brutto- Neglster-Tonnen sur den Kopf, um den Mann laufend mit der nötigen Zufuhr, im weitesten Sinne gedacht, zu versorgen. In allen Tonarten wird in der feind- lichen Presse verbreitet, der U-Boot-Krieg wirke nicht mehr sei nicht mehr, um mit Lloyd George zu reden, eme Gefahr. sondern nur noch eine Belästigung. Wir follten uns durch solche zuversitchlrchen Reden unserer mcht irremachen lassen. Selbstverständlich muß auch das Ergebnis des U-Boot-Krieges einmal geringer werden, wenn der Seeverkehr abnimmt. An dem End- erfolg aber vermag das ebenso wenig etwas zu ändern bö l u J 1ter besonders günstigen Ber- b^^vlssen vorübergehend einmal ein stärkerer Verlust als der normale eintritt. Der feste AEgeswille. der unfer Heer im Westen von Sieg zu
Wh ^ Qt ' QUC ^ in ber Marine lebendig und
wird auch den U-Boot-Krieg das ihm gesteckte Vel erreichen lassen. (Lebhafter Beifall ) 9 6
Nennung der Beamten, die für das herrschende System der Verheimlichung verantwortlich feien.
Der liberale „M anchester Guardia n". eines der unabhängigsten Blätter Englands, äußert sich ähnlich. Mau ist weder von Bauergebnissen, noch von oen Versenkungsziffern befriedigt, um so weniger als die öffentliche Meinung unaufhörlich mit melodramati-schen Nachrichten über die Versenkung zahlloser U-Boote überschwemmt werde.
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Melodramatischer Schwindel.
Die „Pall Mall Gazette" wendet sich in einem n^^^^^E^tlschen Artikel gegen den amtlichen und halbamtlichen Optimismus hinsichtlich des U-Boot- kriege s. Die^ Statistik für Monat Mai sei überaus entmutigend, umsomehr, als man sich dem Monat August nähere, für den Admiral Jellicoe die absolute Niederlage des U-Bootes in Aussicht gestellt hatte. Der Hinweis der Admiralität auf die außerordentlich hohen Seeunfallc im Monat Mai sei nur ein schwacher Trost. Außerdem sei es überaus bedauernswert, daß die Admiralität sich nicht veranlaßt gesehen habe, zahlenmäßige Angaben zu machen, wie hoch eigentlich die Seeunfalle und wie hoch die Versenkungen zu beziffern seien. Die „Pall Mall Gazette" fordert die
Der „kleine". Schleichhandel.
Ter Ansturm des Parlament- gegen die Zwangswirtschaft.
Im Reichstage ist nunmehr ein schriftlicher amtlicher Bericht über die Verhandlungen des Ernährungsausschusses erschienen, der einen verläßlichen Einblick in die Stimmung des Parlaments zu dieser so lange, so viel und so heiß umstrittenen Frage gestattet. Nach dresem Bericht verschlieft sich „eine größere Anzahl von Parteien" - die Mehrheit ist das — nicht mehr der Ueberzeugung,
„daß das gegenwärtige System der Volks- Versorgung, für dessen Einführung im Anfang des Krieges gute Gründe polilischer und psychologischer Natur bestanden haben, nunmehr nicht wetüter fortgesetzt werden kann und darf. Es sei an der Zeit, gewisse Abänderungen daran vorzunehmen."
Es wird in Vorschlag gebracht, den sogen, kleinen Schleichhandel, durch den zu sehr hohen, \m Verborgenen geforderten und gezahlten Marktpreisen beträchtliche Warenmengen umgesetzt werben, legitim, gesetzlich zulässig zu machen.
Die Folge werde sein, so meint man, daß die hohen Prerse sinken würden.
Ein weiterer Vorschlag geht dahin, daß n u r ein Teil der Erzeugnisse, insbesondere des Brotgetreides, behufs Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung beschlagnahmt, das übrige Brotgetreide dagegen völlig freigegeben werden soll. Um diese übrigbleibenden Mengen zu erfassen, müsse dem Besitzer etn Preis geboten werden, der den für die abzuliefernden Mengen zu zahlenden Preis um die Halste übersteigt.
Die Regierung hat sich gegenüber diesen Anregungen absolut ablehnend verhalten, und es ist daneben für dieses Jahr auch praktisch eine Aenderung nicht mehr möglich. Da wir aber wohl mit einer Fortdauer des jetzigen Zustandes noch für mehrere Jahre rechnen müssen, wird der Streit darum kein Ende nehmen. Auch nach dem Kriege wird bei der grenzenlosen Verwüstung der Getreidewirtschaft in der ganzen Welt eine öffentliche Beeinflussung der Getreide-Produktion und deren Verteilung nicht zu umgehen sein. An einer möglichst zweckmäßigen Verteilung hat man also allgemein das dringendste Interesse.
Leider fehlen alle Erfahrungen für die neuen Anregungen. Man weiß nur, daß das Bestehende nichts taugt. Ob die konservativen Vorschläge eine günstige Wirkung ausüben werden, weiß man nicht: es fehlen dafür alle Erfahrungen. Man kann nur auf Grund allgemeiner Erwägungen vermuten, daß dieses so, das andere so wirken werde.
Im Ausschüsse stand eine Mehrheit auf Seite der konservativen Abänderungsvorschläge. Es ist sicher, daß ein Teil dieses Gegner des jetzigen Systems sich bei ihrer Stellungnahme weniger von der Ueber- zeubung der Ernährungsverhältnisse durch eine Beseitigung der „lückenlosen Erfassung" als vielmehr von dem Gedanken haben leiten lassen, daß der mora- li scheu Verwilderung, die das heutige System nn Gefolge gehabt hat. unter allen Umständen ein Ende gemacht werden müsse. Die konservative „Deutsche Tageszeitung" behandelte kürzlich diesen Gegenstand. m° n sie dazu sagte, hatte das größte Da^heißt^eS^^"^^^' ÖCI * ÖUC ^ Öte Moralfrage streifte.
die noch keine der Ernährungsverordnungen übertreten, noch nicht geschleichhandelt, noch kein
Fisches Brot gegessen haben, gibt es nicht. Kann dke Achtung vor dem Gesetz und vor staatlicher Autorität überhaupt wirksamer systematisch ausgerottet werden "i?,.dodurch. daß mun an jede Alltäglichkeit eine Kon- fllkttnnöglichkeit knüpft, alle l0 Minuten lang einen ttnieiz nicht nur. fast eine Nötigung zur llebertrettmcr l d)Clr !f\ ®. cl P ?. cr Unzufriedenheit und der Geist der Unbotmäßigkeit sind die Emanationen dieses bure- ankratisierten Ehperimentalsozialismus" '
....Man wird diesen Gedankengang weiter spinnen müssen. Der ständige Kampf im Gewissen jede- Ein- Seinen nul der Ungewißheit, ob erlaubt oder nicht nagt auch nn Besten wie ätzendes Gift an der Rechts-' aussassung und verstört und verbittert ihn. Aus min- dere Elemente aber, in allen Kreisen natürlich., die ihre Selbstjucht nicht zu meistern vermögen, und die den Versuchungen nicht zu widerstehen vermögen, wird die Gesetzesverachtung im kleinen bei diesen Verordnungen notgedrungen einen völligen Umsturz ihrer ^echtsauffassung und damit eine Gefährdung des ^taatswohleS rm Gefolge haben müssen. Da tut Ab- hllse freilich dringend not.
„ . ®J e rßl a ¥ ist uur, ob das vorgeschlagene Halb- und Halb-System der gesetzlichen Anerkennung des „tteinen Schleichhandels", das hier beruhigend wirken wurde, nicht aus dem anderen Gebiete, dem der Ernährung selber, nicht versagt. w. A.
Gras Mirbach tu Moskau ermordet.
(Amtliche Meldung.) Berlin, 6. Juli 1918. Eine Sonderdepesche meldet: Heute vormittag ersuchten zwei Herren in Moskau den Kaiserlichen Gesandten um eine Unterredung, die ihnen vom Grafen Mirbach im Beisein von Legationsrat Riezler und einem im Zimmer anwesenden deutschen Offizier bewilligt wurde. Die beiden Unbekannten zogen Revolver und schossen auf den Kaiserlichen Gesandten, wobei sie ihn leicht am Kopf verletzten. Ehe sie daran gehindert werden konnten, warfen sie, hierauf ein paar Handgranaten und retteten sich durch einen Sprung aus dem Fenster auf die Straße. Graf Mirbach, der schwer verletzt wurde, ist, ohne das Bewußtsein wicdererlangt zu haben, kurz daraus verschieden. Die beiden anderen Herren blieben unverletzt.
. Sofort nach Bekanntwerden dieser Untat trafen die Kommissare für auswärtige Angelegenheiten Tschi- t scherin und Karr ach an in der Gesandtschaft ein und sprachen dem Legationsrat Riezler die Empörung und das Bedauern der Sowjetregierung über den erschütternden Vorfall ans. Leider ist es bis jetzt nicht gelungen, die Verbrecher zu entdecken und ftstzunehmen. Das bisherige Ergebnis der sofort angestellten Untersuchung läßt die Vermutung zu, daß es sich um ini Dienste der Entente stehende Agenten handelt.
Graf Mirbach war 47 Jahre alt und hat sich seit etwa 18 Jahren auf den verschiedensten diplomatischen Posten bewährt. Während des Krieges wurde er nach Athen entsandt und später nach Einleitung der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk zur Der- tretung der deutschen Interessen nach Petersburg und Moskau. Der Verstorbene war ein bewährter Beamter und der Typus eines seinen Diplomaten.
Vielleicht das Signal zu einem neuen Kriege. Nach dem Stand der letzten diplomatischen Verhandlungen, die der ermordete Gesandte geführt har, fft es als ganz ausgeschlossen zu betrachten, daß die Sowjetregierung irgendeine Schuld an der Mordtat trifft. Die Entente wird deshalb die erhoffte und sonst fast unvermeidliche Komplikation nach einem Gesandtenmord ausbleiben sehen. Die „B. Z." schreibt zu dem Mord: „Vielleicht wird auch dieser Schuß das Signal eines neuen Krieges sein, des Entente- Krieges gegen Rußland, in dessen Anfangsstunde man den Berater der verhaßten Bolschewikr zuerst beiseite räumen wollte. Wir glauben, daß in dieser Richtung die Tat über kurz oder lang ihre Aufklärung finden wird. Dann wird der Entente, der mörderischen Entente, der Richtspruch aber nicht erlassen sein!"
Vom A-Bootkrieg.
Mißbrauchtes freies Geleit.
Deutschland hat dem berüchtigten rumänischen Kriegshetzer — und im Nebenamte schmierigsten Börsenschieber und Kriegslieferanten, dem daheim anrüchigste Strafverfolgungen drohten — Take Ionescu aus irgendwelchen uns nicht erkennbaren Gründen Freigeleit zur Schweiz gegeben. Der freche Bursche hat daraus sogleich in der Schweiz eine lügnerische Schimpferei über _ die angebliche Bedrückung Rumäniens durch Deutschland an die Presse gegeben und ist dann nach Italien gefahren. Von da wird er nach! Paris, London und Washington reifen, um dort den Präsidenten Wilson für die Sache Rumäniens zu interessieren.
Die Mehrheit des serbischen Parlaments ist für sofortigen Frieden eingetreten, weil — Rumänien einen guten Frieden erlangt habe. Daß die Serben das anerkennen, wird in London und Washington sicher Eindruck gemacht haben.
D;e ErnährungsrichMnien vor dem Reichstag.
— Berlin, 6. Juli 1918.
Der Reichstag verabschiedete heute das Kapital- abfindungsgesetz (Ausdehnung aus Teilnehmer früherer Kriege), verwies die neuen Vorlagen gegen die Unfruchtbarniachung und Schwangerschaftsabtreibungen an den Ausschuß und wandte sich dann zu den Richtlinien über Ernährungs- und Kohlerrftagen.
Danach dürfen öffentlich bewirtschaftete Nahrungsmittel vorn Erzeuger nur an Behörden geliefert wer«


