Ausgabe 
13.7.1918
 
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Capelle über den Ll-Bootkrieg.

2lm Endcrfolg vermag alles nichts zn ändern."

Im Reichstage, der jetzt zur Erledigung seines Arbeitsquantums seine Sitzungen bis in die spätesten Abendstunden ausdehnt, kam der Staatsjettetäc des Reichsmarineamts bei seinem Etat am Freitag erst abends um 10 Uhr zu Worte AuS^iner Mfolge dieser späten Stunde wenig beachteten Rede sei hier noch das folgende hervor gehoben:

Der Abg. Dr. Pfleger hat eine Aeußerung des französischen MarineUnterstaatssekretärs mitgeteilt, nach welcher zwei Drittel unserer U-Boote vernichtet seien und doppelt so viel U-Boote versenkt würden als wir bauen könnten. Vorstehende Angaben sind falsch. ELMA^l-nrichtig ist eine vor kurzem erfolgte Erklä- rung des englischen Marineministers, daß seit Januar d. Js. mehr Boote versenkt seien, als gebaut sind Das Gegenteil ist der Fall. (Hört, hörtl)

Alle Nachrichten über U-Bootverluste, die von unseren Feinden in die Welt gesetzt werden, fiitb über­trieben. Unsere U-Boot-Wafse ist sowohl, was die Zahl wie die Qualität der Boote anbetrifft, in: Stei­gen begriffen.

Eine große Anzahl der Herren hat vor kurzem dem Bortrage eines gerade aus dem Sperrgebiet zurück­gekehrten U-Boot-Kommandanten beigewohnt, in dem der Vortragende eingehend all die Abwehrmaßnahmen, die unsere Feinde gegen die U-Bootspest zur Anwen­dung bringen, geschildert hat. Sie werden seinen Aus­führungen entnommen haben, daß unsere prächtigen U-Boots-Besatzungen sich gegen alle diese Mittel bisher behauptet haben und, ich habe die begründete Hoff­nung, auch weiter behaupten werden.

Für die Beurteilung des militärischen Ergebnisses des U-Boot-Krieges sind der zuverlässigste Maßstab die amtlichen Veröffentlichungen des AomiralstabeS über die Versenkungen. Wenn jetzt noch, nachdem be­reits rund 18 Millionen Tonnen, welche unseren Fein­den zur Verfügung gestanden haben, vernichtet sind, durchschnittlich Tag für Tag 4 bis 5 größere Schiffe als versenkt gemeldet werden, so liegt darin die Ge­währ, daß die Wirksamkeit des

U-Bvot-Kricgcö nicht nachgelassen hat. Ich möchte mir gestatten, Ihnen in diesem Zu­sammenhänge zwei Aeußerungen amerikanischer Auto­ritäten wiederzugeben, aus denen klar hervorgeh!t/ was man von all den Beruhigungen und Aufmun­terungen unserer Feinde zu halten hat:

arv ?Hl £: Mai erklärte der bekannte amerikanische Admiral Srms in London im National Boarding Club, daß die steigende Kurve der Schiffsbauten in kaum 14 Tagen die fallende Kurve der U-Boots-Bersenkungen jchnelden würde, die Berbandsmächte mithin ihre Ver­luste voll ersetzen könnten. Beinahe gleichzeitig, am 7. Mm. aber sagte jenseits des Ozeans der Vorsitzende des Schiffahrtsausschusses der Handelskammern der Ver­einigten Staaten, Herr Filene, folgendes:

Der nächste Frühling, also 1919, wird heran lein, bevor unsere Schiffsneuvaulinien die Linie der U-Boots-Versenkungen schneidet. Alle Angaben, fährt er fort, die man in den Zeitungen über das Nachlassen der Versenkungen liest, gründen sich auf Hoffnungen und Träum e."

v,. rr^5?' "leine Herren, klingt ganz anders, wenn vielleicht auch Herr Filene Amerikaner ist und gewiß ^H, nicht zu wenig sagt. Ich hoffe, daß im nächsten Frühjahr, falls dann der Krieg noch andauern sollte, die von rhm ausgesprochene Hoffnung sich als nicht zutreffend erweisen wird.

Meine Herren, wie liegen denn die Verhältnisse? Täglich werden vier bis fünf größere Schiffe mit wert­vollen Ladungen an Kriegsmaterial, Truppen, Roh- stof,en und Lebensmitteln versenkt, denen auf abseh­bare Zeit noch kein annähernd gleicher Schiffszuwachs gegenubersteht.

,, b uernöer Rückgang des zur Verfügung

stehenden Schiffsraumes. Diesem dauernden Rückgang

a J )er km dauernd steigender Bedarf gegenüber. Wir alle wissen, daß seit geraumer Zeit die vor­handene

Tonnage nicht mehr ausreicht, um die Bedürfnisse unserer Feinde in ausreichendem Matze zu befriedigen. Mit jedem amerikanischen Sol­len aber, der europäischen Boden betritt, wächst oer Bedarf an Schiffsraum um rund 6 Brutto-Reaister- Tonnen für den Kopf, um den Mann herüberzubrinaen und dieses ist der springende Punkt, um etwa 8 Brutto- Neglster-Tonnen sur den Kopf, um den Mann laufend mit der nötigen Zufuhr, im weitesten Sinne gedacht, zu versorgen. In allen Tonarten wird in der feind- lichen Presse verbreitet, der U-Boot-Krieg wirke nicht mehr sei nicht mehr, um mit Lloyd George zu reden, eme Gefahr. sondern nur noch eine Belästigung. Wir follten uns durch solche zuversitchlrchen Reden unserer mcht irremachen lassen. Selbstverständlich muß auch das Ergebnis des U-Boot-Krieges einmal geringer werden, wenn der Seeverkehr abnimmt. An dem End- erfolg aber vermag das ebenso wenig etwas zu ändern l u J 1ter besonders günstigen Ber- b^^vlssen vorübergehend einmal ein stärkerer Verlust als der normale eintritt. Der feste AEgeswille. der unfer Heer im Westen von Sieg zu

Wh ^ Qt ' QUC ^ in ber Marine lebendig und

wird auch den U-Boot-Krieg das ihm gesteckte Vel erreichen lassen. (Lebhafter Beifall ) 9 6

Nennung der Beamten, die für das herrschende System der Verheimlichung verantwortlich feien.

Der liberaleM anchester Guardia n". eines der unabhängigsten Blätter Englands, äußert sich ähn­lich. Mau ist weder von Bauergebnissen, noch von oen Versenkungsziffern befriedigt, um so weniger als die öffentliche Meinung unaufhörlich mit melodramati-schen Nachrichten über die Versenkung zahlloser U-Boote überschwemmt werde.

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Melodramatischer Schwindel.

DiePall Mall Gazette" wendet sich in einem n^^^^^E^tlschen Artikel gegen den amtlichen und halbamtlichen Optimismus hinsichtlich des U-Boot- kriege s. Die^ Statistik für Monat Mai sei überaus entmutigend, umsomehr, als man sich dem Monat August nähere, für den Admiral Jellicoe die absolute Niederlage des U-Bootes in Aussicht gestellt hatte. Der Hinweis der Admiralität auf die außerordentlich hohen Seeunfallc im Monat Mai sei nur ein schwacher Trost. Außerdem sei es überaus bedauernswert, daß die Admiralität sich nicht veranlaßt gesehen habe, zah­lenmäßige Angaben zu machen, wie hoch eigentlich die Seeunfalle und wie hoch die Versenkungen zu beziffern seien. DiePall Mall Gazette" fordert die

Derkleine". Schleichhandel.

Ter Ansturm des Parlament- gegen die Zwangs­wirtschaft.

Im Reichstage ist nunmehr ein schriftlicher amt­licher Bericht über die Verhandlungen des Ernährungs­ausschusses erschienen, der einen verläßlichen Einblick in die Stimmung des Parlaments zu dieser so lange, so viel und so heiß umstrittenen Frage gestattet. Nach dresem Bericht verschlieft sicheine größere Anzahl von Parteien" - die Mehrheit ist das nicht mehr der Ueberzeugung,

daß das gegenwärtige System der Volks- Versorgung, für dessen Einführung im Anfang des Krieges gute Gründe polilischer und psychologischer Natur bestanden haben, nunmehr nicht wetüter fortgesetzt werden kann und darf. Es sei an der Zeit, gewisse Abänderungen daran vorzunehmen."

Es wird in Vorschlag gebracht, den sogen, kleinen Schleichhandel, durch den zu sehr hohen, \m Verborgenen geforderten und gezahlten Markt­preisen beträchtliche Warenmengen umgesetzt werben, legitim, gesetzlich zulässig zu machen.

Die Folge werde sein, so meint man, daß die hohen Prerse sinken würden.

Ein weiterer Vorschlag geht dahin, daß n u r ein Teil der Erzeugnisse, insbesondere des Brot­getreides, behufs Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung beschlagnahmt, das übrige Brotgetreide dagegen völlig freigegeben werden soll. Um diese übrigbleibenden Mengen zu erfassen, müsse dem Besitzer etn Preis geboten werden, der den für die abzuliefernden Mengen zu zahlenden Preis um die Halste übersteigt.

Die Regierung hat sich gegenüber diesen An­regungen absolut ablehnend verhalten, und es ist da­neben für dieses Jahr auch praktisch eine Aenderung nicht mehr möglich. Da wir aber wohl mit einer Fortdauer des jetzigen Zustandes noch für mehrere Jahre rechnen müssen, wird der Streit darum kein Ende nehmen. Auch nach dem Kriege wird bei der grenzenlosen Verwüstung der Getreidewirtschaft in der ganzen Welt eine öffentliche Beeinflussung der Ge­treide-Produktion und deren Verteilung nicht zu um­gehen sein. An einer möglichst zweckmäßigen Verteilung hat man also allgemein das dringendste Interesse.

Leider fehlen alle Erfahrungen für die neuen Anregungen. Man weiß nur, daß das Bestehende nichts taugt. Ob die konservativen Vorschläge eine günstige Wirkung ausüben werden, weiß man nicht: es fehlen dafür alle Erfahrungen. Man kann nur auf Grund allgemeiner Erwägungen vermuten, daß dieses so, das andere so wirken werde.

Im Ausschüsse stand eine Mehrheit auf Seite der konservativen Abänderungsvorschläge. Es ist sicher, daß ein Teil dieses Gegner des jetzigen Systems sich bei ihrer Stellungnahme weniger von der Ueber- zeubung der Ernährungsverhältnisse durch eine Be­seitigung derlückenlosen Erfassung" als vielmehr von dem Gedanken haben leiten lassen, daß der mora- li scheu Verwilderung, die das heutige System nn Gefolge gehabt hat. unter allen Umständen ein Ende gemacht werden müsse. Die konservativeDeutsche Tageszeitung" behandelte kürzlich diesen Gegenstand. m° n sie dazu sagte, hatte das größte Da^heißt^eS^^"^^^' ÖCI * ÖUC ^ Öte Moralfrage streifte.

die noch keine der Ernährungsverordnun­gen übertreten, noch nicht geschleichhandelt, noch kein

Fisches Brot gegessen haben, gibt es nicht. Kann dke Achtung vor dem Gesetz und vor staatlicher Autorität überhaupt wirksamer systematisch ausgerottet werden "i?,.dodurch. daß mun an jede Alltäglichkeit eine Kon- fllkttnnöglichkeit knüpft, alle l0 Minuten lang einen ttnieiz nicht nur. fast eine Nötigung zur llebertrettmcr l d)Clr !f\ ®. cl P ?. cr Unzufriedenheit und der Geist der Unbotmäßigkeit sind die Emanationen dieses bure- ankratisierten Ehperimentalsozialismus" '

....Man wird diesen Gedankengang weiter spinnen müssen. Der ständige Kampf im Gewissen jede- Ein- Seinen nul der Ungewißheit, ob erlaubt oder nicht nagt auch nn Besten wie ätzendes Gift an der Rechts-' aussassung und verstört und verbittert ihn. Aus min- dere Elemente aber, in allen Kreisen natürlich., die ihre Selbstjucht nicht zu meistern vermögen, und die den Versuchungen nicht zu widerstehen vermögen, wird die Gesetzesverachtung im kleinen bei diesen Verord­nungen notgedrungen einen völligen Umsturz ihrer ^echtsauffassung und damit eine Gefährdung des ^taatswohleS rm Gefolge haben müssen. Da tut Ab- hllse freilich dringend not.

. ®J e rßl a ¥ ist uur, ob das vorgeschlagene Halb- und Halb-System der gesetzlichen Anerkennung des tteinen Schleichhandels", das hier beruhigend wirken wurde, nicht aus dem anderen Gebiete, dem der Er­nährung selber, nicht versagt. w. A.

Gras Mirbach tu Moskau ermordet.

(Amtliche Meldung.) Berlin, 6. Juli 1918. Eine Sonderdepesche meldet: Heute vormittag er­suchten zwei Herren in Moskau den Kaiserlichen Ge­sandten um eine Unterredung, die ihnen vom Grafen Mirbach im Beisein von Legationsrat Riezler und einem im Zimmer anwesenden deutschen Offizier be­willigt wurde. Die beiden Unbekannten zogen Revolver und schossen auf den Kaiserlichen Ge­sandten, wobei sie ihn leicht am Kopf verletzten. Ehe sie daran gehindert werden konnten, warfen sie, hierauf ein paar Handgranaten und retteten sich durch einen Sprung aus dem Fenster auf die Straße. Graf Mirbach, der schwer verletzt wurde, ist, ohne das Bewußtsein wicdererlangt zu haben, kurz daraus ver­schieden. Die beiden anderen Herren blieben unverletzt.

. Sofort nach Bekanntwerden dieser Untat trafen die Kommissare für auswärtige Angelegenheiten Tschi- t scherin und Karr ach an in der Gesandtschaft ein und sprachen dem Legationsrat Riezler die Empörung und das Bedauern der Sowjetregierung über den erschütternden Vorfall ans. Leider ist es bis jetzt nicht gelungen, die Verbrecher zu entdecken und ftstzunehmen. Das bisherige Ergebnis der so­fort angestellten Untersuchung läßt die Vermutung zu, daß es sich um ini Dienste der Entente stehende Agenten handelt.

Graf Mirbach war 47 Jahre alt und hat sich seit etwa 18 Jahren auf den verschiedensten diplomati­schen Posten bewährt. Während des Krieges wurde er nach Athen entsandt und später nach Einleitung der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk zur Der- tretung der deutschen Interessen nach Petersburg und Moskau. Der Verstorbene war ein bewährter Beamter und der Typus eines seinen Diplomaten.

Vielleicht das Signal zu einem neuen Kriege. Nach dem Stand der letzten diplomatischen Ver­handlungen, die der ermordete Gesandte geführt har, fft es als ganz ausgeschlossen zu betrachten, daß die Sowjetregierung irgendeine Schuld an der Mordtat trifft. Die Entente wird deshalb die erhoffte und sonst fast unvermeidliche Komplikation nach einem Ge­sandtenmord ausbleiben sehen. DieB. Z." schreibt zu dem Mord:Vielleicht wird auch dieser Schuß das Signal eines neuen Krieges sein, des Entente- Krieges gegen Rußland, in dessen Anfangs­stunde man den Berater der verhaßten Bolschewikr zuerst beiseite räumen wollte. Wir glauben, daß in dieser Richtung die Tat über kurz oder lang ihre Auf­klärung finden wird. Dann wird der Entente, der mörderischen Entente, der Richtspruch aber nicht er­lassen sein!"

Vom A-Bootkrieg.

Mißbrauchtes freies Geleit.

Deutschland hat dem berüchtigten rumänischen Kriegshetzer und im Nebenamte schmierigsten Bör­senschieber und Kriegslieferanten, dem daheim an­rüchigste Strafverfolgungen drohten Take Ionescu aus irgendwelchen uns nicht erkennbaren Gründen Freigeleit zur Schweiz gegeben. Der freche Bursche hat daraus sogleich in der Schweiz eine lügnerische Schimpferei über _ die angebliche Bedrückung Rumä­niens durch Deutschland an die Presse gegeben und ist dann nach Italien gefahren. Von da wird er nach! Paris, London und Washington reifen, um dort den Präsidenten Wilson für die Sache Rumäniens zu inter­essieren.

Die Mehrheit des serbischen Parlaments ist für sofortigen Frieden eingetreten, weil Rumänien einen guten Frieden erlangt habe. Daß die Serben das an­erkennen, wird in London und Washington sicher Ein­druck gemacht haben.

D;e ErnährungsrichMnien vor dem Reichstag.

Berlin, 6. Juli 1918.

Der Reichstag verabschiedete heute das Kapital- abfindungsgesetz (Ausdehnung aus Teilnehmer frühe­rer Kriege), verwies die neuen Vorlagen gegen die Unfruchtbarniachung und Schwangerschaftsabtreibungen an den Ausschuß und wandte sich dann zu den Richtlinien über Ernährungs- und Kohlerrftagen.

Danach dürfen öffentlich bewirtschaftete Nahrungs­mittel vorn Erzeuger nur an Behörden geliefert wer«