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erster Lesung nuf I vom Tailsend ermäßigt wurde, auf 2 vom Tausend erhöht und gleichzeitig den Bör­sen Umsatz-Stempel für die Tauer des Krieges anf fünf üü m T a u send festsetzt.

Ta dieser Antrag von allen Parteien des Reichs­tages mit Ausnahme' der Fortschrittlichen Bolkspartei unterstützt wird, so ist auf seine Annahme mit. Sicher­heit zu rechnen.

:: Um daS Nachtleben nach dem Kriege. In der

PetitionSkommission des preußischen Abgeordnetenhau­ses führte bei der Beratung über Eingaben, welche die Beibehaltung von Kriegsmaßnnhmen gegen den Alkohol- mißbrauch auch im Frieden fordern, als Berichterstatter der konservative Abgeordnete Dr. Negenborn aus: Es sei ein Uebelstand gewesen, daß in Berlin und in anderen Grßstädten manche Lokale die ganze Nacht hindurch geöffnet gewesen seien. In London hätten alle Lokale schon im Frieden um 11 Vs Uhr schließen müssen, und wenn das auch nach deutschen Begriffen zu weit gehe, so könne einen Anhalt doch Paris geben, wo alle Lokale um iy 2 Uhr, spätestens um 2 Uhr, nachts geschlossen worden seien. Bis 2 Uhr etwa habe das Nachtleben in einer Großstadt eine gewisse Berechti­gung, eine Verlängerung des Nachtlebens über diese Stunde hinaus bedeute eine Verschwendung an Kraft und Gesundheit. Auf den Einwand eines Mitgliedes der Kommission, daß Berlin die solideste Stadt Preu­ßens sei, erwiderte Dr. Negenborn, wenn Berlin eine so solide Stadt sei, würden Öen Berlinern künftige Be­schränkungen des Nachtlebens ja nur willkommen sein können. Die Kommission beschloß schließlich, die ihr vorliegenden Eingaben, soweit sie nicht die ReichSge- setzgebung betreffen, der Königlichen Staatsregierung zur Erwägung zu überweisen.

:: Ein JttgcnvfürsorgegesBtz soll in Vorbereitung begriffen sein, in dem es sich in erster Linie um vor­beugende Maßnahmen gegen die infolge des Krieges fortschreitende Verwahrlosung der Jugend handeln wird. Den Einzelstaaten soll der weitere Ausbau des Gesetzes, lokalen Bedürfnissen entsprechend, überlassen bleiben. Die Gemeinden werden vermutlich angehal- ten werden. Jugendämter einzusetzen, die in Ge­meinschaft mit den bisher schon bestehenden Vereinen, die sich mit der Jugendfürsorge befassen, wirken sollen Durch Belehrung, gemeinsam mit der Pflichtfortbil­dungsschule, hofft man günstigere Erfolge zu erzielen als durch strafrechtliche Bestimmungen.

Ein Verband deutscher Kriegsbeschädigter und Kriegsteilnehmer ist in Berlin unter dem Vorsitz des Re i ch s t a g s a b g e o r d n e t e n Behrens gebildet worden. Die neue Organisation ist so ausgebaut, daß zwischen den Kriegsbeschädigten und Kriegsteilneh­mern und den zuständigen wirtschaftlichen und Standesorganifationen ein zweckmäßiges Gegenseilig- keitsverhältnis hergestellt wird. An der Gründung sind beteiligt die christlichen Gewerkschaften, die tzirsch-Dunckerschen Gewerkvereine, mehrere Ver­bände der kaufmännischen und technischen Angestellten, einige Eisenbahnerorganisationen und eine Anzahl Be­amtenverbände, die katholischen und evangelischen Ar­beitervereine usw. An der Spitze des Verbandes steht ein Vorstand, der aus Kriegsbeschädigten und Kriegs­teilnehmern gebildet wird. Ihm steht ein Hauptaüs- schuß zur Seite, in den die wirtschaftlichen Standes­organisationen Vertreter entsenden. Die Ortsgruppen sollen auf der gleichen Grundlage gebildet 'werden. In Berlin wird eine Reichsgeschäftsstelle errichtet, die eure Verbandszeitung herausgeden soll. Der Beitrag wurde auf 50 Pfennig monatlich festgesetzt. Auskunft erteilt Franz Behrens, Berlin W. 50, Prager Straße 34.

Aus aller Welt

** (Line frühe Ernte scheint Heuer der Provinz Schlesien beschieden zu sein. Wie nämlich aus ihrer Hauptstadt Breslau mitgeteilt wird, soll bereits Win­tergerste diesjähriger Ernte Breslauer Mühlen zuge­führt worden sein.

* Für die Beförderung der M i l i t ä r g e f a n g e - neu in Berlin sollen, um bei einer Flucht der Gesan- j genen das Schießen in den belebten Straßen zu ver- ) hindern, Straßenbahngesangenenzüge gefahren werden.

** Tie Probe auf ven Schwindel. Aus dem badischen Weiler Fischerdach wird berichtet:. Seil zwei Jahren ist ein äußerst braver, junger. Mann von hier in englischer Gefangenschaft. Dieser Lage kam nun an die Angehörigen ein Telegramm nachfolgenden Wortlautes:Eden ange­kommen, bitte mir telegraphisch 000 Mark nach Rolter- damm I. E." Ta in der Gemeinde schon verschiedene Schwindeleien von Soldaten verübt wurden, traute man der Geschichte nicht und es ging nachfolgendes Telegramm an den Geldgierigen ad:Heutigem Telegramm mit 000 Acark mißtraut. Telegraphiere zur Probe an Engelwirt V mit Namen. Mutter." Es kam die Rückantwort:Bin als Kranker nach Holland ausgekauft, alles gut, sendet mir Gewünschtes gleich ab." Er halle den Namen des Engelwirts nicht anzugeben gewußt. Aber noch einmal soll der genannte Sohn auf die Probe gestellt werden, statr des Geldes erhielt er die Depesche:Bist du Joseph, telegraphiere säintliche Vornamen deiner Geschwister, kannst du nicht dann Schwindler." Und er probiert'S noch einmal:Mutter, Hab zwei Schwestern, sende Geld tele­graphisch ab. Dein Sohn I. E." Tie Probe hatte er nicht bestanden, daher bekam er kein Geld!

-* Panik im Lichtspicl-Theater. In den Aöler-Licht- splrlen m Lauenburg (Pommern) flammte während der Vorführung ein Filin auf. Die Besucher ließen sich durch den Theaterbesitzer nicht beruhigen, sondern stürmten über Tische und Stühle hinweg dem Ausgange zu. Dabei wur­den Besucher zu Boden geworfen und erheblich verletzt.

,Ein Ningclblitz um einen Menschen. Einen eigen­artigen Weg um den Körper eines Menschen nahm ein Blitzstrahl, der in Bramow (Mecklenburg) auf einem Felde nrederging. Dort arbeitete eine Gruppe von Frauen wäh­rend eines Gewitters. Ein Blitz schlug in sie hinein

und traf die Frau des Schmiedes Bühring, die sofort

niederste!. Der Strahl ging vom Kops der Frau um

den Hals, ringelte sich um die Brust und den Leib,

zerriß ihr die Kleider und ringelte sich weiter an einem Bein herunter in die Erde hinein. Man hielt die Ge- trofsene zunächst für tot. Sie erholte sich aber in der Rostocker llnioersitätsllinik wieder, und es besteht keine Lebensgefahr mehr für sie. An ihrem Körper sind bunte Streben von dem eigenartigen Blitzschlag zurückgeblieben.

A Wintcrwetter im Hochsommer, so könnte man säst klagen. Es ist wirklich bald trostlos. Grau wie der

Himmel in politischen Dingen, so auch ln der Nakur. Die französischen Blätter berichten über eine empfindliche Kälte im ganzen Seinetal. Bon Argenteuil bis Mantes sei die Temperatur fast im ganzen Tal auf den Gefrierpunkt herabgesunken, und nach demTemps" wurden an meh­reren Stellen minus 2 Grad festgestellt. Tie Ernte wird durch die Kälte sehr beeinträchtigt. Bei uns ist es, wie in ganz Europa, dasselbe. Die Wärme im Mai hatte die Natur ja stark gefördert, und wenn jetzt aus ver­schiedenen Stellen, so aus der naturbegünstigten Elbeniedc- rung und aus Schlesien von vollzogener Ernte z. B. bei Gerste berichtet wird, so sind das Nachwirkungen der Maihitze, während die Ernte im übrigen infolge dieser Wittcrungsverhältnisse ganz sicher eine Verspätung erfah­ren muß. Hoffentlich kommt der Umschwung recht bald.

A ttcber die Eierablieferungs-Borschriften der Kom- munal-Berbandc klagt lebhaft dieD. T.": Tie Verord­nung, nach welcher in der Regel nur 2530 Eier je Huhn und Jahr abgeliefert werden sollen, scheint in einer großen Anzahl von Kommunaloerbänden noch immer nicht bekannt geworden zu sein. Uns gehen fortgesetzt Be­schwerden darüber zu, daß verlangt wird, bis zu 52 Eier (!!) abzuliefern und daß keine Freilassung einer der Zahl der Haushaltsangehörigen entsprechenden Zahl von Hühnern vorgesehen ist. Es entspricht durchaus nicht den vom Landesamt aufgestellten Grundsätzen, wenn ohne Unterschied nur nach der Zahl der Hühner die Abliefe­rung von Eiern verlangt wird. Es soll vielmehr bei der Umlage des Eierablieferungssolls in den einzelnen Gemeinden auf die Zahl der vollbeköstigten Hauöha lts- an gehörigen des Hühnerhalters zu der seiner Hühner, sowie auf die allgemeinen wirtschaftlichen Verhält- n i s s e des Hühnerhalters, unter denen die Hühner gehalten werden ,wie freier Auslauf, enge Begrenzung des Hühner­hofes, Futterverhältnisse, Jahreszeiten, Legeperiode, Rasse- eigentümlichkeiten des Geflügels und dergleichen Rück- s i ch 1 genommen werden. Besondere Erbitterung erregt es auch in der Bevölkerung, daß in einzelnen Kommunal­verbänden nicht die zurzeit vorhandene Zahl der Hühner bei der Eierabforderung zugrunde gelegt wird, sondern eine Zahl, die bei der Vieh Zahlung vor einem halben Jahre und noch langer angegeben worden war. Diese Kommunalverbände ziehen nicht in Betracht, das; während des Winters wegen des Mangels an Körner­futter zahlreiche Hennen zugrunde gingen oder g e f ch l a ch tet wurden. Trotzdem ab'er wird die Eierablieferung von der Zahl verlangt, die früher angegeben wurde. Ja, es ist sogar vorgekommen, daß auch Kücken und H ahne unter die eierablieferungspflichtigen Hühner gerechnet wurden. In ungezählten Fällen ist den Hühner­haltern der Zucker entzogen worden, wodurch namentlich kinderreiche Familien schwer getroffen wurden. Auch viel Obst gehl ans diese Weise verloren. Zahlreiche Hühner- Halter aber haben ein einfaches Mittel erfunden, um sich allen Scherereien bei der Eierablieferung zu entziehen: sie haben ihre Hühner geschlachtet."

Gerichtssaal.

i Giftmord-Prozeß in Breslau. Unter der An­lage des versuchten Giftmordes an seiner Frau hatte sich vor den; Breslauer außerordentlichen Kriegsgericht der Oberingenieur Kurt Helmert zu verantworten. Ter Angeklagte, der aus kleinen Verhältnissen stammt, hat es durch großen Fleiß und Begabung bis zur Stellung eines Oberingenieurs gebracht. Er heiratete ein Mädchen ans angesehener Familie und lebte mit seiner Frau und drei Kindern sehr glücklich, bis er die Kontoristin Marie Nowack in Hessen kennen lernte. Um sie heiraten zu können, beschloß er, seine Ehefrau aus der Welt zu schaffen. Er sandte ihr ein Fläsch­chen, das angeblich eine Medizin enthalten sollte. Tie Frau nahm aber das Mittel nicht, das, wie sich später herausstellte, Zyankali enthielt. In zwei weiteren Fäl­len hat der Angeklagte ein Glas Wasser und eine Flasche Kognak mit Zyankali vergiftet, in der Voraus­setzung, daß seine Frau davon trinken werde. Als der Frau schließlich das seltsame Benehmen ihres Man­nes und die Machinationen mit dem Wasser auffielen, gestand ihr der Angeklagte sein verhängnisvolles Ver­hältnis zu der Kontoristin ein und bat sie, ihm be­hilflich zu sein, wieder zu sich selbst zu kommen. Die Frau schien dem Angeklagten auch verziehen zu haben, denn in der Verhandlung vor dem Kriegsgericht ver­weigerte sie wie ihre Schwester die Aussage. Die Taten des Angeklagten kamen aber auf andere Weise den Behörden zu Ohren, so daß die Anklage erhoben wurde. In der Verhandlung kamen auch verschiedene medizinische Sachverständige zu Wort, die bekundeten, daß der Angeklagte psychopothisch und geistig schwer be­lastet sei. aber nicht in dem Maße, daß der strafans- schließende § 51 in Wirksamkeit treten könne. Immer­hin käme sein Geisteszustand strafmildernd in Betracht. Das Urteil lautete auf vier Jahre Z u ch t h a u s itnö zehn Jahre Ehrverlust. Der Angeklagte, dem man keine Erregung ansah, nahm das Urteil lächelnd ent­gegen.

i. * Million Mark Geldstrafe, 25VZ Jahre Gefäng- 16 ; Dre sächs. Gerichte haben bei der Bekämpfung des Kriegswuchers und Kettenhandels gute Arbeit geleistet. Neben einer Anzahl von Verwarnungen wurde dem sächsischen Kriegswucheramt Mitteilung über 10 051 rechtskräftig gewordene Strafen gemacht, die in der Zeit vom 2. Januar 1917 bis 50. April 1918 von säch­sischen Gerichten wegen Verstößen gegen die Kriegs­verordnungen verhängt worden sind. Diese rechtskräftig gewordenen Strafen ergaben insgesamt eine Summe von 1058 500 Mark. Daneben wurden in mehreren Fällen Freiheitsstrafen, die zusammen rund 25'', Jahre betragen, verhängt.

Die Brieftaube

in Krieg und Frieden.

tk. Die große Heimatliebe und das außerordentlich hochentwickelte Orientierungsvermögen verschiedener Taubenrassen waren schon im frühesten Altertum be­kannt und machten die Taube zu einem der belieb­testen Haustiere der Alten. So spielt die Taube vor allem in der Mythologie der orientalischen Völker eine große Rolle und wird in den ans uns ge­kommenen Schriften des frühen Altertums häufig er­wähnt. Alan war bestrebt, die einzelnen Rassen mehr und mehr zu vervollkommnen. Schließlich gelang es menschlicher Kunst, ans den besonders zur Kreuzung

gceigitelcit Arten neue heranzuzüchten, die mit großer Fluggeschwindigkeit ein gesteigertes Orientie­rungsvermögen verbanden, und aus diesen wiederum ist unsere Militär-Brieftaube hervorgegangen.

Sie sucht stets, an irgendeinem Orte aufgelassen, geleitet durch einen ans Wunderbare geleiteten Orientierungssinn, sofort ihren Heimatschlag aufzu- suchen, und erreicht ihn selbst auf Entfernungen über 1000 Kilometer mit verblüffender Sicherheit. Als mitt­lere Fluggeschwindigkeit rechnet man etwa 1 Kilometer in der Minute. Infolge dieser hervorragenden Eigen­schaften wurde die Brieftaube in früheren Kriegen, wv an unsere heutigen Nachrichtenmittel noch nicht zu denken war, vielfach mit großem Erfolge ver­wandt.

Aber auch dem friedlichen Verkehr wurde sie dienstbar gemacht. Es sei hier z. B. daran erinnert, daß die Entstehung des Wolffschen Telegraphenbu­reaus auf die Errichtung einer Brieftaubenpost zwischen Brüssel und Aachen zurückgeht. Bald wurde sie allerdings auf diesem Gebiete durch Telegraph und Telephon verdrängt, doch hat sie ihre Bedeutung für den Krieg nie verloren.

Der Brieftaubensport breitete sich vielmehr weiter aus und feierte seine höchsten Triumphe bei der Be­lagerung von Paris im Kriege von 1870-71. Wäh­rend dieser für unsere heutigen Begriffe kurzen Zeit wurden Tausende von Meldungen durch Brieftauben nach der eingeschlossenen Stadt und aus ihr heraus befördert. Ter Transport der Tauben zum Auflaß­orte erfolgte durch Ballone. Wenn man bedenkt, daß durch mikrophotvgraphische Aufnahmen ganze Zei­tungen aus dünne Kollodiumhäutchen von wenigen Quadratzentimetern Größe photographiert werden kön­nen, und eine einzige Taube etwa 75 Gramm derarti­ger Häutchen mit Kapseln zu tragen vermag, kann man sich ungefähr eine Vorstellung davon machen, was die Brieftauben für die Pariser bedeuteten.

Daher ist es auch unmittelbar nach dem Kriege 1870-71 das Bestreben unserer Heeresverwaltung ge­wesen, eine ausgedehnte Verwendung der Brieftauben im Kriegsfälle vorzubereiten;

Abgesehen davon, daß sämtliche Festungen Brief­taubenschläge erhielten, schloß das Kriegsministerium mit dem Verbände Deutscher Militär-Brieftauben-Züch- ter-Dereine einen Vertrag, wonach im Bedarfsfälle die Schläge der einzelnen Züchter der Obersten .Heeres­leitung zur Verfügung stehen.

So wurde ein über das ganze Land verbreitetes Nachrichtennetz geschaffen, das wohl imstande war. im Ernstfälle allen Anforderungen gerecht zu werden. Doch hat man sich auch hiermit nicht begnügt. Immer neue Versuche wurden unternommen, um das eigen­artige Nachrichtenmittel weiter auszubauen und zu vervollkommnen. Den schon immer als etwas umständ­lich empfundenen Transport der Brieftauben zum Auf­laßort wußte man geschickt zu umgehen. Die Tauben der Fortisikationsschläge zweier benachbarten Festun­gen wurden daran gewöhnt, Futter und Wasser abwechselnd ans der einen oder der andern Sta­tion zu erhalten. Dadurch gelang es, einen geregel­ten Pendeldienst zwischen den Festungen herzustellen.

Mit der Erfindung der drahtlosen Tele­graphie schien jedoch die Brieftaube als Nachrich­tenmittel plötzlich ihre Bedeutung für alle Zeiten verloren zu haben, und zu Beginn des Weltkrieges wurde kaum damit gerechnet, daß jemals auf die Dienste der Taube zurückgegriffen werden müßte. Aber auch hier zeigte sich der alte Erfahrungssatz, daß maschinelle Einrichtungen wohl in weitgehendem Maße, niemals aber ganz imstande jiitö, ein lebendes Wesen zu ersetzen. Zuerst waren es die U-Boote und Seeflugzeuge, die wegen ihrer Kleinheit nicht mit Funkenstationen ausgerüstet werden konnten, die Brief­tauben ans ihren Fahrten Mitnahmen, und manch eines verdankt seine Rettung aus Seenot einer recht­zeitig eingetroffenen Brieftaubenmeldung.

Ebenso wie hier rechtfertigten aber auch zu Lande weder Funkentelegraphie noch Telephon vollständig die Erwartungen, die man in sie gesetzt hatte. Der lange Stellungskrieg, der in einer derartigen Ausdehnung nicht vorhergesehen konnte, änderte die Taktik von Grund ans, und als zum ersten Male das Wort Trommelfeuer für eine bis dahin nie gekannte zusammengefaßte Artilleriewicknng auftauchte, wurde es immer klarer, daß das Telephon, die drahtlose Telegraphie und das Blinkwesen zur Sicherstellung der rückwärtigen Verbindungen nicht ausreichten. Das rasende Artilleriefeuer zerriß die Leitungen und zerstörte Funk- und Blinkstationen; meist war eine Ausbesserung nicht möglich, und die nach hinten ent­sandten Meldegänger erreichten nur selten oder zu spät ihr Ziel.

Da besann mit sich darauf, daß mau in der Brief­taube einen gefiederten Meldegänger besaß, wie man ihn besser sich nicht wünschen kann. Nachdem man vor Verdun mit den wenigen damals vorhandenen fahrbaren Brieftaubenschlägen günstige Erfahrungen ge­macht hatte, wurden sie in der Sommeschlacht zum ersten Male in größerem Maßstabe als Nachrichten­mittel eingesetzt, und sie bewährten sich hier )v glän­zend, daß eine bedeutende Erweiterung des Brieftau­benwesens vorgenommen wurde. Heute ist unsere ge­samte Front mit Hunderten von Brieslanbenschlägen versehen, die in den Abwehrschlachten des vergan­genen Jahres sowohl wie bei der diesjährigen Offen­sive unseren Truppen hervorragende Dienste geleistet haben. Auch unsere Gegner bedienen sich seit geraumer Zeit der Brieftauben.

^ c . .umfangreiche, unvorhergesehene Erweiterung des Brieftaubenwesens, die in kurzer Zeit geleistet werden mußte, wurde ermöglicht durch die weitest­gehende Unterstützung der Heeresleitung durch den Verband Deutscher Militär-Brieftanben-Züchrer-Ver- eine in Hannover-Linden, der ungefähr 2000 Vereine umfaßt.

1917 lieferte dieser Verband etwa 45 000 Tauben an die Heeresverwaltung ab, und als Bedarf für das lausende Jahr ist die große Zahl voll 100 000 Tauben vorgesehen, von Verein großer Teil schon an die Front abgegangen ist. Sämtliche Tauben des Perbandes tragen als Flügelzeichen das Reichswap- pen, sind dadurch als Militär-Brieftauben gekenn­zeichnet, genießen den gesetzlichen Schutz und stehen im Kriegsfälle der Heeresverwaltung zur Verfügung. Jeder Züchter ist verpflichtet, über seine Tauben ge­naue Listen zu führen und dem Verbände anzugeben, wieviel Tauben er im Bedarfsfälle stellen kann.