Sonntaysgruß
( Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen
Vlv-$5 Gießen, 24. Sonnrag n. Trinitatis, den lo.November l<?l8 7.Iahrg.
Vas Tränental.
Evangelium des Matthäus 11, 28. Kommet her zu mir, alte, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch! erquicken.
Es gibt ein wunderbares Bild, genannt das Tränental, das unsere Zeit mit ihrem tiefen Leid so lebenswahr und tief veranschaulicht. Ein dunkles Tal wird darauf dargestellt, begrenzt von hochragenden Felsmassen. Am Eingang des Tales steht Jesus, er trügt auf der einen Schulter ein Kreuz und seine Hand erhebt er, um alle, die durch das Tränental wandern müssen, -einzuladen, bei ihm Erquickung zu suchen. In dem Tale aber da sehen wir neben dem König, der sein müdes Haupt Jesu zuwendet, Gef-au- lgene in der Last ihrer Ketten. Hier eine Mutter mit -einem toten Knaben auf dem Schoß, dort eine sterbende Mutter, die ihr Mndlein dem .Heiland hinhält. Tie Zahl der Leidenden will immer größer werden, die wir auf dem Bilde sehen, sie haben so verschiedene Lasten zu tragen, aber alle wenden ihren Blick dem einen zu, der Trost und Erquickung und Stärkung bereit hält. Soll uns das Bild nicht lehren, unsere Zeit mit rechten Angen anzusehen? Es gibt unsagbar viel Schmerz in unseren Tagen, Angst, davon die Augen sprechen, Leid, davon die Herzen brechen, wir sind mitten in dem dunkelsten Tränental. Aber Jesus ist auch da genau wie auf jenem Bild. Jesus hebt auch heute die Hand und ladet uns ein: Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Wir müssen nur das Eine recht verstehen, das uns der Maler hat sagen wollen, wir müssen unser Auge, unser Herz, unseren Sinn nur fest auf Jesus hin richten, ihn immer wieder suchen, ihn ergreifen und festhaltcn, dann können wir mitten im Tränental Licht im Herzen tragen in der Gewißheit: Tie mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten!
Geschichten und Bilder ans Alt-Gießen.
10. Das Schikanenhaus.
Es war in den ersten Dezennien des vori- gen Jahrhunderts, als der Kaufherr Ludwrg Gerhard Hast in der Schloßgasse wohnte. Sein stattliches Wohnhaus — jetzt ist es drc Wirtschaft zur Stadt München — überragte die unansehnlichen Häuschen in seiner Umgebung Und schon an seiner Bauart, sowie an seinem vornehmen Aeußereit konnte man auf eine höhere Lebensstellung des Besitzers
schließen. Hinter dem Hause befand sich- ein großer Hofraum mit Lager- und Stallgebäuden, und diesem schloß sich- ein schöner und wohlgepflegter Hausgarten an, der von dem Stadtbach, der vom Lindenplatz zum botanischen Garten floß, begrenzt wurde. Hast betrieb auf diesem Grundstück einen ausgedehnten Großhandel mit Kolonialwaren. Tic Firina >var sehr bekannt und hatte einen guten Ruf.
Zti der gleichen Zeit besaß der Buchhändler Georg Friedrich Hetzer in dem jetzt Konditor Krämerschen Hanse an der Weidengasse außer seiner Buchhandlung -einen welt- bekannten Verlag mit eigner Druckerei. Un- zweiselhaft hat sich- Hetzer um das Aufblühen des Buchhandels große Verdienste erworben. Sein geschäftliches Unternehmen hatte guten Erfolg und brachte ihm großen Gewinn. So konnte er sich auf einem Schanzenhügel des geschleiften Festungswalles vor dem Neuen- Wegertor, an der Stelle, auf der jetzt das Stadltheater steht, ein schönes Wohnhaus bauen. Ein großer Park, der von der Schoor bis über die Johannesstraße hinansreichtze und -eineti Teil der jetzigen Südanlage umfaßte, umgab das Hans. Tie zwei prächtigen alten Kastanienbäume in der Nähe des Torhäuschens zeigen noch die Stelle, an wel- ch-cr das Einfahrtstor zu dieser wahrhaft herrschaftlichen Besitzung gestanden hat. -Tiefe beiden Herren, welche zu den angesehensten und einflußreichsten Bürgern unserer Stadt zählten, waren lange Zeit die besten Freunde, bis ein Streit ausbrach-, der die Freundschaft auflöste und zu einer erbitterten Feindschaft führte. Mit der Zeit -erwarb nämlich Hetzer die dem Hastschen Hause gegenüberliegenden alten Gebäulichkeiten bis zum Kirchenplatz und ließ an deren Stelle einen Neubau-errichten, der durch seine ungewöhnliche Größe allgemeines Erstaunen erregte. Man konnte nicht begreifen, weshalb alle Stockwerke an diesem Hause gegen die Regeln der Baukunst so hoch- ausgeführt wurden, bis es sich- herausstellte, daß damit dem Hastschen Hause jeder Sonnenstrahl entzogen, daß -aber auch- noch andern Häusern und einem Teil der Schloßgasse Luft und Licht genommen w-ar. Ein starker Unwille machte sich infolgedessen in der ganzen Stadt be- merkbar und man verwünschte den Heyerschen Bau, dem man den Namen „SchikanenhaUs" beilegte.
Diese treffende Bezeichnung fand allgemeinen Anklang und hat sich- lange erhalten. Erst später, als keine Leute mehr hier lebten,


