Ausgabe 
6.10.1918
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dem Luftzug getrieben, schräg aufsteigend, in nördlicher Richtung über das ganze Torf, Helle Flammen zuckten an vielen Stellen em­por. Tie Hauptflamme loderte breit uitb hoch gerade vor den: Kirchturm empor, so daß umu diesen nicht sehen konnte. Noch. abends um 9 Uhr war es ein ausgedehiites Feuer­meer. Brot und Kaffee sowie Kleidungsstücke wurden schon am Tage nach dem Brande in ziemlicher Menge von hier nach Heuchelheim gebracht, weitere Vorbereitungen wurden für die nächsten Tage getroffen, zur Sammlung von Geld trat ein Komitee zusammen. 54 Familien waren obdachlos und hatten nur weniges retten können, das Vieh war zer­sprengt, viele Kinder wurden gesucht. Ta- baksfabrikant Gail hatte schon während des Brandes einen ganzen Wagen obdachloser Kinder hierherbringen lassen. Viele Abge­brannte hatten sich in die Kirche geflüchtet, dazu eine Anzahl Katzen und Hühner. In allen Kreisen des Großherzogtums wurde Geld zur Unterstützung der Abgebrannten ge sammelt, und insgesamt 18 677 Gulden »er teilt.

Anfang September herrschte in einigen Häusern an der Ecke des Lindenplatzcs und der Hundsgasse der Typhus, dem mehrere Opfer im Alter von 1522 Jahren erla­gen. Man suchte die Ursache in dem dort stehenden schlechten Brunnen und in dem dort hcrziehcnden Stadtgraben. Am 4. Sep­tember kam ein Bataillon preußischer Garde nach Gießen, rastete hier einen Tag und zog dann weiter nach. Coblenz. An demselben Tage wurde dem Bürgermeister Vogt von dem Herrn von Briefen seine Tienstent- lassung zngcschickt, und der erste Beigeordnete Heinrich Ferber mit der Tienstversehung be- dwtragt aus dem Grunde, weil Vogt eine Mliricht in demFrankfurter Journal", daß die Stadt Gießen oder Bürgerschaft Gießen um Einverleibung in Preußen nach­gesucht hätte, dahin berichtigt hatte, daß ein solcher Wunsch bei der großen Mehrheit nicht vorhanden sei und daß das Gesuch von einer kleinen Anzahl ausgegangen sei. ?Man sieht hieraus, wie schwer es für einen Beamten in einem besetzten Gebiete während eines Krie­ges ist, seine Stellung zu behaupten.) Un­gefähr seit dem 10. September war die MainWeser-Bahn ganz für den Transport der heimkehrcnden norddeutschen Truppen in Anspruch genommen, die Züge gingen Tag und Nacht, weil auch die in Böhmen stehende Armee zum Teil auf dieser Linie zu­rückbefördert wurde. Vom 13.17. Septem­ber lagen hier zwei Bataillone Hamburger mit schöner Musik, die täglich vor dem Ein­horn oder dem Prinzen Karl konzertiert

Am 18. September, nachdem der Friede zwischen Preußen und Hessen schon geschlos­sen war, kam zum erstenmal wieder die Darmstädter Zeitung" nach Oberhessen. Bürgermeister Vogt war unterdessen wieder m sein Amt eingesetzt worden. Wenige Tage nachher kehrten die Soldaten, die den Feld­

zug mitgemacht hatten, hierher zurück, sie wurden am Bahnhofe von einer großen Menge und mit Musik empfangen. Ein aus Großen gebürtiger Soldat war seinen Wun­den 'erlegen, ein anderer war leicht verwun­det worden. In diesem Monat war die Cho­lera nach. Starkenburg und Rheinhesscn ver­schleppt worden, Oberhessen blieb davon ver­schönt.

Durch den Friedensschluß vom 3. Sep­tember waren die Gemeinden Crumbach, prankcnbach, Fellingshausen, Rodheim, Kö­nigsberg, Waldgirmes, Naunheim und Her­mannstein vom Großherzogtum Hessen ab­getrennt worden. Ten abtretenden Bürger­meistern ßu Ehren wurde im Zinßer'schen (jetzt Steins) Garten ein Abschiedsessen ver­anstaltet. Bei der Pfarrkonferenz am 23. Oktober und bei der Generalkonferenz samt- licher Lehrer des seitherigen Kreises Gießen am 24. Oktober wurden den nun unter preu­ßische Oberhoheit tretenden Geistlichen und Lehrern die besten Wünsche ausgesprochen.

Am 28. Oktober wurde die neu erbaute Krrche zu Kleinlinden eingeweiht, an: glei­chen Tage wurde die neue Turnhalle dem Gebrauch übergeben.

(Fortsetzung folgt.)

Hundertjahrfeier des Theologischen Seminars zu Herborn.

.In Herborn war im Jahre 1584 eine Universität begründet worden, die bis zum Jahre 1811 bestand. Um wenigstens die theo­logische Fakultät nicht auf die Tauer zu ver­lieren, erließ die nassauische Landesregierung am 25. Juli 1818 eine Verordnung über Errichtung eines neu zu gründenden theolo­gischen Seminars, das am 12. Oktober 1818 in der alten Aula der Hohen Schule eröffnet wurde. Tie ersten Professoren waren Spiekcx und der spätere Landesbischof Heydenreich. Tie Hauptaufgabe des Seminars bestand in der praktischen Vorbildung der Kandidaten für das Pfarramt. Anfangs wähnten diese bei Herborner Bürgerfamilien. Als 1880 das alte Schloß in den Besitz des Zentral­kirchenfonds überging, würden in diesem ne­ben der Tirektorialwohnung auch! Wohn- räume für die Kandidaten eingerichtet. An der Spitze des Seminars steht zur Zeit Pro­fessor O. Knodt; ihm zur Seite stehen die beiden Herborner Pfarrer Tekan Professor Haussen und Pfarrer Weber. Ms Herbst 1914 besuchten 717 Kandidaten das Semi­nar, das seit Ostern 1915 geschlossen ist, da das Vaterland auch die jungen Theologen in einen Dienst berief. Doch wird am 15. bis 16. Oktober eine würdige Jahrhundertfeier veranstaltet werden.

Bemerkt sei, daß das evangelische Predi­gerseminar Friedberg erst im Jahre 1837 begründet worden ist. Ob der Betrieb dieser Anstalt im kommenden Winter weitergehen