Gießen, 15. Sonntag n. Trinitatis, den 8. September 1918
Gebetserhörung.
©üangeUum des Matthäus 7, 7. Bittet, so lüttb euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so tvird euch ausgetan.
Erhört Gott unsere Gebete, und zwar unbedingt? Das ist eine Frage, die nach den Erfahrungen des Lebens, vollends jetzt im Weltkrieg, bei fast uns allen schmerzliche Empfindungen Hervorrufen wird. Wieviel Millionen heißester, inbrünstiger Gebete, auch derer, die nicht bloß schnell in der Not sich aus „den lieben Gott" besannen, sind in diesen Schreckens- und Todesjahren unerhört verhallt! Und doch sagte Jesus in der Bergpredigt: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan." Und wenn er! fortsährt: „Tenn, wer da bittet, der emp-j fängt", so verleiht er seinem Ausspruch gar die Autorität des Allgemeingültigen, so daß j ein Weiser unserer Tage im Blick daraus sa-! geu konnte: es gibt nicht nur Naturgesetzej des Körpers, sondern auch der Seele. — j Zehen wir das Jesuswort mit deni darauf j folgenden Beispiel, wie irdische Väter sich zu den Bitten ihrer Kinder verhalten, bei Matthäus an, so hat der Evangelist es hier nur für einen besonderen Fall herangezogen,
' nämlich um dazu zu ermuntern, es bei den nach menschlicher Erfahrung für das Heilige Unempfänglichen mit brünstigem Gebet zu Gott, bei dem kein Ding unmöglich ist, zu j wagen. Ter Vollsinn jener berühmten Vcr- 1 heißung vom Bitten, Suchen, Anklopfcn wird uns aber erst aus Lukas 11, 1—13 klar, und damit zugleich das eigentliche Wesen von Gebet und Erhörung. Danach bittet den Meister einmal einer seiner Jünger, sie recht beten zu lehren. Jesus willfahrt ihm, indem er ganz kurz die. Grundgedanken des „Vater unser" nennt und, um die Gewißheit zu geben, daß solches Gebet immerdar seine Erhörung findet, unmittelbar daran das Gleichnis vom Freunde erzählt, der um Mitternacht beini andern anklopft, daß er ihni drei Brote leihe. Der wehrt sich lange, kann aber schließlich diesem unablässigen Flehen nicht widerstehen. Aus diesem Einzelsall leitet Jesus dann das obengenannte Allgemein- gcsctz ab, um zum Schluß auch hier am Beispiel der irdischen Väter zu zeigen, daß der himmlische Vater erst recht solch bittendes Menschenkind erhören ivird. Wird ein irdischer Vater wohl seinem Sohn, der um Brot bittet, einen Stein, statt des Fisches eine Schlange oder lbci Lukäs) für ein Ei einen
giftigen Skorpion geben, der, zusammengerollt, dem Ei ähnelt? Schon aus diesen Bespielen ergibt sich eine gewisse Antwort, wie Jesus die unbedingte Gebetserhörung aufgefaßt wissen will: Sowenig Gott statt des erbetenen Notwendigen etwas Unnützes, statt des Nützlichen etwas Schädliches geben wird, so gewiß wird er umgekehrt auch nur wahrhaft Notwendiges und Brauchbares geben, selbst wenn wir noch so uugeberdig um das bitten würden, was uns nicht frommt. Gebeten aus dem Geist in der Richtung des „Vater unser"- kann Gott — hier darf man wohl sagen: nach dem Naturgesetz der Seele — nicht widerstehen, wenn wir tuirflicfj bitten, suchen, anklopfen, d. h. wenn unsere Seele in dauernder, immer ziel-bewußtereil Bewegung auf Gottes Liebe hin gerichtet bleibt. Um jeden Zweifel auszüschließen, was unbedingt in den Kreis göttlicher Gebetserhörung fällt, nennt es Jesus OoIIcnbS ausdrücklich noch in beiden Evangelien: bei Matthäus ist es „Gutes", wobei dem Urtext gemäß nur an geistig Und ethische Würdiges zu denken ist; bei Lukas vollends ist es die eine, beste Gäbe, die Gott nie verweigern wird, wenn ttnr ihn ernstlich bitten: „heiliger Geist". Wer nun ist viel eher zu fürchten, daß unserer vorwurfsvollen Frage, warum Gott unsere Gebete nicht erhört, der Ewige mit der Gegenfrage antworten wird, ob wir schon jemals im vollsten Ernste „gebeten, gesucht, angeklopft" haben um das, wofür Jesus allein bedingungslose Erhörung zusagte.
Die Stadt Gietzen in den Jahren *86* bis *869.
(Fortsetzung.) 1 1865.
Die Polizei suchte den Täter zuerst in der Ferne, nach allen Richtungen wurden scheinbar Verdächtige verfolgt, deren Unschuld aber bald an das Tageslicht kam. Um so mehr Schrecken erregte diese Tat, als am Sonntag, dem 11. Juni, anscheinend ein ähnliches Verbrechen versucht werden sollte. Der Schneider Sommer von Watzenborn wurde nämlich auf dem Wege von Lich nach Garbenteich> im freien Feld von einem Wann in Kittel und Quasteukappe verfolgt und mit einem Knüppel auf die Schulter geschlagen. Nur durch die Flucht und unter Zurücklassung seiner Habseligkeiten entzog er sich weiteren Mißhandlungen, seine Sachen wurden später im
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