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Sonntagsgruß
( Gemeindeblatt für die evangelische Rirchengemeinde Gießen
Nr- 35 Gießen, 1^. Sonntag n.Trinitatis, den l. September 1918 7-Iahrg.
Durch Gottes Fügung!
Brief an die Ephefer 2, 21. Aus welchem der ganze Bau in einander gesüget, wächst zu einem heiligen Tempel in dem Herrn!
Der Sedantag ruft Uns Deutschen wieder das herrliche Bekenntnis des alten Kaisers in Erinnerung: Welch eine Wendung durch Gottes Fügung! Haben wir's nicht oft schon ergreifend in dem gegenwärtigen Weltkrieg erlebt, wie wunderbar Gott unsere Sorgen zum Besten gelenkt! Es ist ein gewaltiger Bau, den der Allweise ausgerichtet hat mit dem deutschen Volk und dem Deutschen Reich in der deutschen Geschichte. Uttö- er ist noch am Bau, der allmächtige Bauherr hat auch : gegenwärtig Bauzeit und will durch den > Weltkrieg das deutsche Volk groß und herrlich machen. Aber eins ist dazu nötig, daß unser Volk sich gründen taffe auf den einzig sicheren Grund und Eckstein, auf die Gnade Jesu Christi.
Hast auch du schon dein „Sedan" erlebt, den Tag, an dem du lobpreisend bekanntest: Welch eine Wendung durch Gottes Fügung! ? Das Menschenleben liest sich wie ein hebräisch geschriebenes Buch, von hinten nach vorn; es sieht sich an wie ein Teppich zunächst von der falschen Seite, auf der uns die verschlun-l gelten Fäden sichtbar werden ohne -Ordnung und Maß, aber am Ende dann die richtige Seite mit dem herrlichen Bilde feinster We- j bcrei läßt sich hinieden nur erkennen in Teil-; skizzen und unvollkommenen Abrissen, aber droben überschauen wir den ganzen wunder- weisen Bauplan des himmlischen Meisters. Dann und wann läßt es Gott uns ahnen, j daß wir staunend stille halten müssen an den Kreuzungen, Meilensteinen, Wcndepuitkten unseres Lebens, lvie treu er uns führt. Sorgen wir nur dafür, daß unser Leben den rechten Grund hat, die Gemeinschaft mit dem Herrn, der Ausbau liegt in seinen Händen! Wunderanfang, herrlich Ende Wo die wunderweisen Hände Gottes führen ein und aus. Wunderweislich ist sein Raten Wunderherrlich seine Taten,
Und du sprichst: Wo will's hinaus?
Die Stadt Gietzen in den Jahren *86* bis *869. 4 _
(Fortsetzung.)
Wenige Monate später starb auch der Geistliche der katholischen Gemeinde, der pensionierte Professor an der vormaligen katholisch-theologischen Fakultät zu Gießen, der | Pfarrer Johann Jakob Fluck, im Alter von
63 Jahren, ein ehrenwerter und friedlich gesinnter Mann und treuer Seelsorger seiner Gemeinde. Seine Beerdigung fand am 5. Juli statt. Viele katholische Geistliche und zahlreiche Teilnehmer hatten sich eingefunden. Die evangelischen Geistlichen gingen im Ornat mit, außerdem hatte sich der Kirchen- vorstand und Schulvorstand mit den Lehrern angeschlossen. Den evangelischen Geistlichen war der Platz unmittelbar vor dem Leichenwagen angewiesen worden. Wie bei der Beerdigung des Geheimen Kirchenrates Dr. Engel die Glocken der katholischen Kirche geläutet worden waren, so auch bei diesem Be- Igräbnisse die Glocken der Stadtkirche. Die Grabrede hielt der katholische Dechant von Ockstadt.
Vom 17. bis 23. September wurde in Gießen die 39. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte gehalten. Für die verhältnismäßig Keine Stadt war diese Versammlung zwar zu groß, aber sie kanrchoch in einer Weise hier zustande, die der Stadt und Universität zur Ehre gereichte. Im Jahr zjnvor hatte man in Stettin Gießen als nächstjährigen Versammlungsort gewählt und die Professoren Wernher und Leuckart zu Geschäftsführern bestimmt. Die Staats- tegierung hatte dieser Tagung 2175, die Stadt 2000 Gulden bewilligt. Im Buschi- schen (jetzt Steins) Garten hatte_ man im Zusammenhang mit dem Saale eine große Festhalle erbaut, zu der der Stadtvorstand das nötige Bauholz unentgeltlich geliefert hatte. Ein Tageblatt für die Zeit der Ver- sanunlnng wurde von Gymnafiallehrer Tr. Büchner herausgegeben. Im Wartesaale 1. Klasse wurden die auswärtigen Festgäste empfangen und von Turnern und Knaben aus allen Ständen in die ihnen zugewiesenen Quartiere geleitet. Es wurden 600 Gäste erwartet, die Zahl der Teilnehmer aber betrug 1083 'Die ganze Stadt war festlich ^geschmückt. Ueberall sah man Fichten, Kränze und Fahnen. Von den angebotenen Wohnungen blieben trotz der großen Teilnehmerschar viele unbesetzt. Viele Einwohner, die zwei bis drei Gäste beherbergen wollten, erhielten nur einen, manche gar keinen. Tie allgemeinen Versammlungen wurden im Klubsaale gehalten. Hierbei begrüßte der derzeitig^ Bürgermeister Metzgermeister Vogt die gelehrte Versammlung, lieber sein Auftreten Urteilte der Korrespondent der „Kölnischen Zeitung" in seinem Blatte: „Die erste Sitzung heute früh im Klubsaale bot wie stets nur wenig Interesse. Man kennt den Inhalt der offiziellen Begrüßungsreden, sie unterscheiden sich im allgemeinen nur durch die


