Einzelbild herunterladen

122

lichen Vorgänge ist Aar und anschaulich. Ter nicht mit seinem Namen genannte Verfasser schreibt folgendes:

Tie Stadt Gießen war damals weit klei­ner, als sie heutzutage ist. Tie Ringmauer der alten Stadt begriff den kleinen Raum zwischen den vier Toren, dem Burgtor, das noch heutzutage d^r Ausgang des Kanzlei­hofes ist, der Selzerpforte (an der Ecke zwi­schen Mäusburg und Kreuz), der noch vor­handenen Stadtpforte an der Neustadt und der Waldpforte oder Wallpforte. Straßen außerhalb der Stadtmauer oder Vorstädte waren die Straße vor dem Walltor, die Neu­stadt, der Selzersweg, der Sand^ oder Reichensand und die Mühlgasse. Tie Stadt­mauer war 5 bis 6 Schuh dick, hatte eine beträchtliche Höhe, mit Türken zu ihrer Ver­teidigung. Noch^ jefet sieht man die Ueberreste dieser starken, hohen Mauer, welche 1530 abgebrochen wurde, zu beiden Seiten der Stadtpforte, besonders nach den alten Stäl­len zu. Auch in der Stadt waren noch be­sondere Kastelle, nämlich das Schloß oder die alte Burg (jejjt Kanzleigebäude), die Burg der Burgmannen, deren Platz durch den Na­menauf dem Burggraben" augedeutet wird, und die Mäusburg oder Müseöurg, welches Wort nach! seiner ursprünglichen Bedeutung Vorratshaus bedeutet.

Schon hatte die Belagerung sechs Wochen gedauert, ohne daß die Belagerten zum Ziele gelangen konnten, ein Beweis der Ausdauer !und Erbitterung beider Parteien und der heldenmütigen Verteidigung der Belagerten. Es ist wahrscheinlich, daß die Vorstädte Neu­stadt, Seltersweg und Wallpförter Straße bald überwältigt wurden. Auch ist es nicht zu bezweifeln, daß die Belagerer in dem Dorfe Selters auf dem Seltersberg mit sei­ner alten Pfarrkirche St. Peters, welche nicht weit von der nachmaligen Schneidemühle stand, einen festen Punkt faßten. Tic Be­lagerer ließen ihre Wurfmaschinen spielen, sie fetzten Sturmleitern an, aber ihre Be­mühungen wurden durch den Mut und die Tapferkeit der kriegerischen Gießener verei­telt. Tiefe fochten von der Mauer und ihren Türmen h>erab mit Pfeilen, Wurfbihelu und großen Mauerschwertern, schleuderten Steine herab und beunruhigten den Feind durch Ausfälle. Es geschahen damals Heldentaten, Würdig, von der Nachwelt gefeiert zu werden. Aber ihr Gedächtnis ist verschwunden; denn es war kein Geschichtsschreiber und kein Dich­ter vorhanden, welche sie den Nachkommen überliefert hätten.

Die Mainzischen Krieger mit ihren Bun­desgenossen, den Ziegenhainern, Fuldern, Wittgensteinern, Solmsern verzweifelten be­reits, daß sie die Feste zu überwältigen ver­möchten. Man stand überhaupt in jenem Zeitalter in der Kunst der Belagerung der Städte weit zurück. Da erschien Erzbischof Balduin von Trier, ein geborener Graf von Luxemburg, Bruder des heldenmütigen Kai­

sers Heinrich VII., bei dessen Feldzügen, be­sonders in Italien, er sich als einen erfahre­nen Feldherrn gezeigt hatte. Er brachte ein auserlesenes Heer alter Soldaten mit, ließ aufs neue und wiederholt stürmen und war so glücklich, die Mauer zu ersteigen. Den Belagerten, nachdem sie sahen, daß aller Widerstand umsonst sei, blieb nichts übrig, als sich in die Gnade und den Gehorsam der Sieger zu ergeben. Matthias zwang die Be­wohner der eroberten Stadt, ihm zu huldi­gen, belegte sie mit einer Besatzung und eilte mit seinem Bundesgenossen, dem Erzbischof Balduin, die Stadt Boppard, welche sich wi- der die Trierische Herrschaft aufgelehnt hatte, zum Gehorsam zu bringen.

Tie Mainzische Besatzung betrug sich k der Stadt mit vielem Uebermut und erlaubte sich Ausschweifungen mancher Art. Tie Be­drängnisse, welche die Einwohner von Gießen durch den Uebermut der M ainzischen Solda­ten zu erdulden hatten, brachten in ihnen einen heldenmütigen Entschluß zur Reife. Im Gefühle ihrer Kraft verbanden sie sich insgeheim, lieber einen ehrenvollen Tod zu suchen als das Joch eines Eroberers länger zu ertragen. Schon hatte die Besatzung bei­nahe sechs Wochen gewährt. Sie schickten insgeheim eine Botschaft an den Landgrafen nach Marburg, taten ihm ihren Entschluß kund und baten, daß er an dem bestimmten Tage mit einer hinreicheirden Mannschaft in ihrer Nähe erscheinen möchte. An dem ver­abredeten Tage überfielen sämtliche waffen­fähige Bewohner von Gießen die Mainzische Besatzring und schlugen sie aus ihren Toren hinaus. Die Feinde wurden hieraus auch laus der ganzen umliegenden Gegend ver­trieben. Ter Landgraf legte noch mehrere wehrhafte Männer in die Stadt, nahm noch einige neue Burgmannen auf und ließ die beschädigten Festungswerke ausbessern und die Tore verwahren.

Ter Tag, an welchem die Bewohner von Gießen die Befreiung von ihren übermüti­gen Feinden durch ihre Tapferkeit errungen, ist nicht bekannt, ob er gleich verdient hätte, als ein Volksfest von der Nachwelt gefeiert zu werden. Er fiel in die letzten Tage des Septembers. Es ist möglich, daß die soge­nannte Kirmes, welche von unseren Vor­fahren auf den Barthvlomäusmarkt Ende August gefeiert wurde und deren Gedächt­nis beinahe ganz erloschen ist, auf dieses Er­eignis eine Deutung hat.

Während dieser Ereignisse staird Gießen unter dem Landgrafen Otto. Dieser starb am 17. Januar 1328. Sein Nachfolger war der Erbprinz Heinrich der Eiserne. Der Haß des Erzbisch!vfs Matthias gegen den Vater erbte sich auf den Sohn fort. Er betrachtete die Bewohner Hessens, hauptsächlich Gie­ßens, als Rebellen und traf furchtbare An­stalten, sie in einem neuen Feldzüge zu züch­tigen. Er verband sich enger mit den beiden Grafen Johann und Heinrich von Solms

0