Nr. 48. Bietzen, Sonntag 1. Advent, den 3. Dezember 1916. 5. Jahrgang.
Advent.
von Generalsuperintendent v. R li n ge ma n n - Eoblenz.
Evangelium des Matthäus 4, 17. van der Zeit an fing Iesus an. zu predigen und zu sagen: Tut Vutze; das Himmelreich ist
nahe herbeigekommen.
Rdvent feiern heißt warten und hoffen auf Gottes Reich. Und darin liegt in dieser Zeit für unsren Glauben eine große Aufgabe beschlossen. Cs will uns wohl bedünken, als sei im Rampfgewühl unsrer Lage Gottes Reich uns fern gerückt, als sei alles, was wir sonst vom Rommen dieses Reiches zu spüren meinten, jäh und gewaltsam unterbrochen. Und doch ist uns der Glaube an die Wirklichkeit der Herrschaft Gottes unentbehrlicher denn je, kein Gedanke unerträglicher als eine Verdunkelung der Wege und Ziele Gottes, die durch alles irdische Geschehen sich hindurchziehen, wir suchen für unser liebes Volk klar umrissene Ziele des harten Ringens, wir holten fest an dem Glauben an eine aus Rampf und Opfer sich gestaltende neue, gesegnete Zeit, wie viel mehr tut uns der Glaube an ein überzeitliches Ziel not, an das Rommen der Vollendung, auf die unser tägliches Gebet gerichtet ist: Dem Reich komme! Unlösbar ist dieser Glaube von unsrem Glauben an Jesu Person und Werk. Ls ist doch dieses Reich Inhalt seiner Rotschaft gewesen, die große Wirklichkeit, in der und für die er lebte, arbeitete, litt und starb.
Grade darin aber unterscheidet sich Jesu Rlarheit über das werden des Himmelreiches von aller Ungeduld seiner Zeitgenossen, daß er nirgends von raschem, kampflosem Rommen dieses Reiches redet, daß er von gewaltigen Erschütterungen weiß, die der ersehnten Zeit der vollendeten Gottes- Herrschaft voraufgehen müssen. Die wundersüchtigen Pharisäer, die ungeduldigen Jünger lehrt Jesu auf die Zeichen der Zeit achten. Und zu diesen Zeichen der Zeit rechnet er auch Rrieg und Rriegsgeschrei. wir maßen uns nicht an, die gewaltigen Ereignisse unsrer Tage in ihrer Beziehung auf Gottes Reich zu deuten, aber wir wollen achten auf die Zeichen der Zeit. Sie mögen wohl an die furchtbaren Rilder der Offenbarung uns erinnern, an die über die arme Erde ausgegossenen Schalen des Zorns, an die über zerstampfte, verwüstete Fluren dahinbrausenden Reiter, in deren Hand alle Macht des Verderbens gelegt ist.
Über wir lassen uns daran erinnern, daß Gottes walten auch in dem Zeichen des Zornes und des Gerichts uns offenbar wird. Es war uns wohl die Liebe Gottes zu einer allzu menschlichen Vorstellung geworden, zu einem Ruhekissen für unsre lässige Bequemlichkeit. In der Not des Rrieges hat der Maßstab versagt, den wir an Gottes walten anzulegen uns gewöhnt hatten. Gott ist uns wie den Vätern vor hundert Jahren, im Flammenglanz erschienen,' wir sehen seine Größe in Geschehnissen, die über all unser Verständnis und all unsre Deutungsversuche hinausragen, wir müssen darauf verzichten, seine waltende Gerechtigkeit nach unsren Maßen und Begriffen zu messen, wir sehen und erleben eine Fülle von Leid, die unsrer Erklärungsversuche und Trostgründe spottet. Und doch muß er es sein, der unsrem Glauben jolche Lasten auflegt, der Gott, der größer ist als unser Herz, dessen Gedanken und Wege soviel höher sind als unsre Gedanken, wie der Himmel höher ist als die Erde. Zorn und Gericht sind nicht Gegensätze zu der Liebe, an die wir glauben, sondern die Liebe, die uns helfen soll, kann nicht sein ohne Zorn und Gericht, wo Gott den zerstörenden Gewalten Raum läßt, müssen sie seine Befehle ausrichten und seinem Reich, seiner Herrschaft die Bahn bereiten.
Und wir meinen schon zu spüren, wie unter der züchtigenden Hand Gottes nicht allein unsre Vorstellungen sich klären, sondern unsre Gedanken Und Hoffnungen sich reinigen. So sehr die Zeit mit ihren gewaltigen Ereignissen und Neubildungen uns gefangen nimmt, so sehr wir in der Zeit auf ein ersprießliches Ende des unsrem Volke verordneten Ramp- fes hoffen, lernen wir doch zugleich über die Zeit hinaus-, blicken. Es ist um Größeres uns zu tun als um das eigene Geschick, um Größeres noch als um den Rusgang des Weltkrieges und unsres Volkes neu errungene Weltstellung ; wir hoffen aus Gottes Reich, auf neue Gestaltung seiner Heilsgedanken an unsrem Volk und über alle Grenzen der Völker hinaus.
wie wir im Rrieg auf Gott uns haben besinnen lernen, so können wir den Rrieg nur als ein Zuchtmittel in seiner gewaltigen Hand verstehen, als einen Uebergang zu einer Zeit neuen, vertieften Glaubens und neuer Werke der Liebe, die aus dem Glauben fließt. Mitten im Streit sind die Rräfte des Glaubens und der Liebe lebendig geworden, die im Streit


