Nr. 47. Gießen, Sonntag 23. nach Trinitatis, den 26. November 1916. 5. Jahrgang.
Auf dem neuen Zriedhofe zu Gießen.
Ansprache, gehalten am 21. November (Totensonntag) 191^5.
1 Brief des flpoftels Petrus 1. 3 u. 4. (belobet fei Gott und der Vater unferes Herrn Iefu Christi. der uns nach feiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren bat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Iefu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelküchen Erbe, das behalten wird im Himmel.
Lin seltener, ein ungewöhnlicher Gottesdienst ist es, den wir, liebe Gemeinde, heute, am Zpätherbstnachmittage, am Totensonntag, hier feiern, ungewöhnlich vor allem^durch den Grt, an dem wir uns in dieser Stunde befinden. Zwar, um zu Gott und seinem himmlischen und unvergänglichen Reiche die Blicke emporzurichten, dazu kommen wir sehr oft hier zusammen. Dann kommen wir alle Male hier zusammen, wenn es gilt, einen der Unseren, den der Herr abgerufen hat, in sein Buhekämmerlein zu legen. Uber zu einem eigentlichen Gottesdienste ist die Gemeinde Gießen seither nur zweimal hier zusammengekommen, einmal vor zwölf Jahren, als dieser Gottesacker durch den damaligen Pfarrer Dr. Uaumann geweiht wurde, und sodann im vorigen Jahre am Nachmittage des Totensonntages. Uber, ich wüßte keinen besseren Grt, an dem der Christ mit andächtig gestimmtem Herzen seinem Gott im Beisein Gleichgesinnter dienen könnte, als gerade diesen unseren Friedhof. Ningsherum die Kreuze und die Leichensteine, ringsherum die Grabhügel, die Lebensbäume und die Blumen, mit denen die Liebe, zumal an diesem Tage, die Gräber geschmückt hat. Me mahnt dies alles in so ernster weise, die Welt, die Eitelkeit und Lust der Welt einmal zu vergessen und das Herz auf das eine zu richten, das not ist. Tine wunderbare Lage hat dieser Gottesacker, wie ruhig und still ist es hier in der Begeh nur der wind weht hier oben, nur das Geräusch der Eisenbahn ist zu hören und im Frühling der Bus des pflügenden Uckersmannes von dem Felde. Fernab liegt die Welt und ihr Treiben, wie frei und ungehindert ist der Blick von diesem Berge mit seiner roten Erde, der Blick auf die Stadt, die Dörfer, die Wälder, die Zeld- gebreite, auf den Fluß und die alten Burgen. Der Grt allem tröstet und beruhigt den, der mit seinem Gram und Herzeleid hierher kommt, er prägt ihm das Wort des psalmisten ein: Ich hebe meine Uugen auf zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt, (meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. So sollten alle Friedhöfe
liegen, daß man von ihnen heruntersehen kann auf die Dächer, unter denen die Menschen arbeiten, leiden, weinen, lachen und endlich sterben.
Eine Gedenkfeier ist es, die uns heute hier zusammengeführt hat. wir gedenken in erster Linie derer, die hier seitwärts unter den ganz gleichmäßig, einfach und schlicht, aber würdig geschmückten Grabhügeln ruhen, unter den Gräbern, die später einmal von rauschenden Tannen umsäumt sein werden. Tapfere deutsche Krieger, zum Teil Söhne unserer Stadt, zum größten Teil aber Söhne aller deutschen Gaue, die in den hiesigen Lazaretten ihrer Verwundung oder Krankheit erlegen sind, haben hier ihre Buhejtätte gefunden. Sn der Jugend, in der Vollkraft der Jahre sind sie für das Vaterland in den Tod gegangen, ein heiliger Tod, ein seliger Tod war ihnen beschieden, sie sind gestorben nach dem Worte unseres Herrn und Heilandes: Biemand hat größere Liebe, denn daß er sein Leben lässet für seine Freunde. Sie ruhen nun aus von allem Streit, sie ruhen von ihren Werken, unser Dank aber bleibt. Bn ihren Gräbern wollen wir heute geloben, daß die Erinnerung an ihre Treue nimmermehr aus unseren Herzen schwinden soll. Keinen auch von denen wollen wir vergessen, die aus unserer Mitte in den heiligen Kampf gezogen sind, aber nie mehr an das Ufer der Lahn und in die mit dem ganzen Liebreize des mitteldeutschen Landes geschmückte Heimat zurückkehren. Sn dieser Stunde, am ernsten Totensonntage treten vor unser geistiges Buge auch alle die vielen Tausende aus dem ganzen lieben, deutschen vaterlande, die in der Zeit vom l. Bugustl 1914 bis heute ihr Leben für uns dahmgegeben haben, die opfermutigen Männer und die begeisterten Jünglinge, die treu waren bis an den Tod. Tin Volk, das seine gefallenen Helden vergessen würde, wäre reif zum Untergang.
wir gedenken aber auch derer, die etwas unterhalb von diesen uns so teuren Gräbern den ewigen Schlaf schlafen, wir gedenken unserer hier zur Buhe gebrachten Feinde. Unsere Feinde, so sagte ich soeben, ach, ich denke, wir wollen diesen Busdruck jetzt doch fallen lassen. Sm Leben waren sie unsere Feinde, jetzt aber, da ihr „sterbliches Gebein arm im Staub sich schmieget", sind sie nicht mehr unsere Feinde, sie sind jetzt ja jenseits von Kampf und Streit und wildem Völkerringen. Bls sie lebten, haben sie nur ihre Schuldigkeit getan, vielleicht wollten die hier Buhenden den Krieg so wenig wie wir,


