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Äonntagsgrusz

Gememöeblatt

süröie evangelische Kirchengememöe

Gieszew

Nr. 45. (Sieszen, Sonntag 21. nach Trinitatis, den 12. November 1916. 5. Jahrgang.

Zeit und Ewigkeit.

Evangelium des Lukas 10. 20. Freuet euch aber, daß eure Namen im

Fimmel geschrieben sind.

vor dreißig Jahren bin ich in der Stadt, die sich in der Talniederung ausbreitet, auf die westwärts steil aufragende, grüne Berge herniederschauen, gut bekannt gewesen. Ich kannte die Däuser und kannte die Menschen. Sämtliche Fir­menschilder der Hauptstraße hätte ich abends im dunklen Zimmer an den Fingern herzählen können. Die stadtbekann­ten, alten Originale, die Männer und Frauen, die durch ihr seltsames Gebühren und ihre abspurigen Gedanken auffielen, habe ich bis auf diesen Tag nicht vergessen. Von den meisten der damals dort lebenden Familien kannte ich zum mindesten die Namen. Ich wußte, was die alten, würdig wandelnden Herren für eine Lebensstellung hatten und was man in der Stabt von den jungen Leuten erzählte. Es gab keine Sack­gasse und keinen noch so finsteren Mnkel, die ich nicht be­treten habe, keinen Hof, in den ich nicht schon einmal hinein­geschaut. von meinen Lehrern und Mitschülern will ich nicht weiter reden,' daß ich sie gekannt habe, wird mir jeder glauben. Ost hatte ich auf der Straße zu grüßen, die Lehrer durch Kbnehmen der Mütze, die Mitschüler weniger respekt­voll, durch Kopfnicken und ein kurzes Wort.

wenn ich nun wieder dorthin komme, so gehe ich als ein ganz Fremder durch die Straßen, die mich einst als Heran­wachsenden gesehen haben, vieles ist mir noch innig vertraut: der hochragende Kirchturm mit dem großen Zifferblatt, die Schule, einst ein Zranziskanerkloster, wo aus drei Seiten des alten Kreuzganges die Klassenzimmer liegen, das nebenan­liegende Hospital, wo Rite und Sieche Kühe nach der Unrast des Lebens gefunden haben, die eigenartigen Häuser auf den Brückenpfeilern, der Friedhof mit seinen rauschenden Bäumen, der Berg mit seinen Trümmerresten. Uber vieles ist anders geworden. Die Namen auf den Firmenschildern haben sich fast ausnahmslos geändert, winklige Häuser Haben stattlichen Neubauten Platz gemacht, neue Stratzenzüge sind zu der Stadt hinzug-ckommen, die alte Straße, die weit hinaus in die alte Kurpfalz führte, ist in ärgerlicher weise durch Lisenbahn- bauten verunstaltet worden, vor mehreren Iahren suchte ich den Turnplatz, auf dem ich in der Zeit, wo von den Leibes­

übungen noch nicht so viel und so laut geredet wurde als heute, manchen Nachmittag zugebracht habe; ich fand ihn nicht mehr, allerhand wirr durcheinander liegende Gebäude machten mich ganz unsicher, so daß ich den alten Platz gar nicht mehr bestimmen konnte.

Bei meiner jüngsten Anwesenheit ließ ich im Gespräch mit einem Jugendfreunde die Familien und die Mitschüler chon ehedem an meinem geistigen Buge vorüberziehen. Man glaubt kaum, was für eine große Veränderung sich im Zeit­raum eines Menschenalters in der Bevölkerung einer Stadt oder eines Dorfes vollzieht, viele Familien sind ausgestorben, andere verzogen, noch andere haben ein unrühmliches Ende genommen. Die meisten derer, die damals auf der höhe des Lebens standen, wohl alle, deren Pfad sich zum Tale neigte, ruhen von ihren Werken, wie der Pfarrer, der mir einst bei der Konfirmation segnend die Hände aufgelegt hat und dessen Grab an der Kirchhofsmauer ich nach langem Suchen ge­funden habe. Und die einstigen Mitschüler sind in alle Welt zerstreut, in Ost und West haben sie sich angesiedelt, von vielen war überhaupt nichts mehr in Erfahrung zu bringen, der eine soll nach dem Kaplande ausgewandert sein, der an­dere nach Kustralien. ändere sind seit Jahren im deutschen Lande verschollen. Man braucht wahrlich nicht wieEhidher, der ewig junge", von dem Friedrich Kückert in einem tief­sinnigen Gedichte redet, alle fünfhundert Jahre an einen Ort zu kommen, um ihn von Grund aus verändert zu finden, es genügen schon Jahrzehnte, um dar Wort des Kpostels Paulus bestätigt zu finden: Das Wesen dieser Welt vergeht.

Kamen verklingen. Kuf Firmenschildern, in den Bürger- ünd Steuerlisten, in den Kdreßbüchern unserer Städte kom­men und verschwinden die Kamen wie Sterne, die eine weile glänzen und dann verlöschen. Oft werden Menschen von den Behörden bei den Wohnungsmeldeämtern gesucht, hin und her wechseln da die Schriftstücke, man fragt auch bei den Pfarrern an, ob die Kamen nicht in den Tauf- oder Konfir­mandenbüchern stehen, aber die Spur ist verloren, wie die Spur eines Wagenrades in sandigen Boden, wenn man nach langem Zwischenräume wieder an einen Ort kommt, wo man einst heimisch war, so versteht man das alte, tiefe, weis­heitsvolle Wort des psalmisten: Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, und sind wie ein Schlaf; gleich wie ein